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"Menschen bei Maischberger"
Wenn Essen zur Glaubensfrage wird

Menschen bei Maischberger - Wird Essen zur Glaubensfrage?
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Berlin. Millionen Menschen in Deutschland kaufen im Supermarkt laktose- und glutenfreie Lebensmittel, viele verzichten auf Fleisch. Dabei leidet tatsächlich nur ein Prozent der Deutschen an Unverträglichkeiten. Sandra Maischberger ließ Experten diskutieren – mit ernüchterndem Ergebnis. Von Tim Harpers

Normal essen, vegan oder vegetarisch leben? ARD-Moderatorin Sandra Maischberger stellte in ihrer Sendung die Glaubensfrage: Wie ernährt man sich richtig? Dämonisiert unsere Gesellschaft Essen, das angeblich ungesund ist? Unter dem Titel "Weg mit Laktose, Gluten und Fleisch: Haben die Gesundesser recht?" diskutierte die Expertenrunde um CSU-Ernährungsminister Christian Schmidt über das, was Deutschlands Mägen bewegt.

Ernährungswissenschaftler Udo Pollmer machte gleich zu Beginn der Sendung klar, dass er die aktuellen Ernährungstrends für Modeerscheinungen hält. "Ich nehme seit 30 Jahren an solchen Diskussionsrunden teil", sagte er. "Und immer wieder gab es neue Modewellen und Individualisierungsbewegungen." Neu sei nur die "religiöse Inbrunst", mit der Veganger und Vegetarier heutzutage für ihre Sache eintreten. "Die sind teilweise sehr aggressiv", fand Poller. "Das sehe ich an den Kommentaren in den sozialen Netzwerken. Die vertreten eine Moral, die keine ist."

Wenige Fakten, viel Glaube

Neben dem Wissenschaftler waren nur zwei weitere Experten zu Gast, die Fakten zur Diskussion beizutragen hatten: CSU-Minister Christian Schmidt und Arzt Carsten Lekutat. Moderatorin Michaela Merten (Verfechterin des ayurvedischen Lebenskonzepts), Ernährungspionier Nico Richter und Schauspielerin Marion Kracht (lebt weitgehend vegan) bildeten den ideologischen Gegenpol, legten aber nur wenige stichhaltige Argumente vor.

Nachdem Richter sein neues Ernährungskonzept – grob umschrieben: kein Getreide, keine Milchprodukte, kein Zucker, sondern vor allem Fleisch, Fisch, Obst, Gemüse und Nüsse – kurz vorstellen durfte, geriet er auch gleich mit Ernährungsminister Schmidt aneinander. Der hatte zuvor eine Lanze für Brot und Weizenprodukte als Ernährungsgrundlage der Deutschen gebrochen. Ein Unding für den Ernährungspionier, der der Meinung ist, dass der übermäßige Konsum von Kohlenhydraten einen der Hauptgründe für Zivilisationskrankheiten wie Diabetes darstellt.

Nur wenige Unverträglichkeiten

Schmidt gab sich diplomatisch, gestand Richter seine Lebensweise zu und wehrte sich gegen den Vorwurf, die Bevölkerung mit falschen Ernährungsempfehlungen krank zu machen: "Es ist nicht meine Aufgabe jedem vorzuschreiben, was er auf seinen Teller nimmt." Die Menschen müssten wissen, was sie essen und deswegen informiert sein. "Wir gehen davon aus, dass 0,3 Prozent der Bevölkerung Laktoseunverträglichkeiten haben", so Schmidt. Ingesamt würden aber neun Prozent der Deutschen auf Milchprodukte verzichten. "Ein medizinisch indiziertes Verhalten ist das also nicht in jedem Fall."

Mediziner Casten Lekutat verwies in diesem Zusammenhang auf das medizinische Problem, Ursache und Wirkung von Krankheitsbildern zuzuordnen. Richters Methode, durch Ausprobieren herauszufinden, was einem nicht guttut, erschien vor diesem Hintergrund nur bedingt wirksam. Kracht sprang ihm bei: Angesichts der unzähligen Zusatzstoffe könne man gar nicht mehr wissen, worauf man eigentlich allergisch reagiert.

Ein großes Fragezeichen

Im Weiteren wendete sich das Gespräch der Gluten-Unverträglichkeit zu. Marion Kracht verwies auf genetisch veränderte Getreidekulturen, die zu Unverträglichkeiten führen könnten – ein Gefühlsargument, fand Pollmer. "Dafür gibt es keine sinnvollen Belege. Sobald man nach Allergenen gesucht hat, hat man in den natürlichen Sorten noch ein paar mehr gefunden."

Michaela Mertens durfte daraufhin ihr ayurvedisches Ernährungsprinzip vorstellen, das auf Wasser basiert. Ein gefundenes Fressen für Schmidt, Lekutat und Pollmer, die den tatsächlichen Nutzen von Ayurveda bezweifelten. Immerhin, so Lekutat, können solche Bereiche einen Placebo-Effekt erzeugen, der durchaus positiv zu bewerten sei.

Am Ende der Sendung stand ein großes Fragezeichen. Die meisten Fragen blieben unbeantwortet und die Expertengruppe konnte sich nicht auf ein gemeinsames Statement einigen.  Auch der wohl größte Streitpunkt überhaupt kam bei Maischberger zu kurz: Das Thema Fleischkonsum wurde nur im größeren Zusammenhang angeschnitten. Die Frage nach richtiger, moralisch vertretbarer Ernährung blieb so unbeantwortet. Deshalb bilanzierte Maischberger am Ende auch diplomatisch: "Meine Damen und Herren, sie sehen, wir können ihnen nicht sagen, was sie essen sollen." Essen bleibt also Glaubensfrage.

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