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Messung von TV-Zuschauern
Sherlock und das Quoten-Rätsel

Messung von TV-Zuschauern: Sherlock und das Quoten-Rätsel
Not amused: Sherlock Holmes (Benedict Cumberbatch) und Dr. John Watson (Martin Freeman) erreichen in Deutschland nur drei Millionen Zuschauer pro Folge "Sherlock". FOTO: C.Hutton/Hartswood Films/ARD/BBC
Düsseldorf. Ist es wahr, dass man mit guten Sendungen tatsächlich keine guten Quoten erreichen kann? Und falls ja, warum? Ein großer Teil der Antwort: Was 99,98 Prozent der Deutschen sehen, ist faktisch irrelevant. Von Tobias Jochheim

Das Wagnis, das die Programmplaner der ARD eingingen, schien überschaubar: Die weltweit gefeierte BBC-Serie "Sherlock" ist kein typischer abgehobener Kritikerliebling, mit dem Otto Normalzuschauer nichts anfangen kann. Im Gegenteil: Das Material, das ja klassischer nicht sein könnte, wird hochmodern interpretiert, clever und witzig, spannend und schnell. Die Mini-Serie mit knapp zwei Folgen pro Jahr in Kinofilmlänge und -qualität wurde mit neun Emmys prämiert, Hauptdarsteller Benedict Cumberbatch stieg zum Weltstar auf. So begnadet gibt er den Meisterdetektiv als hyperintelligenten, aber auch atemberaubend arroganten Snob unter Superschurken, der ständig auf seinem bloggenden WG-Mitbewohner Dr. Watson (Martin Freeman) herumhackt – und den man trotzdem lieben muss für seine bitterbösen Sprüche sowie seine ganz eigene Art von Coolness.

13 Folgen gibt es bislang, die vielleicht beste dreht sich um Holmes' unnahbaren Schwarm: Die von Arthur Conan Doyle einst als Opernsängerin erdachte Irene Adler erscheint darin als Domina mit einem Smartphone voller Promi-Nacktfotos, auf der Flucht vor Killern des CIA. Diese Episode lief an Christi Himmelfahrt 2012 auf dem besten aller Sendeplätze, feiertags um 20.15 Uhr im Ersten. Doch nur 2,76 Millionen Menschen schalteten ein – doppelt so viele sahen zur selben Zeit allein eine ZDF-Quizshow mit Jörg Pilawa. Der WDR schlug "Sherlock" quotentechnisch mit der Wiederholung eines vier Jahre alten Münster-"Tatort". Den ausnahmsweise nicht zur Unzeit, sondern direkt nach "Sherlock" gesendeten, damals frisch mit einem Grimmepreis prämierten "Tatortreiniger" wollten nicht einmal zwei Millionen sehen. Ein Autor der Website Serienjunkies.de kommentierte bitter: "Ein Publikum bekommt immer das Fernsehen, das es verdient hat. Und offenbar hat das deutsche Publikum einfach kein besseres Fernsehen verdient."

Nur 5640 Haushalte werden für die Quote gemessen

Das erinnert an den langjährigen RTL-Chef Helmut Thoma, der zu seiner Verteidigung stets sagte: "Der Wurm muss dem Fisch schmecken, nicht dem Angler". Daraus wurde das Totschlagargument, wer Kritik am TV-Programm übe, sei ein Möchtegern-Intellektueller, der sich im beleidigenden Abkanzeln der breiten Masse gefalle. Doch bei Licht betrachtet stimmt es nicht, dass das Publikum mit seinem Sehverhalten das Programm bestimmt. In der Politik zählt jede Stimme wenig, aber sie zählt. Ob aber Millionen Menschen wie Sie und ich eine Fernsehsendung sehen oder nicht, hat auf deren Quote überhaupt keinen Einfluss. Null. Denn die Zahlen, mit denen im TV-Geschäft alles steht und fällt, werden ausschließlich aus dem Fernsehverhalten der Personen berechnet, die in den 5640 der 38 Millionen Haushalte leben, in denen die Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) Messgeräte aufgestellt hat. Das Sehverhalten jedes Bewohners dieser Haushalte zählt für das von jeweils rund 6000 anderen Menschen mit.

Dass die anderen 99,98 Prozent der Menschen in Deutschland im selben Maße immer dasselbe einschalten, Fußball-Länderspiele und Castingshows, "Um Himmels Willen", "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" und den von Kritikern geschmähten Münster-"Tatort", wird aus den Daten der 13.000 Menschen geschlossen, die erhoben werden. Ob es stimmt, weiß niemand.

"Besiedlungsplan für eine Fata Morgana"

Selbst Thoma, der zu den Gründervätern der Arbeitsgemeinschaft Fernsehforschung (AGF) gehört, den Auftraggeber der GfK, nennt die Quoten deshalb bloß "Schätzungen" und "imaginäre Werte". Auch mit dem "Besiedlungsplan für eine Fata Morgana" hat er die Grundlage des gesamten Fernsehgeschäfts bereits verglichen. Die AGF verweist dazu auf die Expertise der Statistiker der Nürnberger GfK. Diese gewichteten die Daten der Teilnehmer jeweils so, dass sie stets ein Abbild der deutschen Gesellschaft darstellen, wie sie sich im Mikrozensus darstellt, der Faktoren Haushaltsgröße sowie Geschlecht und Alter, Einkommen und Schulbildung der einzelnen Bewohner erfasst (mehr dazu hier). Doch all das reicht vielleicht nicht, weil die Geschmäcker immer individueller werden.

Auch einen weiteren Haken hat die Sache: Da niemand zum Mitmachen gezwungen werden kann, lässt sich an den Zahlen lediglich ablesen, "wann, was und wie lange jene Leute sehen, die Zeit und Nerven genug haben, an der Quotenmessung teilzunehmen". Viele Menschentypen dürften deshalb kaum oder gar nicht vertreten sein, vermutet der FAZ-Feuilletonist Claudius Seidl; hochmobile Studenten etwa oder Eltern im doppelten Job- und Familienstress, ebenso "Künstler oder ein Rentnerpaar, das zwar Zeit, aber ein zu geschmackvoll eingerichtetes Wohnzimmer hat, als dass die Geräte dazu passen würden." Der Schriftsteller Joseph von Westphalen, der einmal zufällig gebeten wurde, sein Fernsehverhalten aufzeichnen zu lassen, nutzte die Gelegenheit für den Versuch einer Ein-Mann-Quotenrevolution. Er schaltete ausschließlich künstlerisch wertvolle Sendungen auf Spartenkanälen ein – und sinnierte darüber, "gegen wie viele vor der Glotze dösende Hartz IV-Empfänger mein Fernseher anflimmert."

Umgehend und kommentarlos baute daraufhin die GfK ihre Geräte wieder ab. Die Identität der Menschen, bei denen die Quoten gemessen werden, wird behandelt wie ein Staatsgeheimnis, um Manipulationen möglichst auszuschließen. Als der damalige Sat.1-Moderator Frank Laufenberg Teilnehmer des sogenannten Fernsehpanels einlud, um in seiner Sendung "Frank & Frei" darüber zu sprechen, meldeten sich zwei Interessenten. Diese wurden aus dem Panel entfernt. Anders als oft kolportiert, sei er aber nicht deshalb gefeuert worden, stellt Laufenberg auf Anfrage klar. Sein Verhältnis zu Sat.1 erreichte aber einen Tiefpunkt, nachdem der Sender 70.000 Mark Strafe zahlen musste. Laufenbergs Sendung wurde aber bald abgesetzt – im Streit um die Quote. "Sat.1 wollte es bunter und schriller, ich ohne halbseidene Paradiesvögel".

"Anstrengende" Serien finden nur wenig Publikum

Gewissermaßen kämpfen Verfechter von Qualitätsfernsehen an zwei Fronten zugleich: Einerseits gegen billig gemachte Formate, andererseits gegen Intellektuelle, die bestreiten, dass es gutes Fernsehen überhaupt geben könne. "Wer von schlechtem Programm spricht, soll mir anspruchsvolles Programm zeigen", grantelte etwa schon 2005 der Medienphilosoph Norbert Bolz über die "universalisierte Geschmacklosigkeit". Seitdem hat das sogenannte Trash-TV seinen Siegeszug fortgesetzt, mit "Ich bin ein Star – holt mich hier raus!" und "Bauer sucht Frau", "Schwiegertochter gesucht", "Familien im Brennpunkt" und "Verklag mich doch!"; überall lassen sich mal mehr, mal weniger real existierende Dicke, Doofe, Asoziale bestaunen und auslachen.

Eingiermaßen erstaunlich erscheint angesichts dessen das Fazit von Lothar Mikos, Professor für Fernsehwissenschaft an der Filmuniversität Babelsberg: "Einen negativen Zusammenhang zwischen Qualität und Quote gibt es nicht", sagt er. Unterhaltung heiße oft vor allem Ablenkung und Abschaltung vom anstrengenden Arbeitstag. "Daher finden 'anstrengende' Sendungen nur wenig Publikum." Ein Problem sieht Mikos darin allerdings nicht. Die meisten Beschwerden stammten von Bildungsbürgern, die verzweifelt bemüht seien, sich abzugrenzen. "Das Fernsehen ist so vielfältig wie das Leben, von Verflachung keine Spur." Umso kritischer äußerte sich Hans Weingartner, Regisseur des Kinofilms "Free Rainer", in dem der von Moritz Bleibtreu gespielte Titelheld die Quoten so lange manipuliert, bis das Publikum von ganz allein nach mehr Qualität verlangt. Erfolgreiche Formate sprächen "größtenteils die niedrigsten Instinkte" der Zuschauer an, sagt Weingartner, was nicht nur ärgerlich sei, sondern "gefährlich für die Demokratie".

Kritisch, aber auch kühl sieht das Manuel Weis, Chefredakteur von quotenmeter.de. "Fernsehen funktioniert am besten, wenn es einfach gemacht ist", sagt er. "Wo man mitdenken muss, wird die Quote schlecht." Als Publikumsbeschimpfung will er das aber gerade nicht verstanden wissen: Als "schlecht" verurteiltes Fernsehen sei ja längst nicht immer Trash. Dass Serien wie "Traumschiff" oder "Der Bergdoktor" mehr Zuschauer fänden denn je, sei lediglich ein Zeichen der Zeit: "In diese Welten kann man vor dem Stress und den Sorgen des Alltags flüchten, ohne viel mitdenken zu müssen." In der Tat ist Qualität am Ende subjektiv: was der eine altbacken findet, empfinden andere als erfreulich vertraut, eine vorhersehbare Handlung ist manchen ein Gräuel und für andere beruhigend. Außerdem sei "Sherlock" bei jungen Zuschauern gut gelaufen – 13,6 Prozent Quote in dieser Altersklasse seien für ARD-Verhältnisse sehr stark. "Jung" umfasst allerdings die gesamte Gruppe der 14- bis 49-Jährigen. "Was über 50-Jährige nicht anspricht, kann nicht mehr Zuschauer finden als drei oder 3,5 Millionen."

Grundsätzlich seien die hochgerechneten Quoten "sicher nah an der Realität", die Sender und Werbetreibenden orientierten sich "aus gutem Grund" daran. Allerdings sieht auch Weis die Gefahr, dass gerade das Interesse an anspruchsvolleren Sendungen oft "nicht komplett abgebildet" werde. Aus diesem Grund hält der Fernsehkritiker Oliver Kalkofe die Quote für "die Wurzel allen Übels". Sender oder Sendungen, die nicht auf die breite Masse abzielten, sieht er benachteiligt: "Wenn da mal fünf oder zehn Leute nicht da sind, dann ist das schon ein Desaster für den Marktanteil."

Teufelskreis der Verflachung droht

Die Einberechnung von Sendungsabrufen aus den Mediatheken dürfte daran nicht viel ändern. Denn erstens dauert deren Auswertung momentan noch 40 (!) Tage, zweitens finden diverse Sendungen auch im Netz kaum ein Publikum, während "Germany's Next Topmodel" jeweils eine Million Mal abgerufen wird. Und drittens sind ausländische Produktionen wie "Sherlock" in der ARD-Mediathek gar nicht zu sehen – das haben Vertreter der Privatsender gesetzlich festschreiben lassen.

Es droht ein Teufelskreis: Je mehr anspruchsvolle Zuschauer zu Streamingdiensten wie Netflix oder Amazon Prime abwandern, desto schlechter werden die Quoten für anspruchsvolle Stoffe. Folge:Das Programm verflacht – was wiederum noch mehr Zuschauer vertreibt. Den Quoten-Experten Manuel Weis würde das nicht überraschen: "Wer einmal online geguckt hat, wann und wo er will, gewöhnt sich an diesen Luxus und lässt sich von einem Programmdirektor nichts mehr vorschreiben."

Der Streaming-Marktführer selbst lockt genau damit: "Bei Netflix ist immer 20.15 Uhr", hieß es kürzlich in einer Pressemitteilung – gut geeignet als Werbeslogan, als Lockruf für die Noch-Streaming-Skeptiker, die aber vom klassischen Fernsehen frustriert sind. Die EU will den Sendern unter die Arme greifen und die Streaming-Anbieter einbremsen. Die Quotenregelung für TV-Sender soll auf Netflix und Co. ausgeweitet werden, 30 Prozent ihrer Inhalte sollen in Zukunft aus Europa kommen. Diese Maßnahme könnte nach hinten losgehen. Denn falls die Quote tatsächlich kommt und die Streamingdienste externes Material für zu schlecht oder zu teuer befinden, dürften sie die Not zur Tugend machen und noch mehr eigene Serien produzieren, die wiederum weitere Kunden anziehen. Denn die Kreativen rennen ihnen schon jetzt die Bude ein. Und schaffen, frei vom Joch der Quote, teils große Kunst, was wiederum dafür sorgt, dass die Mischkalkulation aufgeht.

Die drei aktuellsten "Sherlock"-Folgen laufen am 4., 5. und 11. Juni um 21.45 Uhr im Ersten. In der Mediathek werden sie nicht zu sehen sein. Bei Netflix sind die ersten zehn Folgen abrufbar.

 
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