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Olli Dittrich im Interview
"An ganz an and'rer Mensch"

Olli Dittrich über Franz Beckenbauer: "An ganz an and'rer Mensch"
Olli Dittrich zeigt den Redakteuren Stefan Weigel (links) und Philipp Holstein auf seinem iPad Fotos der Produktion. FOTO: Henning Bode
Hamburg. Dass Franz Beckenbauer ein Mann mit vielen Gesichtern ist, weiß jeder. Doch sein dunkelstes Geheimnis kannte bisher nur Olli Dittrich. Gespräch mit einem Enthüllungs-Parodisten. Von Philipp Holstein und Stefan Weigel

Wir sitzen im Konferenzraum einer Filmfirma in Hamburg. Draußen nieselt es. Gerade hat Olli Dittrich mit uns seinen neuen Film angesehen: Die Parodie einer Enthüllungsdokumentation über Schorsch Aigner, den Mann, der seit Jahrzehnten unerkannt Franz Beckenbauer doubelt. Dittrich sieht uns an, als denkt er: Hauptsache, die fragen nicht "Warum gerade Beckenbauer?"

Warum gerade Beckenbauer?

Dittrich (atmet hörbar durch) Na ja, erstens weil er in diesem Jahr 70 wird. Wir haben also einen Anlass. Zweitens ist es eine Figur, die ich spielen kann; und drittens ist es eine Figur, die nach wie vor unendlich viele Facetten hat.

Das Mysterium der Lichtgestalt?

Dittrich Über allem schwebt diese sonderbare Unantastbarkeit. Das interessiert mich mehr, als investigativ in einem Skandal herumzustochern. Was haftet diesem Beckenbauer an, dass er von Frauengeschichten bis zu Steuerproblemen alles weglächeln kann - mit einer Mischung aus vermeintlicher Ahnungslosigkeit und Erhabenheit.

Verstanden, aber warum ein Double?

Dittrich Mir reicht es nicht zu sagen, wir beleuchten den Franz und machen mal wieder die üblichen Scherze (verfällt in den Beckenbauer-Ton): "Jo gut, äh...", oder so. Was soll das noch? Das brauche ich nicht mehr. Das ist durch. Aber ein besonderes Geheimnis in den Mythos Beckenbauer zu legen, danach habe ich immer gesucht.

Einen Mann spielen, der einen Mann spielt. Ist das Selbstbespiegelung?

Dittrich In gewisser Weise, klar. Am Ende klebt sich Schorsch Aigner einen Bart an, setzt eine Brille auf und geht unerkannt durch die Stadt. Er legt den Franz sozusagen ab und sagt: "An ganz an and'rer Mensch!" Das hat schon was sehr Selbstreferenzielles. Die Aigner-Story macht den Deckel drauf, ich muss den Beckenbauer nicht mehr spielen.

Olli Dittrich alias Schorsch Aigner alias Franz Beckenbauer FOTO: WDR/Beba Lindhorst

Warum ist der Kaiser eigentlich nicht selbst mit dabei?

Dittrich Weiß nicht. Ich hätte es mir gewünscht. Als Schlussszene, wie Franz und der Schorsch sich voneinander verabschieden. Wir haben mit offenen Karten gespielt, unser komplettes Konzept eingereicht. Aber er wollte leider nicht. Schade.

Angst?

Dittrich Eher große Vorsicht, denke ich. Dabei ist es gar nicht meine Sache, jemanden parodistisch in die Pfanne zu hauen. Boshaftigkeit ist bei meiner Arbeit ein schlechter Berater. Ich finde es viel spannender, die Leute mit den Mitteln der Persiflage unterhaltsam zu täuschen.

Aber die Täuschung wird bei Ihnen so vollkommen, dass manche das nicht mehr als Parodie wahrnehmen.

Dittrich Na und? Muss ich alles so überzeichnen, bis auch der Letzte merkt: Das ist jetzt lustig gemeint? Jeder macht das, wie er es am besten kann. Die Verwandlung und die leisen Töne sind meine Spezialität. Ich könnte nie so entertainen wie Mario Barth. Beeindruckend, ich gönne ihm den Erfolg. Wenn ihm aber einer sagt: "Spiel mal einen Schorsch Aigner, den man mit Beckenbauer verwechseln kann", dann würde er wahrscheinlich die Finger davon lassen. Genauso wie ich mich nicht vor 70 000 Leute ins Stadion stelle und zwei Stunden allein den Laden in Schwung halten kann.

Man könnte Ihnen vorwerfen, dass Ihre Figuren gar nicht komisch sind, sondern nur so reden, wie man es ohnehin schon kennt.

Dittrich Das könnte man; das wäre aber eine oberflächliche Betrachtung. Der besondere Witz übermittelt sich auf ganz andere Weise.

Aber Sie könnten locker ein paar Lacher mehr einbauen.

Dittrich Warum? Mir gefällt gerade die Täuschung, die Verwechselbarkeit. Ich muss das, was ich kann, so gut wie möglich machen und versuchen, der beste Olli Dittrich zu sein.

Das ist aus den WM-Helden von 1990 geworden FOTO: dpa, jhe sk_A hak nic

Für Ihre Täuschungsversuche haben Sie sich schon in vielen Milieus bewegt. Betreiben Sie Soziologie?

Dittrich Nein. Das überlasse ich lieber den Soziologen. Die haben studiert. Ich habe nicht mal Abitur.

Aber irgendwo muss doch ein Erkenntnisgewinn stecken.

Dittrich Erkenntnisgewinn? Hm. Es gibt die Unmittelbarkeit im Spiel. Aber das hat dafür ganz persönlich mit mir zu tun. Es macht mich zufrieden und führt mich durch manche Tiefen. Ich nähere mich dabei auch Dingen, die normalerweise nicht zu mir gehören. Dafür muss ich beobachten, mich öffnen. Und imitieren. Wenn man das macht, dann spürt man, was der andere fühlt, dann fühlt man mit. Ich glaube, dass jemand, der tieftraurig ist, eine Tasse Kaffee anders hochhebt als jemand, der glücklich ist. Blöd gesagt jetzt, aber das ist der Stoff, aus dem alles ist.

Kunst aus Empathie?

Dittrich (Überlegt) Ja, vielleicht ist es das. Eine Form der Empathie.

Kann man durch Imitation zum Künstler werden?

Dittrich Wir haben alle Vorbilder. Die Beatles haben Chuck Berry nachgespielt, wahrscheinlich findet man sogar bei Picasso Bilder, in denen fremde Stile sichtbar Einfluss hatten. Ich glaube, dass Künstler, vor allem am Anfang ihres Werdegangs, eigene Stärke und eigenes Talent kennenlernen, indem sie Werke anderer nachahmen. In einer Art seelischer Verwandtschaft.

Sie selbst bewundern Elton John.

Dittrich Woher haben Sie das denn?

Recherche. (Wikipedia)

Dittrich Ja, stimmt. Elton John ist ein Vorbild, ein kompositorisches Genie. Das Jahrhundertalbum "Goodbye Yellow Brick Road" entstand komplett in nur sechs Wochen. Texte, Kompositionen, Aufnahmen, Mischung. Unfassbar. Davey Johnstone, Elton Johns langjähriger Gitarrist, der mit den langen blonden Haaren, hat mir eine Anekdote dazu erzählt: Die ganze Band sitzt bei Elton im Wohnzimmer. Es klingelt, ein Bote bringt Bernie Taupins Texte. Elton öffnet den Umschlag, blättert durch und bleibt an einem Text hängen. Während er ihn durchliest, geht er zum Flügel und spielt den fertigen Song vor. Komponiert in einer Minute. Es war "Candle In The Wind".

Ist aber nicht jeder ein Genie.

Dittrich Stimmt, und damit allein kriegt man ja in der Regel auch nichts gebacken. Fleiß und Disziplin und handwerkliche Genauigkeit spielen eine entscheidende Rolle.

Sie reden von Ihren aufwendigen Produktionen.

Dittrich Das geht mit dem Konzept los. Alles muss doch minutiös vorher festgelegt sein. Dann die Recherche, das Archivmaterial, das Gebastel bis zum Schluss beim Schneiden. Kleinigkeiten spielen oft eine wichtige Rolle. Wenn am Ende alles stimmt, ist es wie bei einem gelungenen Orchesterwerk: Es macht so (schnippt mit den Fingern) und du bist drin.

Klingt nach einer Mischung aus Pathos und Pingeligkeit. Hängt so ein Projekt komplett an Ihnen?

Dittrich Natürlich nicht. Ich habe stets ein tolles Team, das sind die Besten der Besten. Ohne sie wäre ich ziemlich hilflos. Tom Theunissen, der im Archiv die großartigen Originalaufnahmen entdeckt hat. Und am Tegernsee und in der Allianz-Arena haben wir mit einer Kamera-drohne gedreht. Wirklich beeindruckend, was diese Leute können. Aus dem fahrenden Cabrio heraus über zig Kilometer so ein Ding punktgenau und ruckelfrei zu lenken. Oder denken Sie an die wunderbaren Masken und Perücken, die Katharina Pade und Brigitte Frank für mich machen. Das ist internationaler Spitzenstandard.

Wie teuer ist denn so eine Sendung?

Dittrich Budgetplanung und Kalkulation sind Gott sei Dank nicht mein Metier. Da müssen Sie mit meinem Produzenten sprechen. Ich bin aber ziemlich sicher, sie ist lange nicht so kostspielig, wie Sie vielleicht annehmen, weil wir sehr genau in der Vorbereitung und dadurch sehr effektiv beim Dreh arbeiten. Alle Szenen an allen Locations mit mir als Schorsch Aigner zum Beispiel konnten wir in zwei Tagen drehen. Weil wir versuchen, First Take abzuliefern.

Sind Ihnen am Ende die Einschaltquoten wichtig?

Dittrich Einschaltquoten sind der Taktgeber. Ich tue alles dafür, dass möglichst viele Leute zuschauen. Dazu gehört zu allererst ein gutes Produkt, das ist immer die beste Werbung. Und dann muss man natürlich ein bisschen die Runde machen und es bekanntgeben. Beim "TalkGespräch" hatten wir fast drei Millionen Zuschauer, das war sehr, sehr gut und eine Ausnahme. Mit so einem Format liegt man am späteren Abend eher deutlich drunter.

Trotzdem laufen Ihre Filme fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit.

Dittrich Ich hätte auch lieber einen Sendeplatz um 20.15 Uhr, aber wer hätte den nicht? Ich bin dem WDR und der ARD dankbar, so tolle Sachen machen zu können. Das ist doch ein Privileg, auch nach 23 Uhr.

Quelle: RP
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