| 11.33 Uhr

TV-Nachlese "Maischberger"
Thilo Sarrazin, Beatrix von Storch und jede Menge Sticheleien

Düsseldorf. Es liegt nahe, sich Thilo Sarrazin und AfD-Politikerin Beatrix von Storch einzuladen, wenn man über die Gefährlichkeit von Populisten diskutieren will. Doch ein wirklicher Diskurs konnte bei Sandra Maischberger angesichts gegenseitiger Vorwürfe nur schwerlich gelingen. Der Talk im Check. Von Dana Schülbe

Darum ging's

"Nein zum Islam, nein zu Flüchtlingen und nein zum Euro: Schon vor ihrem Parteitag am Wochenende hat die AfD klargemacht, wo sie steht" – mit diesen Worten leitet Sandra Maischberger ihren Talk zum Thema "Angstmacher: Wie gefährlich sind Deutschlands Populisten" ein und gibt damit auch die Richtung vor: eine Auseinandersetzung mit der AfD. Oder wie es dann in der Praxis aussah: Alle gegen die AfD.

Die Runde

  • Thilo Sarrazin, der Ex-Finanzsenator von Berlin, der mit seinem neuen Buch "Wunschdenken" gerade wieder von sich reden macht
  • Beatrix von Storch, stellvertretende AfD-Vorsitzende, die den Anti-Islam-Kurs ihrer Partei mal mit Gegenangriffen, mal mit Relativierung versuchte zu verteidigen
  • Gregor Gysi, ehemaliger Fraktionschef der Linken, fand deutliche Worte für die AfD
  • Elmar Brok, CDU-Europaabgeordneter, konnte sich in der wortstarken Runde kaum durchsetzen und fand nur wenig Gehör
  • Albrecht von Lucke, Politikwissenschaftler mit mitunter guten Argumenten, die angesichts seines Redeschwalls aber untergingen

Frontverlauf

Man hatte erwartet, dass sich Sarrazin mit Beatrix von Storch zusammentun würde angesichts ähnlicher Thesen zum Islam. Doch Sarrazin differenzierte da stark, wollte sich mit einer Partei nicht gemein machen, in der polemische Reden geschwungen würden, die "falsche Erinnungen wecken". Man müsse solche Themen ansprechen, aber man müsse auch darauf achten, "dass man unbeherrschte Ansichten aus der rechten Ecke auf Distanz hält". Vielmehr sei er enttäuscht, dass es nicht seine Partei (die SPD) gewesen sei, die ihm gefolgt sei. Für ihn sei es auch ein völlig falscher Ansatz zu sagen, der Islam sei das Problem, denn was jemand glaubt, sei seine Sache – unerwartete Worte eines Mannes, der für Provokationen bekannt ist.

Gysi gab erwartungsgemäß den Gegenpart zu von Storch und Sarrazin, ließ seinem Frust – auch darüber, dass alle Parteien zu wenig getan hätten, um den Erfolg der Populisten zu verhindern – immer wieder freien Lauf. Damit war er mit Politikwissenschaftler von Lucke auf einer Linie, der Sarrazins sozialbiologische Thesen hochgefährlich nannte. Sein Prinzip sei es, mit starken Thesen zu provozieren, doch an diesem Punkt sei es bei der AfD noch viel dramatischer. Brok dagegen blieb blass, kam kaum zu Wort.

Nervigster Gast

Politikwissenschaftler von Lucke äußerte sich durchaus pointiert, um sich mit von Storch und Sarrazin auseinanderzusetzen. So erklärte er, die AfD sei durchaus die "Übersetzung von Thesen Sarrazins", allerdings gehe die Partei noch einen entschiedenen Schritt weiter, wenn sie sage, der Islam gehöre nicht zu Deutschland. Das sei eine Radikalisierung des Diskurses, die es bislang nicht gegeben habe. Oder: "Sie betreiben eine Politik der Entdifferenzierung, die ihr Klientel, das nicht differenziert denkt, bedient." Dabei ging es darum, warum die AfD nicht in ihr Programm schreibe, dass der politische Islam nicht zu Deutschland gehöre, wenn sie schon differenziere zwischen dem Islam im Allgemeinen und dem politischen Islam (von Storch hatte dies zuvor angemerkt).  Allerdings merkte man von Lucke schnell an, wie wenig er für beide übrig hat, und das machte er mit minutenlangen lautstarken Reden deutlich – was auf den Zuschauer mehr als nervig wirkte. 

Der Austeiler

Gregor Gysi ist dafür bekannt, dass er in Talkshows gern mal laut wird. Diesmal allerdings hielt er sich – zumindest was die Lautstärke angeht – zurück. Er versuchte mehr als von Lucke, den Thesen der AfD mit Argumenten zu begegnen, doch irgendwann schien auch er nur noch genervt, sodass er einen Vorwurf nach dem anderen in Richtung von Storch loswurde. "Die AfD radikalisiert sich ständig", sagte er zunächst, um dann der Partei vorzuwerfen, ihr Programm sei "asozial" etwa in Bezug auf Einkommens- und Vermögenssteuer. Zudem sei die ganze Haltung zu Europa, zu Flüchtlingen, zum Islam grundgesetzwidrig. "Es ist abenteuerlich, was sie hier machen", sagte Gysi, um hinzuzufügen: "Da könnte ich mich so aufregen."

Enttäuschendster Gast

Mit seinem ersten Buch "Deutschland schafft sich ab" hatte Thilo Sarrazin ganz Deutschland provoziert: Die einen sahen sich von seinen Thesen zum Islam im Allgemeinen und in Deutschland bestätigt, die anderen empörten sich. Nun, da die AfD genau auf dieser Schiene fährt, hätte man meinen können, Sarrazin sei rundum zufrieden und dürfte sich noch mehr profilieren. Doch weit gefehlt. Sarrazin machte sich nicht mit der AfD gemein, sagte, der Islam sei nicht das Problem, denn Glaube sei eine Sache, die jeden selbst angehe. Nur wenn die Religion ins Weltliche überschwappe, werde es gefährlich. Worte, die man so nicht von ihm erwartet hätte. Überhaupt blieb er recht blass neben von Storch, zu wenig pointiert waren seine Aussagen im Vergleich zu ihren, zu wirr für den Zuschauer das Zahlenspiel, das er an mancher Stelle von sich gab.

Von Storch in Verteidigungsposition

Wer einstecken kann, kann auch austeilen. Dieses Prinzip machte sich die AfD-Politikerin den ganzen Abend über zunutze. Sie zitierte Volker Kauder, der auch einmal gesagt hatte, der Islam gehöre nicht zu Deutschland. Sie konterte auf Vorwürfe des Politikwissenschaftlers mit dem Begriff der "kollektiven Schnappatmung", die immer alle in Bezug auf die AfD bekämen. Und als Gysi zu ihr sagt, wie man die Flüchtlingskrise bekämpfen kann, nämlich "nicht ihre Mauern, ihre Schießbefehle, ihre Zäune, der einzige Weg ist die Bekämpfung von Fluchtursachen", stichelt sie gegen den Linken-Politiker und die Vergangenheit der Partei: "Mit Schießbefehlen kennt sich die SED ja aus." Gysi daraufhin: "Richtig, und das war falsch und Sie wollen es wieder einführen."

Satz des Abends

"Wir können uns einen Religionskrieg in neuer Form im 21. Jahrhundert überhaupt nicht leisten." Gesagt von Gregor Gysi in Anspielung auf die provozierenden Thesen der AfD und ihre möglichen Folgen.

Kuriosester Moment

Kurz vor Schluss spricht Maischberger von Storch darauf an, dass sie ja keine GEZ zahle – aber Sendungen wie ihre als Plattform nutze, die ja durch die Gebühr finanziert würden. Von Storch: "Ich habe auch schon Zeitungen Interviews gegeben, die ich nicht abonniert habe." Aber sie versprach Maischberger: "Wenn Sie mich erwischen (beim TV schauen), dann zahle ich wieder."

Die gesamte Sendung können Sie sich hier anschauen.

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