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"Newtopia"-Skandal
"Scripted Reality" - wie Fernsehen die Wirklichkeit zurechtbiegt

Neue Fernseh-Show: So sieht "Newtopia" aus
Neue Fernseh-Show: So sieht "Newtopia" aus FOTO: SAT.1/Andre Kowalski
Potsdam. "Newtopia" nur eine Lüge? Die Empörung über gefälschte TV-Wirklichkeit ist jedenfalls scheinheilig. Schon längst gehören Pseudo-Dokus zum deutschen Fernseh-Alltag. Etliche Sender bestreiten einen großen Teil ihres Programms damit, nur so zu tun, als würden sie die Wirklichkeit zeigen. Die Erfahrung lehrt: Die Zuschauer lassen sich gerne etwas vorgaukeln.  Von Jörg Isringhaus und Philipp Stempel

Alltag, das weiß jeder aus eigener Erfahrung, kann ziemlich ermüdend sein. Um so befremdlicher mutet der Gedanke an, 15 Menschen in ihrer Alltäglichkeit ein Jahr lang zu beobachten, sei ein eigenes TV-Format wert. Beirren ließen sich die Macher von "Newtopia", die Produktionsfirma Talpa Germany unter Federführung von John de Mol ("Big Brother"), davon freilich nicht. Sie sperrten im Februar 15 sogenannte Pioniere in ein Areal bei Brandenburg, erklärten diese zu Selbstversorgern und übertragen seither deren Versuche, der Monotonie etwas sendefähige Substanz abzutrotzen.

Nun zeichnet sich ab, dass diese Substanz wohl von außen angereichert worden ist - eine Produzentin ist versehentlich gefilmt worden, wie sie den Kandidaten Vorschläge gibt, das Geschehen mit Aktionen anzureichern, um die Show aufzupeppen. Wie am Mittwoch bekannt wurde, setzte der Sender seine Mitarbeiterin umgehend vor die Tür. Dennoch bleibt der Eindruck: Alltag alleine trägt wohl doch nicht als formatfüllendes Konzept.

Regie ist die Regel

Andere Reality-Shows machen daraus erst gar keinen Hehl. Zwar hocken auch beim RTL-"Dschungelcamp" oder im "Big-Brother"-Container unterschiedlichste Probanden auf engstem Raum aufeinander, doch wird die Gruppenchemie von außen durch Regieanweisungen und Aufgaben gesteuert - für jeden Zuschauer nachvollziehbar und als Katalysator menschlicher Aggregatzustände akzeptiert.

Pseudo-Dokus wie "Familien im Brennpunkt" oder "Frauentausch" dagegen verlassen sich nicht auf die wankelmütige Wirklichkeit, sondern pressen sie von vorneherein in ein Drehbuch - "scripted reality" lautet der Terminus für diese Shows, Realität existiert dort nur geschönt auf dem Papier. Sieben Stunden täglich bestreitet ein Sender wie RTL mittlerweile mit Formaten, die dem Zuschauer Realität vorgaukeln, aber in Wirklichkeit von einem Drehbuch gesteuert sind. Mit gutem Grund: Die Produktionskosten sind gering, für den Dreh kommt man mit Laiendarstellern und minimalem Aufwand aus und dennoch ist der Erfolg gewaltig. 

Manche glauben alles

Die Zuschauer, so scheint es, lassen sich bereitwillig darauf ein. Die Marktanteile unter den 14- bis 49-Jährigen erreichen Werte von bis zu 30 Prozent. Und das, obwohl nur die wenigsten davon überzeugt sind, dass das Geschehen auf dem Bildschirm tatsächlich die Realität zeigt. So gehen nach den Ergebnissen einer Ipsos-Umfrage gerade mal 16 Prozent der Zuschauer davon aus, dass die gezeigte Handlung echt ist.

"Spiegel Online" berichtete allerdings vor einigen Jahren von einer Studie, nach der vor allem junge Zuschauer das Spiel mit der Wirklichkeit nach Drehbuch nicht durchschauen. Demnach durchschaute jeder zweite Befragte zwischen sechs und 18 Jahren nicht, dass in der RTL-Doku "Familien im Brennpunkt" keine echten Ereignisse zu sehen waren. 

Bei "Newtopia" liegen die Dinge freilich anders. Das Format war vom Sender Sat.1 vollmundig angekündigt als "größtes TV-Experiment aller Zeiten", in dem sich Menschen eine eigene Gesellschaftsordnung schaffen, unbeeinflusst von manipulativen Regieeinfällen. Fans reagieren entsprechend sauer, sprechen in den sozialen Medien bereits von "Faketopia".

Quoten im Sinkflug

Also alles nur gefälscht? Sat.1 und die Produktionsfirma haben sich für das Vorgehen der Produzentin entschuldigt. Solche Gespräche seien nicht im Interesse des Senders, der Vorfall werde "lückenlos aufgeklärt". Talpa Germany räumt allerdings gelegentliche Treffen mit den Kandidaten ein. Wie auch immer - das Vertrauen in das Format ist, wenn es denn jemals existierte, nachhaltig erschüttert.

Dennoch legt der Fall die Mechanismen des TV-Betriebs bloß. "Newtopia" hat die guten Quoten vom Start am 23. Februar bis jetzt fast halbiert. Am Montagabend erreichte die Show nur noch 1,37 Millionen Menschen; der Marktanteil liegt mit 8,3 Prozent unter dem Senderschnitt. Die Not ist dementsprechend groß, der Druck wohl ebenso.

Was dazu führt, zumindest bei Einzelnen, Prinzipien über Bord zu schmeißen. Zwar will Sat.1 am Format festhalten, betreibt andererseits aber einen hohen Aufwand für so wenig Erfolg. Der Täuschungsverdacht könnte "Newtopia" damit zeitnah den Todesstoß versetzen. Aber auch das wäre alltäglich.

Quelle: RP
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