| 08.41 Uhr

Talk bei Sandra Maischberger
Varoufakis rechnet mit Europa ab – und lobt Angela Merkel

Maischberger: Yanis Varoufakis zofft sich mit Nikolaus Blome
Selten einer Meinung: Giannis Varoufakis (links) und Nikolaus Blome. FOTO: Screenshot Sandra Maischberger / ARD Mediathek
Berlin. Wer sich Giannis Varoufakis in seine Sendung einlädt, der bekommt ihn auch. Der Ex-Finanzminister Griechenlands war zu Gast bei Sandra Maischberger, hatte einige Überraschungen im Gepäck und brachte manch einen Gast zur Verzweiflung. Von Ludwig Krause

"Erinnern Sie sich, worüber wir gesprochen haben, bevor die vielen Flüchtlinge kamen?", fragte Sandra Maischberger zu Beginn ihrer Sendung. "Ja, es ging um Griechenland und um die Schulden." Man wollte es kaum glauben: Zumindest gefühlt hat die Redaktion die erste Talkshow des Jahres auf die Beine gestellt, in der es im Kern nicht ausschließlich um Asylbewerber geht.

Nun hat das Thema "Schuldenkrise" zwar auch nicht unbedingt den Ruf, revolutionär zu sein. Aber immerhin konnte Maischberger einen prominenten Gast begrüßen, der zumindest vor einigen Monaten noch in aller Munde war: Giannis Varoufakis. Und ganz ohne Flüchtlings-Debatte kam man dann auch nicht aus. "Erst Eurokrise, jetzt Flüchtlingsstreit – Wieder Ärger mit Griechenland?", fragte die Moderatorin die Runde.

Die Gäste

Kaum ein europäischer Politiker polarisierte während seiner Amtszeit so stark wie Giannis Varoufakis, der die Sparpolitik der Eurogruppe immer strikt ablehnte. Schnell avancierte er zum "Rockstar" unter den Finanzministern. Dass Varoufakis jetzt wieder das Rampenlicht sucht, ist kein Zufall: Nach seinem Rücktritt im Sommer 2015 will Varoufakis jetzt mit einer linken Bewegung die EU revolutionieren. "Ich war nie weg", sagte er. Kommt uns irgendwie auch so vor.

Seine größte Freundin des Abends war – zumindest politisch – Sahra Wagenknecht, Fraktionsvorsitzende der Linke. "Es zeigt sich einfach, dass der Euro nicht funktioniert, sondern immer größere wirtschaftliche Ungleichgewichte erzeugt", sagte sie. Am dramatischsten werde das in Griechenland deutlich. Deutschland habe "leider sehr viel Porzellan zerschlagen", sagte sie.

"Bild"-Journalist Nikolaus Blome forderte schon 2010: "Tretet aus, ihr Griechen!" Die Verantwortung für die griechische Krise läge allein bei den Griechen, sagte er. "Wenn die Maßnahmen seit fünf Jahren nicht funktionieren – und die gleichen Maßnahmen funktionieren in anderen Ländern wie Spanien, Portugal, Irland sehr gut –, hat das mit dem Land zu tun."

Der CDU-Europa-Abgeordnete Elmar Brok setzte da schon eher auf Durchhalteparolen. "Nationale Abschottung ist keine Lösung, das zeigt gerade die Flüchtlingspolitik. Europa ist nur gemeinsam stark", sagte der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Europaparlament. "Eine so vielfältige Krisenlage der EU habe ich bisher noch nicht erlebt."

Weil die FDP im Bundestag derzeit keine Rolle spielt, bleiben Christian Lindner noch exakt zwei Bühnen, um seine Nachrichten unters Volk zu bringen: Der NRW-Landtag und Talkshows. Dementsprechend gerne besucht er letztere – und weiß sich dabei immer bestens zu präsentieren. Der Liberalen-Chef ist überzeugt, dass die Griechen ihre Schulden nicht zurückzahlen können und fordert einen "Grexit" auf Zeit und einen "Schuldenschnitt außerhalb des Euro".

Die Sonderbehandlung des Varoufakis

Man weiß nicht, ob es vorauseilender Gehorsam oder Bedingung für den Auftritt war: Auf jeden Fall wurde von vorne herein deutlich, dass Varoufakis nicht wie ein gewöhnlicher Gast behandelt werden würde. Bei der Begrüßung der Zuschauer durfte er schelmisch lächelnd neben Maischberger stehen, während die anderen Gäste brav auf ihren Plätzen saßen. Danach ging es erst einmal ins Vieraugengespräch, bevor sich auch der Rest zum viralen Gast äußern durfte. Er antwortete auf Englisch, die ARD legte einen Übersetzer drüber. Zumindest den hätte man zeitweise am liebsten abgewürgt.

Das überraschende Wolfgang-Schäuble-Geständnis

Da hatte sich die Redaktion extra die Mühe gemacht, Zitate von Varoufakis herauszusuchen. "Berlin ist das Zentrum allen Übels", zum Beispiel. Dann aber das: Er werde falsch zitiert, missverstanden, das habe er so nicht gesagt. "Vielleicht schaffe ich es bis zum Ende der Sendung, dass ich Ihnen das Interview zeigen kann", grätschte Maischberger dazwischen. Varoufakis lächelte erst, reagiert dann aber genervt. "Wollen wir über die Dinge sprechen, die wirklich wichtig sind – oder über Personalien?" Er verstehe nicht, warum ihm ein solch schlechtes Verhältnis zu Wolfgang Schäuble angedichtet werde. "Ich habe Ihn nie angegriffen." Da muss selbst Maischberger lachen. "Lesen sie alle meine Aussagen." Zeit für griechischen Pathos: "Ich habe immer meine Wertschätzung zum Ausdruck gebracht. Für ihn als Finanzminister und europäischer Staatsmann." Er habe es immer es als Privileg gesehen, mit ihm reden zu dürfen. "Es ist wunderbar, dass sie einander respektieren", antwortete Maischberger.

Der Satz des Abends

Varoufakis: "Der klügste Moment des Jahres war der, als Kanzlerin Merkel in einer Geste des Humanismus die Grenzen geöffnet hat. Da war ich sehr stolz auf Europa und auch auf Deutschland."

Der Schlagabtausch der Sendung

"Ein Staat ist pleite, und dem laden wir den größten Kredit der Menschheitsgeschichte auf", sagte Varoufakis. "Das ist doch ein Desaster. Wenn Sie pleite sind, wenn ich pleite bin, dann gibt uns doch keiner einen solchen Kredit zu solchen Konditionen. Das kann doch gar nicht laufen."

Als die große Runde dann eröffnet wurde, krachte es richtig. "Die Analyse von Herrn Varoufakis ist falsch", sagte Elmar Brok. "Es sind nicht nur Austerität gewesen und Sparmaßnahmen und neue Kredite. Es ist immer Strukturveränderung gewesen. Das ist das entscheidende Glied, das Herr Varoufakis nicht genannt hat." Es gehe aber darum, Länder wettbewerbsfähig zu machen. Ein Weg, den Irland, Spanien und Portugal gegangen seien. "Und wo es funktioniert." Sahra Wagenknecht fuhr dazwischen: "Das stimmt doch gar nicht."

Nun schaltete sich auch Nikolaus Blome ein: Das Geld sei gezahlt worden, "damit der griechische Staat seine Renten bezahlen konnte, damit der griechische Staat Lehrer bezahlen konnte, die Rechnungen bezahlen konnte, die er allesamt nicht hätte bezahlen können".

Das brachte einen Varoufakis nicht aus der Ruhe. "Sie kennen einfach die Fakten nicht", sagte er. "Wir konnten die Bedürfnisse des Staates zu 100 Prozent aus eigenen Reserven decken." Höher ist nur der Grad von Varoufakis Selbstüberzeugung. Als Maischberger ihn daran erinnerte, dass in einer Talkshow auch andere Gäste Recht auf Meinung hätten, machte er munter weiter: "Aber wenn sie falsche Fakten haben, brauchen wir gar nicht zu reden."

Erkenntnis des Abends

Elmar Brok fasste die Lösung der Flüchtlingskrise aus seiner Sicht zusammen: "Wir müssen den Krieg beenden, der die Ursache ist. Wir müssen die Russen stoppen, die auf Aleppo bomben. Wir müssen den Türken und Libanesen Geld geben, damit die Flüchtlinge da anständig leben können, nah an ihrer Heimat. Wir müssen mit den Türken zusammenarbeiten, dass die Schmuggler gehindert werden, das Unmenschliche zu tun. Und diejenigen die kommen, brauchen Hotstops, damit wir dort vor Ort registrieren können und die zurückschicken können, die nicht hier her gehören." Na dann.

Fazit

Auch wenn zeitweise alle fünf Gäste gleichzeitig redeten, während Maischberger beschwichtigend mit den Armen ruderte: Meinungsstarke Gäste und die Mensch gewordenen Selbstüberzeugung Giannis Varoufakis sorgten für einen der unterhaltsamsten Talks seit langem.

Hier geht es zur Sendung in der Mediathek.

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