| 06.14 Uhr

TV-Talk mit Maybrit Illner
"Jeder Mann weiß, wo Anmache aufhört und ein Übergriff beginnt"

Maybrit Illner TV-Talk zu Vorwürfen gegen Dieter Wedel: Schweigen brechen
Maybrit Illner diskutiert mit ihren Gästen über den Umgang mit Vorwürfen wegen sexuellen Missbrauchs. FOTO: ZDF Screenshot
Düsseldorf. Soll man sexuelle Übergriffe auch nach 20 Jahren noch veröffentlichen? Mehrere Frauen haben Vorwürfe gegen Dieter Wedel erhoben. Darüber diskutierte Maybrit Illner mit ihren Gästen. Sie bekam klare Antworten. Von Julica Jungehülsing

Darum ging's

Mehrere Frauen werfen dem Regisseur Dieter Wedel vor, sie sexuell belästigt oder vergewaltigt zu haben. "Die Zeit" veröffentlicht die Recherchen zu den Fällen. Der Regisseur hat die Anschuldigungen zurückgewiesen. Maybrit Illner will am Donnerstagabend viele Fragen zu dem Thema klären: Warum werden die Vorwürfe erst über 20 Jahre später laut? Wer hätte davon wissen können? Wie lässt sich sexualisierte Gewalt verhindern? Braucht es noch strengere Gesetze?

Darum ging's wirklich

Drei Journalisten, eine Feministin und eine Frau, die Wedel sexuelle Belästigung vorwirft, diskutieren über Machtmissbrauch und die Möglichkeiten, ihn zu verhindern. Sie erklären, warum es manchmal Zeit braucht, und sprechen darüber, warum Debatten wie diese die Zukunft verändern können.

Die Gäste

  • Patricia Thielemann, ehemalige Schauspielerin
  • Thomas Bellut, ZDF-Intendant
  • Anne Wizorek, feministische Publizistin
  • Benjamin Benedict, Filmproduzent
  • Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur "Die Zeit"
  • Svenja Flaßpöhler, Chefredakteurin "Philosophie Magazin"

Frontverlauf

Darf man auf Verdacht über Vorwürfe, wie sie gegen Wedel geäußert werden, berichten, während der mutmaßliche Täter sie bestreitet? Giovanni di Lorenzo, Chefredakteur der "Zeit", verteidigt die Veröffentlichung. Seine Kollegen hätten sieben konkrete Fälle recherchiert, wüssten von 22 weiteren Fällen, hätten 160 Menschen befragt und alles, was sich überprüfen ließ, recherchiert. "Erst die Fülle an Details hat uns bewogen, die Vorwürfe zu veröffentlichen."

Reaktionen auf die Veröffentlichung bekam Patricia Thielemann zu spüren, eine der Frauen, die Wedel sexuelle Belästigung vorwirft. "Es war eine verdammt schwere Zeit", sagt sie über den starken Gegenwind, zu dem auch ein "Shitstorm" in sozialen Medien gehörte. Aber ihr habe das vor allem gezeigt, dass diese Debatte dringend geführt werden müsse: "Wenn man selbst mir, als jemandem, der nicht mehr in der Filmindustrie tätig ist, so begegnet, wie sollen sich erst Frauen wehren, die noch in der Branche arbeiten?"

Svenja Flaßpöhler hingegen fühlt sich durch die Veröffentlichung in die Rolle der Richterin gedrängt. "Ich will aber nicht richten, weder über Thieleman, noch über Wedel." Die Philosophin bezweifelt, dass der Fall noch exemplarisch für unsere heutige Gesellschaft sei. "Das Bild der überall drohenden Gewalt" hält sie für falsch und gefährlich. Es nütze Frauen nicht, wenn sie in "eine infantile Rolle gedrängt werden, als eine Spezies, die sich selbst nicht schützen und wehren könne". Für sie verallgemeinere die #Metoo-Bewegung vor allem Fälle, die viel zu unterschiedlich sind.

Warum erst nach all den Jahren?

Warum melden sich Frauen erst nach so vielen Jahren? Das will Illner wissen und bekommt von Filmproduzent Benjamin Benedict und Di Lorenzo ähnliche Antworten: "Wer nicht selbst Opfer war, kann kaum ermessen, warum man so lange schweigt", sagt Benedict. "Ich finde es problematisch, das zu verurteilen." Di Lorenzo räumt ein, vor der Recherche sei auch für ihn schwer nachvollziehbar gewesen, warum jemand sich erst so viel später melde. Jetzt allerdings könne er es gut verstehen. Oft seien die Frauen selbst von engsten Vertrauten nicht ernst genommen worden und hätten sich zurückgezogen: "Wir haben kein Recht zu beurteilen, was jemand empfindet und wie lange er braucht, der Opfer eines Missbrauchsfalls geworden ist."

Die feministische Publizistin Anne Wizorek hat ebenfalls "keinen Anlass, den Frauen nicht zu glauben". Wichtig sei, dass andere Frauen sehen, dass sie nicht allein sind. Sie warnt vor dem Risiko, "dass wir an Einzelfällen wie Dieter Wedel kleben bleiben, anstatt das strukturelle Problem sexualisierter Gewalt anzufassen". Mit Flaßpöhler streitet sie über Geschlechter-Stereotypen und darüber, was unter dem Spektrum sexualisierter Gewalt zu verstehen ist. Die Philosophin findet das Bild der passiven Frau, die sich nicht wehren kann, heute nicht mehr angemessen. "Jetzt, wo Frauen klar Haltung zeigen können, beobachte ich, dass viele Frauen, die sich wehren könnten, seltsam still sind", sagt Flaßpöhler.

"Lasst uns diese Wand des Schweigens durchbrechen"

Anne Wizorek meint, in Deutschland sei die Debatte zu schnell in ein "Was dürfen wir Männer denn jetzt noch…?"-Fahrwasser abgerutscht, in der Männer klagten, sie wüßten nicht mehr, ob sie etwas riskierten, wenn sie allein mit einer Frauen in den Fahrstuhl stiegen. Die Runde diskutiert, ob vor allem die Filmbranche anfällig ist. Die meisten aber sind sich einig, dass Übergriffe auch anderswo vorkommen. Patricia Thielemann sagt, es sei logisch, dass in der Filmwelt Erotik und Attraktivität größere Rollen spielten. "Aber jeder Mann weiß doch, wo die Anmache aufhört und der Übergriff beginnt."

Für Di Lorenzo führt die "Fahrstuhl-Debatte" auf ein Nebengleis. Er schlägt vor, stattdessen genau zu beleuchten, ob und wo Macht wirklich missbraucht werde. "Lasst uns diese Wand des Schweigens durchbrechen", fordert er. "Ich bin ganz sicher, dass der Mut der Frauen, die sich jetzt offenbart haben, auch dazu führt, dass die Aufmerksamkeit heute eine ganz andere ist." Es herrsche jetzt ein Klima, das es leichter mache, solche Fälle anzuzeigen, sagt der Journalist und mahnt: "Wir kommen aus der Debatte nur heraus, wenn wir differenzieren."

Wie geht es weiter?

Das ZDF habe bei seinen Untersuchungen zu Regisseur Dieter Wedel bisher keine schriftlichen Hinweise gefunden, die die Vorwürfe sexueller Übergriffe bestätigen würden, sagt Intendant Bellut, der von 2002 bis 2012 Programmdirektor des Senders war. Er selbst sei dadurch aber nicht beruhigt. Sein Haus untersuche den Fall genauer und werde die Nachforschungen in einigen Tagen vorerst abschließen. "Wenn wir etwas finden, werden wir das natürlich transparent machen", so Bellut. Der Sender habe bereits erste Mails, "auch von Schauspielerinnen", erhalten, sagte er. Letztere wollten anonym bleiben, würden aber "genau berichten". Di Lorenzo sagt, wenn das ZDF nichts Schriftliches aus jener Zeit fände, läge das vor allem daran, dass dort derlei Aufzeichnungen nach zehn Jahren vernichtet würden.

Illner will wissen, ob ein "Fall Wedel" heute noch möglich ist, und Thomas Bellut sagt ehrlich: "Ich weiß es nicht." Er hoffe aber, dass die Hürden für Frauen heute geringer seien, sich direkt zu wehren, vor allem auf der Ebene von anzüglichen Bemerkungen. Bei schwerwiegenderen Fällen griffen beim ZDF Mechanismen, die von Abmahnung bis zur fristlosen Kündigung reichten.

Die Zeiten hätten sich in jedem Fall geändert, hofft der Intendant. Als 1995 beim ZDF eine Frauenbeauftragte eingesetzt wurde, sei das anfangs vielleicht belächelt worden, heute sei das normal. "Wir leben in einer anderen Zeit, aber wir können uns nie sicher sein", räumt er ein. Der Bereich der Auftrags-Filmproduktion sei in der Vergangenheit offensichtlich nicht genug beobachtet worden.

Hier können Sie die Sendung online sehen.

 
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