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TV-Kritik zu "Maybrit Illner"
Ein Talk auf Kosten von Angela Merkel

Maybrit Illner: Ein Talk auf Kosten von Angela Merkel
Kanzleramtschef Peter Altmaier (CDU) sei der "fleischgewordene Runde Tisch der Nation und Retter Angela Merkels", sagt der Journalist Wolfram Weimer. FOTO: Screenshot ZDF
Düsseldorf. Stolpert Kanzlerin Angela Merkel über die Flüchtlingskrise? In der Runde bei Maybrit Illner war sich nur Flüchtlingskoordinator Peter Altmaier sicher: "Die Kanzlerin hat noch nie einen Retter gebraucht". Doch wirklich überzeugen konnte er Zuschauer und Talkgäste davon nicht. Von Jessica Balleer

Die Gästeliste des Talks bei Maybrit Illner kann getrost unter "Im ZDF nichts Neues" verbucht werden: Flüchtlingskoordinator Peter Altmaier (CDU), SPD-Generalsekretärin Yasmin Fahimi, Landrat Stefan Löwl (CSU), Verleger Wolfram Weimer und Diana Henniges von der Hilfsorganisation "Moabit hilft" gastierten.

Altmaier als "fleischgewordener Runder Tisch der Nation"

Die erste knappe Stunde lang musste Bundeskanzlerin Angela Merkel als Zielscheibe der Debatte herhalten. Es hätte wohl keiner gedacht, dass der Journalist Wolfram Weimer die Talk-Richtung vorgeben würde: Von Beginn an hatte er sich auf Merkel eingeschossen. Illner tat er damit einen Gefallen, denn neben dem Beschluss der Bundesregierung zur Asylverschärfung war Merkel als Thema gesetzt. Sein Angriff auf Altmaier war die nennenswerteste Duftmarke des Talks: "Sie sind doch der fleischgewordene Runde Tisch der Nation, der Retter von Angela Merkel."

Fotos: Flüchtlinge stellen Deutschland vor Herausforderung FOTO: dpa, car pzi

Die Antwort von Altmaier kam prompt: "Die Kanzlerin hat noch nie einen Retter gebraucht." Er legte Umfragezahlen auf den Tisch und bestätigte mit seiner heftigen Abwehrreaktion sogleich Weimers Worte. Mit der Äußerung "Bürger respektieren ihren Staat nur, wenn er seine Grenzen sichert", offenbarte Weimer dann aber eine sehr antiquiert wirkende Haltung, und schaffte es von da an mit keinem seiner weiteren Wortbeiträge mehr zurück ins 21. Jahrhundert. 

Altmaier (CDU) durfte sich auf die Schulter klopfen: "Die Asylverschärfung ist ein wichtiger Schritt. Über 200.000 Menschen aus sicheren Herkunftsländern sind gekommen, die unser Land wieder verlassen müssen", sagte er. Im Verlauf des Talks betonte er immer wieder die neue Linie der Bundesregierung in der Flüchtlingspolitik. 

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Schwerer machte es Illner der SPD-Generalsekretärin Yasmin Fahimi. Angesprochen auf die Parteisituation kam sie ins Rudern: Nein, die SPD spalte sich nicht. "Statt Parteitaktik brauchen wir jetzt eine Lösung", sagte Fahimi. Auf Merkels "Wir machen das", müsse ein "So machen wir das" folgen. Mit klarer Kante präsentierte sich Fahimi sonst aber als Medienprofi. Sie war es auch, die den Dachauer Landrat Löwl weitestgehend aus der Sendung nahm. Stefan Löwl (CSU) würdigte mit dem zurechtgelegten Satz "Realität schafft Mehrheiten" die Route der Bundesregierung. Mehr kam dann allerdings nicht von ihm. Nachdem er zweimal von "Frauchen Fahimi" verbal zurückgepfiffen wurde, flüchtete er in den sicheren Kokon des Selbstmitleids.

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Der 23-jährige Flüchtling Feras aus Aleppo, der später im Verlauf der Diskussion noch an den Tisch geholt wurde, frischte die Debatte auf: Zwar hielt der gebildete Syrer mit Sätzen wie "Ich bin gegen Gewalt" als Vorzeige-Flüchtling her. Dennoch taten seine Worte einer Sendung gut, die in den sozialen Medien erneut mit rechtsradikalen Kommentaren einzelner Einfaltspinsel einherging.

Diana Henniges von der Hilfsorganisation "Moabit hilft" hingegen war das schwächste Glied der Runde. Es ehrte sie, den Beschluss über die neue Asylpolitik als "Bestrafung für Flüchtlinge" zu bezeichnen. Sätze wie "Asyl ist ein Menschenrecht, wir schaffen das ohne ein Wenn und Aber" hingegen offenbarten die Naivität eines Menschen, der aus Hilfsbereitschaft für die Flüchtlinge offenbar die Schwierigkeiten der Realität teilweise ausblendet. Ungläubige Blicke erntete sie von Fahimi und Altmaier für ihren Schlusssatz, der zugleich die Pointe der Sendung war. Henniges forderte, die Individualität der Flüchtlinge stärker zu berücksichtigen. Ehrenwert, aber leider realitätsfern.

 

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Quelle: RP