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Fernseh-Tipp
Fluchtgeschichten in Handyvideos

My Escape: Fluchtgeschichten in Handyvideos
Ankunft ungewiss: Flüchtlinge aus Eritrea in der Sahara. Viele haben ihre Flucht per Handy dokumentiert. Um zu zeigen, dass die lebensgefährlichen Strapazen real sind – und "dass wir auch Menschen sind." FOTO: WDR/Berlin Producers
Damaskus. Die Dokumentation "My Escape" zeigt, was Flüchtlinge durchmachen - mit deren eigenen Bildern. Von Tobias Jochheim

"Allahu akbar", ruft der Mann, als der Kampfjet über ihm erst Raketen abschießt und dann Bomben ausklinkt. Als Kriegsruf islamistischer Attentäter ist der Ausdruck bekannt geworden, dabei ist es nur ein Gotteslob: "Gott ist groß", ruft der namenlose Mann nicht im Triumph, sondern in Todesangst. Sieben Mal ertönt der Ruf. Zwischen dem vierten und dem fünften geht seine Heimat in Rauch auf.

So beginnt "My Escape - Meine Flucht", eine Handyvideo-Collage. Das Ziel des ambitionierten Projekts: Mit Bildern beweisen, dass die Flucht-Geschichten wahr sind, indem man die Zuschauer sie so gut wie möglich nachempfinden lässt. Dazu werden die teils unter Lebensgefahr produzierten Clips ergänzt durch Zeichnungen und Interviews mit den Männern und Frauen aus Syrien, Afghanistan und Eritrea.

Diesen Film sollte man sich ansehen, denn danach versteht man, dass Smartphons absolut kein Luxus sind, sondern unter anderem die einzige Verbindung zur Heimat, Landkarte und Kompass. Dass Sonnenbrillen nicht nur zum Gutaussehen dienen, sondern auch als Schutz gegen die sengende Sonne.

Bombardierung der Stadt Idleb in Syrien von einem Bewohner der Stadt gefilmt. FOTO: WDR Berlin Producers/Majid Raslan

Schwer erträglich macht diesen Film nicht die stark schwankende Qualität der Bilder, sondern ihr Inhalt: Fußmärsche und Höllenritte auf überfüllten Pick-ups durch die Sahara ("Wenn nur eine einzige Person herunterfällt, halten sie nicht an"). Tausendfache fahrlässige Tötung durch ungeeignete Schlauchboote und Schwimmwesten-Attrappen. Wie die Menschen einander in dieser Situation bestärken und zu belustigen versuchen, weil es ja irgendwie weitergehen muss, erinnert teils an "Das Leben ist schön".

Denjenigen, die bei den Machern manipulative Absichten wittern, sei eine Szene am Ende ans Herz gelegt: "Deutschland, Deutschland, wir fahren illegal nach Deutschland!" singt da erleichtert ein ganzer Bus.

Das hätte man aus politischer Korrektheit nicht zeigen müssen, niemand hätte es je erfahren, aber die Szene blieb drin. Im Vertrauen darauf, dass jeder versteht: Legal würden Flüchtlinge sehr viel lieber einreisen - schon allein, um ihre Überlebenschancen zu erhöhen.

Syrische Flüchtlinge an einem Bahnhof in Kroatien. FOTO: My Escape WDR/Berlin Producers"

"My Escape - Meine Flucht", WDR, 22.55 Uhr, danach in der Mediathek

Quelle: RP
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