| 10.12 Uhr

ZDF-Sendung "Klartext"
Schulz fordert zweites TV-Duell mit Merkel

Martin Schulz fordert in "Klartext" 2. TV-Duell mit Angela Merkel
Kanzlerkandidat Martin Schulz stellt sich in der ZDF-Sendung "Klartext" Fragen der Bürger. FOTO: dpa, tba
Berlin. In der ZDF-Sendung "Klartext" stellte sich SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz den Fragen der Zuschauer. Teils überzeugte er mit präzisen Antworten, teils schien er sich selbst mit finanziellen Zugeständnissen überbieten zu wollen. Und am Ende hatte er noch eine Botschaft für die Kanzlerin. Von Jan Drebes

Martin Schulz dürfte derzeit die zermürbendsten Tage des bisherigen Wahlkampfs erleben. Weniger als zwei Wochen vor der Bundestagswahl sieht sich der SPD-Kanzlerkandidat mit miserablen Umfrageergebnissen konfrontiert, teils wähnen die Demoskopen die SPD nur bei 21 Prozent. Schlechter stand die Partei noch nicht da, seit er zum SPD-Chef gewählt wurde und die Rolle des Herausforderers gegen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) übernahm.

Andererseits muss Schulz jetzt einen Endspurt absolvieren, ist nahezu täglich auf einem anderen Marktplatz irgendwo in der Republik zu Gast und soll dort immer frisch, immer kämpferisch, immer nahbar wirken. Das schlaucht, auch wenn es sich Schulz am Dienstagabend im ZDF nicht anmerken lässt. Auch dort versucht er sich wieder kämpferisch und nahbar zu zeigen - und so frisch, wie es über 90 Minuten Live-Sendung eben geht.

Die Nachricht des Abends hob sich Schulz aber für den Schluss auf: Er habe Merkel einen Brief geschrieben, in dem er sie zu einem zweiten TV-Duell herausfordere, sagte er. Das erste und bisher einzige Duell gab es am 3. September. Hinterher als "Duett" zweier Großkoalitionäre verspottet und für einen Mangel an Themenvielfalt kritisiert, blieb insgesamt kein guter Eindruck vom Schlagabtausch der Kanzlerin und ihrem Herausforderer. Keiner konnte davon profitieren.

Ein Underdog muss alles versuchen

Im Gegenteil: Schulz sackte danach mit der SPD noch weiter in den Umfragen ab. Jetzt also macht Schulz das Angebot aus dem Selbstverständnis heraus, dass er die besseren Antworten auf Fragen nach Bildung, Digitalisierung und sozialer Gerechtigkeit habe. Alles Themen, die beim ersten Duell zu kurz kamen. Allerdings schwingt darin auch der Ausdruck des Verzweifelten mit. Des Underdogs, der alles tun muss, um Merkel in eine Debatte zu verwickeln, um die eigenen Wähler noch zu mobilisieren und eine möglichst große Zahl der vielen Unentschlossenen für sich zu gewinnen.

Martin Schulz (SPD) hört einer Frage der Zuschauerin Renate Braun zu. FOTO: dpa, tba

Das Townhall-Format im ZDF half Schulz dabei schon mal, diesen Eindruck konnten die Zuschauer zur besten Sendezeit am Dienstagabend gewinnen. Schulz gab sich gleich zu Beginn selbstbewusst: "Ich will Bundeskanzler werden, na klar." Im Gespräch mit einer Rentnerin aus Hamburg, die mit ihrem Mann wegen eines anstehenden Umbaus der Wohnung gezwungen wird auszuziehen, begegnete er emphatisch und entschlossen zugleich.

Dass der Vermieter die Kosten nach dem Umbau von 230 auf 800 Euro kalt erhöhen wolle, nannte Schulz Wucher. ZDF-Chefredakteur Peter Frey überraschte Schulz dann: Blöd nur, dass es sich beim Vermieter um eine städtische Wohnungsbaugenossenschaft im SPD-regierten Hamburg handelt, oder? Schulz machte den vielleicht besten Punkt des Abends: "Das interessiert mich nicht, das interessiert auch die Mieter nicht", entgegnete er. Er wolle die Genossenschaft trotzdem fragen, ob die einen Knall hätten. Applaus.

Immer wieder gelang es ihm, die Schuld für liegengebliebene Gesetze bei Angela Merkel persönlich festzumachen. Verschärfung der Mietpreisbremse, Einführung einer Musterfeststellungsklage für mehr Verbraucherrechte betrogener Diesel-Fahrer, Rückkehrrecht von Teilzeit in Vollzeit. Schulz schaffte es auch, einer wütenden und verängstigten Frau in der Flüchtlingsdebatte behutsam den Wind aus den Segeln zu nehmen: Sie sagt, die Zahl sexueller Übergriffe habe mit den Flüchtlingen zugenommen, Schulz entgegnet, Straftäter müssten konsequent abgeschoben werden, und sie fügt hinzu: Die Zahl der Übergriffe sei um mehr als 500 Prozent angestiegen.

Martin Schulz mit den Moderatoren Peter Frey und Bettina Schausten. FOTO: dpa, tba

Schulz hält inne und fragt nach der Quelle. Die Frau sagt, das habe sie aus dem Internet gezogen. Im Studio erntet sie dafür Gelächter, Schulz bleibt trotzdem ernst. In Ordnung, er werde das prüfen, sagt er. Ein weiterer Punkt für den SPD-Kandidaten. Selbst als eine junge Frau kritisch auf den mutmaßlich menschenunwürdigen Umgang der libyschen Küstenwache mit Flüchtlingen auf dem Mittelmeer hinweist, kann Schulz das Gespräch für sich entscheiden. Er bleibt konsequent und hält ihr entgegen: "Mit einer Küstenwache, die verhindert, dass Menschen ohne Navigation und Verpflegung aufs Mittelmeer geschickt werden, arbeite ich zusammen."

Mehr Geld für fast alle

Und dennoch entstand in der Sendung oftmals der Eindruck, Schulz verteile nur allzu leichtfertig Geld mit beiden Händen, um dem Wählerwillen gerecht zu werden: Mehr Geld in die Pflege (obwohl es dem Pfleger aus dem Publikum darum gar nicht primär ging), mehr Geld für die Polizei im Kampf gegen hohe Einbrecherzahlen, mehr Geld in Bildung, mehr Investitionen in die Kommunen bis hin zu einer Untertunnelung Leverkusens, um die Zahl von Stickoxid-Toten zu reduzieren.

Fast alle Fragesteller zeigten sich hinterher überzeugt von Schulz' Antworten, das hatte er erreicht. Er rückte nah an sie heran, schüttelte Hände, setzte sich neben sie. Schulz zum Anfassen und Ausquetschen, das Format mit etwas mehr Tiefgang tat ihm gut. Und es tat nach zahlreichen deutlich schnelleren Sendungskonzepten wohl auch vielen Wählern gut.

Am Donnerstag wird sich Angela Merkel den Fragen im "Klartext"-Format und damit einem Fernduell stellen. Es wird einer der wenigen vergleichbaren Auftritte vor der Wahl bleiben - es sei denn, die Kanzlerin stimmt nach Schulz' Brief tatsächlich noch einem zweiten TV-Duell zu.

 
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