| 09.44 Uhr

USA-Talk bei Maybrit Illner
"Meine Sorge ist, dass Trump die ganze Welt in Unordnung bringt"

Maybrit Illner: "Die Chinesen haben Trump noch viel zu wenig gefeiert"
FOTO: ZDF
Düsseldorf. Donald Trump ist vor einem Jahr zum US-Präsidenten gewählt worden. Die Welt steht noch - aber ist sie, wie sie war? Das fragte ZDF-Talkerin Maybrit Illner ihre hochkarätigen Gäste. Noch-Bundesaußenminister Sigmar Gabriel sieht die ganze Weltordnung bedroht. Von Olivia Konieczny

Darum ging's

Dass Donald Trump einmal ins Weiße Haus einziehen würde, hatten viele nicht für möglich gehalten. Der Schock saß tief, als er tatsächlich zum US-Präsidenten gewählt wurde. Seither ist ein Jahr vergangen. "Der unfassbare Präsident - was hat Donald Trump verändert?", fragte Maybrit Illner am Donnerstagabend ihre Gäste. Die These: Weder die Mauer zu Mexiko ist gebaut, noch wurde Obamas Gesundheitsreform abgeschafft. Und trotz aller Drohungen hat Trump noch keinen Krieg entfesselt. Auch Wirtschaft und Börse sind nicht zusammengebrochen. Gibt es also Grund zur Sorge? Wohin steuern die USA und mit ihnen der Rest der Welt?

Darum ging's wirklich

Die Illner-Redaktion verzichtete an diesem Abend auf den Talkshow-typischen Ansatz, Befürworter und Gegner einer Sache oder Person aufeinanderprallen zu lassen. So kam eine sachliche Diskussion mit viel Expertise zustande. Der Zuschauer bekam eine Zusammenfassung von Trumps erstem Regierungsjahr - und einen Ausblick darauf, wohin die globale Weltordnung steuert - insbesondere im Hinblick auf China. Der Noch-Bundesaußenminister zeichnet ein düsteres Bild der Zukunft.

Die Gäste

  • Sigmar Gabriel (SPD), scheidender Bundesaußenminister
  • Anke Domscheit-Berg, parteilos, sitzt für Die Linke im Bundestag
  • Erik Kirschbaum, US-Journalist
  • Bernhard Mattes, Präsident der amerikanischen Handelskammer in Deutschland
  • Claus Kleber, Moderator ZDF-"Heute Journal"

Frontverlauf

So geschwächt Trump wirken mag - unterschätzen dürfe man ihn und seine Politik nicht, gab ZDF-Moderator und Amerika-Kenner Claus Kleber gleich zu Beginn der Sendung zu bedenken. "Wir halten uns viel zu sehr an den großen Projekten auf", sagte Cleber. Man dürfe nicht bloß auf die Misserfolge Trumps schauen: "Auf der Ebene der kleinen Dinge, die in Deutschland Rechtsverordnungen heißen, ist sehr viel passiert." Trump handele strategischer, als vielen klar sei. So seien zum Beispiel Umweltschutz und Finanzmarktregulierung deutlich reduziert worden. In der Tat: Trump hat bereits rund 800 Dekrete aus der Obama-Zeit kassiert, die meisten aus dem Bereich Umweltschutz - das hinterlässt Folgen.

"Autoritäre Antworten sind underway"

Noch-Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) warnte vor einer neuen Unordnung in der Welt - weil Trump sich auf eine innenpolitische Agenda fokussiere und dem alles unterordne. "Das Paradoxe ist, dass die, die die liberale Weltordnung aufgebaut haben, dass ausgerechnet das Land, das das geschaffen hat, jetzt das genaue Gegenteil produzieren will." Dadurch entstehe ein Machvakuum: "Und es ist ja nicht so, dass da keiner reingeht", warnt Gabriel. "Autoritäre Antworten sind underway. Die kommen."

Damit ist der Drache China im Raum, der "Dragon", wie Bernhard Mattes, Präsident der amerikanischen Handelskammer in Deutschland, es ausdrückt China ist laut Gabriel derzeit das einzige Land auf der Welt mit einer echten, großen geopolitischen Strategie. Die Chinesen wollten Handel und Wirtschaft nicht mehr an Menschenrechte und Meinungsfreiheit binden, sie hätten ganz andere Vorstellungen.

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"Die Chinesen denken in großen Zügen"

Früher waren die Chinesen für Trump der Bösewicht schlechthin. Jetzt hat der US-Präsident bei seiner Asienreise gerade einen 250-Milliarden-Deal mit Peking abgeschlossen. Klaus Cleber kommentiert das so: Trump habe China mit der Kündigung des transpazifischen Partnerschaftsabkommens das größte Geschenk überhaupt gemacht. Damit sei der gesamte pazifische Raum - geformt nach westlichen Vorstellungen - aufgegeben worden. "Ich finde, die Chinesen haben ihn noch viel zu wenig gefeiert", sagt Cleber.

Russland sei weiterhin eine Regionalmacht und verhalte sich auch so. "Aber die Chinesen denken in großen Zügen und handeln, und das in einem Tempo, das schneller geht als unsere Sondierungen", sagt Cleber. Wenn man schaue, womit Deutschland und die EU sich so aufhielten, werde deutlich, dass man da nicht wird mithalten können.

Das ist Maybrit Illner FOTO: Illner Maybrit Screenshot ZDF

"Wir erleben jetzt gerade G2"

Gabriel bringt es so auf den Punkt: "Das, was die USA da machen, trifft am Ende sie selber, aber ganz besonders uns in Europa. Wir sind alleine nicht in der Lage, diese liberale Weltordnung aufrechtzuerhalten. Die Folgen davon werden wir erst in einigen Jahren erleben. Die Amerikaner auch, aber dann kann es zu spät sein." Die Welt bewege sich weg von G20, gar weg von G8, warnt Gabriel: "Wir erleben jetzt gerade G2."

Natürlich kommt in dieser Diskussion auch der Nordkorea-Konflikt zur Sprache. Wenn das kommunistische Land sich damit durchsetze, Atomwaffen zu haben, dann würden andere Länder dem folgen, warnt Gabriel. "Und dann werden unsere Kinder und Enkel in einer verdammt gefährlichen Welt leben." Es sei wichtig, China, Russland und die USA an einen Tisch zu bringen. "Meine Sorge ist, dass die Unberechenbarkeit Trumps, wenn er sich mal so und mal so verhält, die ganze Welt in Unordnung bringt. Wenn der Präsident der Vereinigten Staaten und seine Administration, sein Verteidigungsminister, sein Außenminister, komplett gegensätzliche Botschaften in die Welt schicken, dann dreht die Welt durch!"

Fazit

Nach der Diskussion ist klar: Donald Trump ist und bleibt unberechenbar - und setzt dadurch viel aufs Spiel. Er hat seit seinem Amtsantritt mehr verändert, als es den Anschein macht, und vor allem China zu großer Stärke verholfen. Und: Er genießt bei seinen Anhängern weiter Rückhalt. Wohin das steuert, ist kaum abzusehen. 

Zitat des Abends:

Kleber: "Trump schreibt sich alles zu. Wenn morgens die Sonne aufgeht, schreibt er sich das zu. Und die ist bis jetzt weiter aufgegangen."

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Textes stand, Trump sei seit einem Jahr Präsident. Korrekt ist: Er wurde vor einem Jahr zum Präsidenten gewählt, aber erst im Januar offiziell ins Präsidenten-Amt eingeführt.

 
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