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Manfred Krug ✝
Kantiger Romantiker

Von diesen Menschen nahmen wir 2016 Abschied
Von diesen Menschen nahmen wir 2016 Abschied FOTO: dpa, kne pzi tig sja
Berlin. Im Alter von 79 Jahren ist der große Schauspieler und Jazz-Musiker Manfred Krug in Berlin gestorben. In der DDR sang Manfred Krug Jazz – bei uns kannte man ihn als "Liebling Kreuzberg" und "Tatort"-Kommissar. Krug war immer ein Mann für besondere Momente. Von Wolfram Goertz

Die Mundharmonika zählt nicht zu den künstlerisch wertvollen Instrumenten. Das ist ein Jammer. Der große belgische Jazzmusiker Toots Thielemans hat sie virtuos gespielt, das "Lied vom Tod" und sämtliche "Winnetou"-Filme pfiffen ohne sie aus dem letzten Loch, und dann war da ja auch Manfred Krug, der die Mundharmonika in unseren Breitengraden zu volkstümlicher Popularität brachte. Wenn Krug mit dem "Tatort"-Kollegen Brockmöller in Othmarschen am Elbstrand saß und sehnsüchtig nach Finkenwerder hinüberschaute, dann sangen beide gern ein Liedchen, aus dessen Intonation man spürte, dass dieses Kommissarsleben doch gar nicht so schlecht war. Und einen Refrain spielte Krug stets auf seiner Mundharmonika, Brocki summte dazu, die beiden hatten soeben einen komplexen Fall gelöst, aber er zerrte nur selten an ihren Nerven. Die Musik war ihr Puffer.

Der entspannteste "Tatort"-Kommissar 

Wenn man sich dagegen beispielsweise den Hypertoniker Batic, den verbissenen Finke oder den fast jesuitisch geschärften Borowski anguckt (um einige aktuelle oder historische Kollegen zu nennen), war Krug der entspannteste "Tatort"-Kommissar aller Zeiten. Kriminalistik war für ihn eine Art Nebensache, die ihn freilich den ganzen Tag über in Anspruch nahm. Krug liebte es, im Dienst zu improvisieren, worunter einzig der Methodiker Brockmöller litt, nie aber das Publikum. Wenn er mit dem Arm und einem Zigarillo wedelte und sagte: "Dann laden wir ihn einfach aufs Revier, fertig!", wurde Banalität mit einer Gelassenheit ummantelt, zu der eben nur ein Mundharmoniker fähig war.

Manfred Krug bei einem Auftritt im Rahmen der Weltfestspiele der Jugend un Studenten im August 1973 in Ost-Berlin. FOTO: dpa, aen vfd sab

Und wenn Krugs "Tatort" in der DDR zu sehen war, dann wussten die Zuschauer, dass dieser Paul Stoever alias Manfred Krug eigentlich einer der ihren war. Denn dessen Leben war nun wahrlich eine gesamtdeutsche Karriere, in der es mehr als nur ein paar aufregende Kapitel gab. Krugs Vita war eine aufregende Fahrt mit der Achterbahn. Eigentlich war er Duisburger, und zwar mit dem Herzen desjenigen, der als Kind Ruhrort erlebt hat. Aber das Schicksal wollte es, dass der kleine Manfred – geboren am Rosenmontag des Jahres 1937 – erst den Weltkrieg und dann die Zerrüttung der Familie zu spüren bekam. Das alles spielte sich zwischen Hennigsdorf bei Berlin (wo der Vater als Eisenhütten-Ingenieur arbeitete) und Duisburg ab, oft saß er allein im Zug, fuhr durch die Welt, verlassen von allem, das ihn hätte behüten können – und vielleicht war das die Zeit, da Manfred Krug beschloss, dass es besser sei, zu den Dingen eine eigene Meinung zu haben. Er blieb beim Vater. Und er blieb im Ostteil Berlins, der Hauptstadt der neu gegründeten DDR, und er hoffte, dass dort nun alles gut würde.

Ungemütlichkeit sollte für lange Zeit die Betriebstemperatur bleiben, die Manfred Krugs Leben bestimmte, vielleicht brauchte er das auch. Kaum volljährig, spielte er bereits in Bertolt Brechts Berliner Ensemble mit (von 1955 bis 1957). Das Schauspielstudium brach er ab, denn im Film sah man in ihm einen Charakterkopf, dessen Schädel damals, in den 50er und 60er Jahren, noch nicht gerodet war. Aber Krug war nicht nur am Film interessiert, er war vielseitig begabt, sozusagen ein Multitalent. In einer Berliner Wohngemeinschaft wohnte er Tür an Tür mit dem großen Autor Jurek Becker ("Jakob der Lügner"). Im täglichen intellektuellen Gefecht der Freunde verdichtete sich Krugs Verhältnis zur eigenen Meinung.

Abschied von Schauspieler Manfred Krug FOTO: dpa, Nestor Bachmann

In Film und Fernsehen der DDR war er ein überaus beliebter Star, aber es wurde nicht alles goutiert, was er machte. Die Zusammenarbeit mit dem Regisseur Frank Beyer verlief grandios, in "Spur der Steine" (einem realistischen Porträt der DDR und des SED-Innenlebens) kapierte Krug, der wache Geist, jedoch in überdeutlicher Form, welchen Geistes die Obrigkeit war. Die Zensurmaßnahmen verliefen im Zickzack, erst wurde das Opus genehmigt, dann wieder kritisch beleumundet. Dann fiel "Spur der Steine" der Zensur vollends zum Opfer und war im Osten Deutschland erst nach der Wende zu sehen.

Bertold Brecht und Jurek Becker

Vermutlich in genau diesen Tagen beschloss Krug, in diesem Staat nicht länger bleiben zu wollen. Die Musik half ihm, eine Parallel-Leidenschaft in den Vordergrund seines Gefühlslebens zu spielen. Krug liebte den Jazz, und er sang leidenschaftlich gern – und gut. So gut, dass kein Geringerer als der große Opernregisseur Walter Felsenstein ihn 1970 für die Rolle des Sporting Life in George Gershwins "Porgy und Bess" (an der Komischen Oper, dem Mutterhaus des modernen Regie-Realismus) besetzte. In den Kritiken von damals war der Tenor einhellig: Der junge Sänger Krug war in dieser Partie eine Bombe. In der Folge nahm Krug eine Reihe schöner Jazz-Platten auf, und zu nicht wenigen Songs schrieb er die Texte selbst. Als Pseudonym diente ein gewisser Clemens Kerber.

Die Kerbe zwischen ihm und dem Staat wurde größer und größer, und als er den Protest gegen die Ausbürgerung von Wolf Biermann unterschrieb, ahnte er, dass das Ende seiner Tage gekommen war. Sein Ausreiseantrag wurde genehmigt, natürlich gab es längst eine Stasi-Akte über ihm.

Der Westen hieß nun Schöneberg, doch die Ungemütlichkeit blieb, denn Krug wusste nicht, wie seine Karriere im Westen weitergehen würde. Es wurde alles gut, denn einer wie Krug kam immer unter. Die "Sesamstraße" profitierte von seiner fidelen Art, doch schon in "Auf Achse" merkte man, dass das Markante bei ihm zugenommen hatte. Zugleich lag eine produktive Gebrochenheit in seinem Können, eine Art Sehnsucht nach Friedlichkeit. Die spendierte er sich später in seinen großen Rollen. Als Rechtsanwalt Robert Liebling mischte er im Dauerbrenner "Liebling Kreuzberg" die knarrenden Regularien des Rechtsstaates charmant mit dem gesunden Menschenverstand – und das gelang auch deshalb, weil sein alter Freund Jurek Becker ihm die Drehbücher auf den Leib und in die Seele geschrieben hatte.

Werbefeldzug für Telekom-Aktien

Kante zeigen, unverblümt denken und reden – das bedeutete auch, Fehler zu machen und mal übers Ziel hinauszuschießen. Sein Werbefeldzug für Telekom-Aktien war eine Schnapsidee. Aber konnte man einem wie Krug wirklich böse sein? Nein, man konnte es nicht, denn mit seiner Mundharmonika gab er, einer der letzten Volksschauspieler, die Traumrolle des Romantikers, der dem Leben und seiner Ungemütlichkeit für Minuten oder Stunden oder für immer entkommen möchte. In diesen Momenten mit Brocki am plattdeutschen Strand, da beide Lieder zur Mundharmonika sangen und die Großstadt jetzt weit weg war, erlebten wir den Gemütsmenschen Stoever alias Krug in seiner ganzen Vielschichtigkeit.

Der große Mundharmonika-Virtuose Toots Thielemans ist vor ein paar Wochen gestorben. Kollege Krug ist ihm jetzt gefolgt, im Alter von 79 Jahren. Um dieses Duo ist der Himmel zu beneiden.

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