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Maischberger-Talk zu umstrittener Antisemitismus-Doku
"Der Film dreht an der Spirale des Hasses"

Maischberger-Talk zur Antisemitismus-Doku: "Film dreht an der Spirale des Hasses"
WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn (links), Sandra Maischberger und Historiker Michael Wolffsohn. FOTO: WDR
Düsseldorf. Wochenlang ist über einen Dokumentarfilm gestritten worden, den noch niemand gesehen hatte. Nun wurde "Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa" doch ausgestrahlt. Danach diskutierten Kritiker und Befürworter bei "Maischberger" weiter. Auch der WDR-Fernsehdirektor stellte sich den Fragen. Von Olivia Konieczny

Ein Film über Hass auf Juden, eine hitzige Debatte, viele hochemotionale Vorwürfe von allen Seiten: Die umstrittene Antisemitismus-Doku hat schon vor ihrer Ausstrahlung für Streit gesorgt. Am Mittwochabend wurde der 90 Minuten lange Film dann doch im Ersten und bei Arte ausgestrahlt. 

Die Auftraggeber, der deutsch-französische Sender Arte und der Westdeutsche Rundfunk (WDR), hatten sich zunächst gegen eine Ausstrahlung entschieden. Aus ihrer Sicht hatten die Münchner Autoren Sophie Hafner und Joachim Schroeder zu viel im Nahen Osten statt in Europa gedreht und Tatsachenbehauptungen ohne Beleg stehen lassen – das waren die Kernvorwürfe.

"Bild.de" hatte Doku veröffentlicht

Gegen die Entscheidung, den Film nicht zu zeigen, protestierten unter anderem der Zentralrat der Juden in Deutschland. Das Portal "Bild.de" stellte den Film am Dienstag vergangener Woche dann für einen Tag online – trotz umstrittener Rechtslage bezüglich der Ausstrahlungsrechte. Anschließend war die Doku auch bei Youtube zu sehen.

"Unsere historische Verantwortung verpflichtet uns dazu, den Unsäglichkeiten, die in der Doku gezeigt werden, entschieden entgegenzutreten", schrieb Julian Reichelt, "Bild.de"-Chef, als Begründung. Die "Bild" unterstellte, die Öffentlich-Rechtlichen hätten die Ausstrahlung nur deshalb verweigert, weil die Doku "ein antisemitisches Weltbild in weiten Teilen der Gesellschaft belegt, das erschütternd ist". 

Am Freitag gab dann die Programmdirektion des Ersten bekannt, die Doku "trotz ihrer handwerklicher Mängel", wie ARD-Programmdirektor Volker Herres sagte, auszustrahlen und sie mit anschließender Maischberger-Diskussion zu begleiten. Wenige Tage später gab auch Arte die ablehnende Haltung auf und teilte mit, den Film zu zeigen – mit Blick auf seine französischen Zuschauer um eine Dreiviertelstunde zeitversetzt. Auch die Maischberger-Diskussion war im Anschluss bei Arte zu sehen.

Darum ging's

Die Dokumentation wirft viele Fragen auf: Macht sich in Deutschland und Europa ein neuer Antisemitismus breit? Speist sich dieser hauptsächlich aus dem israelisch-arabischen Konflikt im Nahen Osten? Und sind es vor allem muslimische Migranten, die ihre Abneigung gegen Juden offen ausdrücken und so ein antisemitisches Klima in der Gesellschaft befördern? Moderatorin Sandra Maischberger diskutierte mit ihren Gästen über Israelhetze, Judenhass – und natürlich den umstrittenen Dokumentarfilm.

Die Gäste

Norbert Blüm, CDU-Politiker
Ahmad Mansour, Psychologe. Er beriet die Autoren des Films.
Gemma Pörzgen, Journalistin und frühere Nahost-Korrespondentin
Rolf Verleger, früheres Mitglied im Zentralrat der Juden
Michael Wolffsohn, Historiker
Jörg Schönenborn, WDR-Fernsehdirektor

Frontverlauf

Die erste Frage ging an den WDR-Fernsehdirektor: Warum wird erst entschieden, einen Film nicht auszustrahlen, um ihn dann doch zu zeigen, fragte Maischberger Jörg Schönenborn. Der verteidigte die Entscheidung: Es habe alles dafür gesprochen, so eine Dokumentation in Auftrag zu geben. Die politischen Veränderungen im Nahen Osten bedeuteten Veränderungen für den Antisemitismus in Deutschland und Europa – und das gehöre in die öffentlich-rechtlichen Programme. Bekommen habe man allerdings einen Film, der "so gravierende journalistische Mängel hatte, dass wir ihn in dieser Form nicht ausstrahlen konnten", sagte Schönenborn.

Der Film sei dann gründlich geprüft worden. Die Fassung, die laut Schönenborg "rechtswidrig" bei "Bild.de" gezeigt worden war, habe sieben Persönlichkeitsrechtsverletzungen enthalten – dies sei in der vom Ersten ausgestrahlten Version geändert worden. Dazu habe es 25 weitere gravierende inhaltliche Mängel oder journalistische Fehler gegeben, sodass man sich entschieden habe, das Ganze nur mit begleitenden Kommentaren im Internet veröffentlichen zu können. So stimmten zum Beispiel einige Jahreszahlen nicht, Massaker an Arabern seien verschwiegen worden, dazu gebe es viele Uneindeutigkeiten. "Unser Gut ist die Glaubwürdigkeit", sagte Schönenborn, "und deswegen muss man nach dem Film auch zwingend die Kommentierung im Internet sehen".

Viel Lob für umstrittene Doku vom Historiker

Der Nahost-Experte und Historiker Michael Wolffsohn, der den Film vorab zu sehen bekommen hatte, lobte diesen als die mit Abstand beste und klügste Doku zu diesem Thema. Der Film zeige nicht nur das, was man immer hört: dass Antisemitismus von alten und neuen Rechten getragen werde. Der Film und die Aufregung darüber verdeutlichten auch, dass weite Teile der Linken ebenfalls von diesem Gedanken überzeugt seien.

Und die Doku zeige "den weithin tabuisierten muslimischen Antisemitismus", sagte Wolffsohn. Ferner belege der Film, dass die Nahost-Konflikte längst in Deutschland, Frankreich und dem Rest Europas angekommen seien. "Europa ist ein Nebenschauplatz des Nahen Ostens, und kein anderer Film hat das bislang gezeigt", sagt Wolffsohn.

Der Historiker kritisiert den Umgang des WDR und von Arte damit: Die Verhaltensweise der beiden Sender lege den Gedanken an eine Zensur nahe. "Hier war ein klares Interesse zu sehen, diesen Film nicht zu zeigen", sagte Wolffsohn. Beide Sender hätten monatelang Zeit gehabt, all die Fehler im Gespräch mit den Produzenten zu klären – das sei aber ausgeblieben. Nachdem "Bild.de" den Film veröffentlicht hatte, habe man nachziehen wollen.

Schönenborn bestritt diese Darstellung: Es habe ständigen Kontakt zu den Produzenten gegeben, die Mängel seien ihnen mehrfach mitgeteilt worden. Auf die Frage, warum die Autoren des Films nicht in der Talkrunde zugegen seien, entgegnete die Moderatorin selbst: Die Gästeauswahl sei Sache der "Maischberger"-Redaktion. Und die habe befunden, dass es für die Diskussion um einen neuen Antisemitismus in Europa eher hinderlich gewesen wäre, wenn die Autoren der Dokumentation anwesend seien – weil sie ausschließlich über den Film und den Umgang damit hätten reden wollen. Darum habe man sich für andere Gäste entschieden.

"Trotzdem möchte ich Ihnen ein Riesen-Kompliment machen, Herr Schönenborn", sagte Wolffsohn: Sie haben es geschafft, dass dieser Film so populär gemacht worden ist - von einem Mini-Mini-Mini-Publikum, welches Arte in Deutschland und Frankreich hätte vorführen können, haben Sie daraus ein Weltereignis gemacht. Die Einschaltquoten waren sicherlich sehr hoch." Schönenborn entgegnete: Dies sei eine Form von PR, die er bedauere – ihm wäre lieber gewesen, wenn all diese Dinge, die nun öffentlich besprochen werden, intern hätten besprochen werden können.

Propaganda oder schonungslose Wahrheit?

Rolf Verleger, früher Mitglied im Zentralrat der Juden und selbst ein Kind von Holocaust-Überlebenden, nennt die Dokumentation "propagandistisch": Wenn man jede Kritik an Israel zur Kritik an Juden erkläre, fordere man antisemitische Parolen geradezu heraus.

Der Psychologe Ahmad Mansour, der selbst einer der Autoren des Films hätte sein sollen, das aus privaten Gründen jedoch absagte, verteidigte die Doku. Sie behandele ein Thema, das in Deutschland tabuisiert wird: den muslimischen Antisemitismus. Viele Juden in Deutschland und Europa hätten inzwischen Angst und wanderten aus, weil sie sich nicht mehr sicher fühlten. "Der Antisemitismus, der aus der muslimischen Community kommt, ist nicht neu. Der hat natürlich mit dem Nahost-Konflikt zu tun, aber auch mit religiösen Argumenten und Verschwörungstheorien. Und da finde ich es gut, dass ein Film diese Tabuisierung bricht und das Thema so klar anspricht."

Die Nahost-Expertin Gemma Pörzgen warf den Filmemachern hingegen eine sehr klare propagandistische Linie vor: Sie hätten von vornherein eine Richtung gehabt und die Dinge undifferenziert dargestellt. Auch Norbert Blüm, der sich seit langem für die Belange der Palästinenser einsetzt, kritisierte die Doku als zu einseitig. Sie folge der "Logik der Rache": "Der Film dreht an der Spirale des Hasses, und er dient deshalb nicht dem Frieden", sagte Blüm.

Fazit:

Die eigentliche Kernfrage der Sendung wird nur unzureichend beantwortet: Ist ein neuer Antisemitismus in Deutschland und Europa auf dem Vormarsch? Immer wieder schweifen die Talk-Gäste in die Details des Nahost-Konflikts ab, statt mehr über den Alltag und das Miteinander von Juden und Muslimen in Berlin, Paris oder Brüssel zu sprechen. Eine Erkenntnis bleibt: Antisemitismus und die Kritik an Israel werden oft durcheinandergebracht - und das dürfe nicht passieren, da sind sich die Experten weitgehend einig.

Die Doku ist, wie zu erwarten war, auch nach der Sendung inhaltlich umstritten - ebenso wie der Umgang mit ihr. Zuschauer können sich ein eigenes Bild machen: Der Film "Auserwählt und ausgegrenzt - Der Hass auf Juden in Europa" ist bis zum 28.06.2017 in der ARD-Mediathek abrufbar. Redaktionelle Infos, die Kritikpunkte und einen Faktencheck gibt es hier.

Zitat des Abends:

"Gratulation, eine meisterhafte PR-Leistung. Ob sie geplant war, ist eine andere Frage." (Historiker Wolffsohn zu WDR-Fernsehdirektor Schönenborn)

Mit Material der dpa.

 
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