| 11.07 Uhr

Talk bei "Maybrit Illner"
Böhmermann, Erdogan und die Flüchtlingskrise

Maybrit Illner: Jan Böhmermann, Erdogan-Gedicht und Flüchtlingskrise
Kalkofe, Asselborn, Moderatorin Illner, Scheuer, Bilgi, Topcu. FOTO: Screenshot/Maybrit Illner
Düsseldorf. Was haben Jan Böhmermann und die Flüchtlingskrise gemeinsam? Beide bereiten dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan schlaflose Nächte. Das hat Maybrit Illner wohl zum Anlass genommen um mit ihren Gästen beides zu diskutieren. Zumindest ein bisschen. Von Vassili Golod

Darum ging's:

"Merkels Türkei-Deal – kuschen vor Erdogan?" lautete der Titel der Sendung. Und der kam nicht nur Experten der deutschen Talkshow-Landschaft verdächtig bekannt vor: Bereits vor vier Tagen beschäftigte sich "Anne Will" mit der Böhmermann-Affäre und wollte wissen, ob die Bundesregierung vor der Türkei kuscht. Offenbar gibt es keine anderen Gesprächsthemen in diesem Land...

Darum ging's wirklich:

Die Flüchtlingskrise. Die stellt Europa weiterhin vor enorme Herausforderungen – auch wenn Jan Böhmermann gefühlt gerade das größere Problem zu sein scheint. Maybrit Illner dachte sich offenbar: Warum nicht einfach beide Themen zusammenführen?

Die Runde:

  • Oliver Kalkofe (Komiker, Kabarettist, Satiriker)
  • Bülent Bilgi (Generalsekretär Union Europäisch-Türkischer Demokraten)
  • Özlem Topcu (Journalistin)
  • Jean Asselborn (Außenminister Luxemburg)
  • Andreas Scheuer (CSU-Generalsekretär)

Frontverlauf

"Dieser Haufen von Zeilen hat nichts mit Satire zu tun", stellte Bülent Bilgi gleich zu Beginn fest. Mit dieser Aussage überraschte der Generalsekretär des deutschen Erdogan-Fanclubs UETD nicht wirklich. Er habe sich persönlich gekränkt gefühlt, weil in Böhmermanns Beitrag neben dem Präsidenten auch das türkische Volk rassistisch angegangen und beleidigt wurde, meinte Bilgi. Mit einer Strafanzeige hat er sich dagegen gewehrt. Seine Kernthese: Satire sollte Grenzen haben.

"Der Vortrag des Gedichtes, das war die Provokation", konterte Comedian Oliver Kalkofe, der sichtlich um eine differenzierte Debatte bemüht war. "Dieses Gedicht ist so absurd beleidigend, dass es eigentlich kein vernünftiger Mensch ernst nehmen kann." Das Gedicht sei keine Satire, meinte Kalkofe – die Präsentation des Gedichtes dagegen schon. 

"Ich schließe mich voll umfänglich der Meinung von Oliver Kalkofe an", sagte CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer. Böhmermann habe schlechten Stil gezeigt, aber Erdogan trete die Grundwerte des aufgeklärten Europas mit Füßen. Mit dieser Grundhaltung würden sich der türkische Präsident und dessen Land von Europa wegbewegen. 

"Auch in der Türkei ist nicht jeder beleidigt", betonte die deutsch-türkische Journalistin Özlem Topcu. "So eine große empirische Untersuchung kann bei 78 Millionen Menschen keiner machen." Topcu könne über Böhmermanns Gedicht zwar auch nicht lachen, im Zweifel sei sie aber immer für die Freiheit – "nicht nur berufsbedingt".

"Demokratie ohne Pressefreiheit geht nicht", machte Luxemburg Außenminister Jean Asselborn gleich zu Beginn deutlich. "Die Satire darf alles – ob sie alles muss ist eine andere Frage." Böhmermann habe die Satire bewusst überzogen und der Welt damit ein "interessantes Ei ins Nest gelegt", findet Asselborn. Der Fokus liege jetzt gleichzeitig auf dem EU-Türkei-Deal und der Rolle der Pressefreiheit in der Türkei. Dieser neue Anstoß der politischen Diskurse ist voll und ganz der Verdienst des deutschen Satirikers.

Europa statt Böhmermann

Mitten in der Sendung kam ein Bruch und die Affäre um Böhmermanns Schmähgedicht erschien wie ein Kindergartenstreit. Alle Teilnehmer der Runde legten wie auf Knopfdruck den Schalter um und verwandelten sich in leidenschaftliche Europäer, die sich um die Zukunft der EU sorgen. 

Allen voran Luxemburgs Außenminister Jean Asselborn. Der warnte nachdrücklich vor einem Scheitern der legalen Migration syrischer Flüchtlinge nach Europa. Wenn das im EU-Türkei-Abkommen zur Bewältigung der Flüchtlingskrise vereinbarte so genannte Resettlement "nicht gleich anzieht", bestehe die Gefahr, dass es im Sande verlaufe, sagte Asselborn. Stand jetzt seien 500 Menschen von Griechenland zurück in die Türkei geschickt worden, aber nur 94 aus der Türkei nach Europa gekommen. Vereinbart sei aber ein 1:1-Schlüssel.

Andreas Scheuer nutzte die Debatte um – mal wieder – zu betonen, dass eine EU-Vollmitgliedschaft der Türkei aus Sicht der CSU keine Option sei. 

Bülent Bilgi lobte Erdogan, Özlem Topcu wunderte sich über undifferenzierte Fragen und Oliver Kalkofe wünschte sich einen klaren Fokus auf die Menschen.

Dialog des Abends

Bilgi: "Die Würde des Menschen ist unantastbar. In diesem Fall wurde die Ehre des Herrn Erdogan und des türkischen Volkes verletzt. Artikel 1 des Grundgesetzes wurde hiermit verletzt. Die Situation wäre nicht zu einer Staatsaffäre geworden, wenn die deutschen Gerichte entsprechende Maßnahmen eingeleitet hätten."

Scheuer: "Sind Sie sicher, dass der Artikel 1 des Grundgesetzes auch vollständig für die Türkei gilt?"

Bilgi machte mit seiner Aussage deutlich, dass er ein besonderes Verhältnis zu der Verletzung der Ehre hat und Scheuer hob einmal mehr die nationale Gesinnung seiner Partei hervor.

Bemerkenswertester Gast

Bülent Bilgi. Er fühlt sich durch Böhmermanns Gedicht in seiner Ehre gekränkt – da interessieren ihn auch keine Argumente mehr, um seine Meinung zu überdenken.

Spannendster Gast

Oliver Kalkofe. Er präsentierte sich als perfekter Talkshowgast: Ruhig, charmant, intelligent und natürlich humorvoll. Das kam auch bei den TV-Zuschauern bestens an.

Satz des Abends

"Wenn jemand zu mir auf der Straße sagt: Du alter Ziegenficker! Dann würde ich sagen: Entschuldigung, Sie müssen mich verwechseln", sagte Oliver Kalkofe und brachte damit den Satz des Abends. Er sorgte für Lacher im Publikum und in der Runde (bis auf Bilgi) und vermittelte damit gleichzeitig eine wichtige Botschaft: Auch in einer ernsten Debatte darf der Humor niemals auf der Strecke bleiben.

Erkenntnis

Gut gemeint ist nicht immer gut gemacht: Böhmermann und das Flüchtlingsabkommen in eine Sendung zu packen war doch ein bisschen zu viel des Guten. Die erste Hälfte war eher langweilig, weil alle Argumente rund um die Causa Böhmermann schon ziemlich ausgelutscht sind. Die Flüchtlingsdiskussion hätte interessant werden können, das scheiterte allerdings an der fehlenden Zeit.

Ein Vorschlag zur Güte: Böhmermann geht wieder auf Sendung und taucht dafür nicht mehr als Thema in anderen Sendungen auf. Vielen Dank im Voraus.

Hier geht es zur Sendung von Maybrit Illner in der ZDF-Mediathek.

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