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"Polizeiruf 110"
Eine Anklage über den Umgang mit unseren Alten

Polizeiruf 110: Nachtdienst - Anklage über den Umgang mit unseren Alten
Meuffels ermittelte am Sonntagabend in einem Pflegeheim. FOTO: dpa, bsc
München. Es ist nicht das große Massaker im "Polizeiruf: Nachtdienst", das am meisten verstört und Angst macht – es ist der alltägliche Wahnsinn im Pflegeheim, der gnadenlos realistisch dargestellt wird. Von Tobias Jochheim

Was ist zu sagen, bevor in den folgenden Zeilen die Auflösung des Falls verraten wird?

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Woran erinnert "Nachtdienst"?

An andere Polizeirufe mit dem nah- und fehlbaren, leidenden, völlig zu Recht so beliebten Charakter Hanns von Meuffels selbstredend, aber auch an manchen düsteren, ambitionierten "Tatort", aus Dortmund etwa oder mit Ulrich Tukur alias Murot. Nicht zuletzt auch an "Victoria", weil "Nachtdienst" in einer einzigen Nacht spielt, deren Eskalation man hilflos beiwohnt.

Worin liegt die Brisanz dieses "Polizeirufs"?

Gleich zu Beginn zeigen die Macher Szenen des finalen Massakers, um auch Zuschauer bei der Stange zu halten, die keine Lust hätten auf ein "normales" Sozialdrama im Pflegeheim. Damit bestätigen sie gewissermaßen die Richtigkeit der Logik des Täters: Der Ex-Polizist und Pflegeheim-Bewohner Claus Grübner (sensationell: Ernst Jacobi) läuft Amok aus Kalkül, verbittert darüber, dass verbale Kritik an den Missständen nichts zu ändern scheint. O-Ton: "Eine Katastrophe, um damit eine größere aufzudecken. Nur dann hört man vielleicht endlich auf damit, alte Menschen wie Schlachtvieh zu behandeln." Sein Massaker zeichnet er per Handy auf und veröffentlicht das Video online – wie es auch im echten Leben schon Vergewaltiger und Mörder taten.

Sind die Missstände in Pflegeheimen tatsächlich so groß, und ändert sich tatsächlich so wenig daran?

Ja. Der Psychologe Karl Beine, der sich seit einem Vierteljahrhundert damit beschäftigt, sagt im Interview: "In vielen Kliniken und Heimen herrscht ein unsäglicher Druck, Fallzahlen zu erfüllen und Verweildauern nicht zu überschreiten. Viele Studien bescheinigen das, noch mehr Artikel werden darüber geschrieben. Das Problem ist, dass daraus nichts folgt. Wir als Gesellschaft tolerieren diese Verhältnisse. Wenn die Spitzen des Eisbergs bekannt werden, gibt es einen Aufschrei – und nach einer kurzen Empörungswelle läuft alles genau so weiter wie zuvor."

Das Pflegepersonal werde allein gelassen: "Wir alle gehen verlogen mit ihnen um. Wir betonen unsere Wertschätzung für sie in Sonntagsreden. Aber Arbeitszeiten, Stress und Bezahlung bleiben, wie sie sind."

Was war die beste Szene unter sehr vielen?

Vielleicht jene, in der der verantwortliche Pfleger Kroll (Philipp Moog) von Meuffels entgegenschleudert, weniger wütend als müde: "Nehmen Sie mich fest, wenn Sie nichts Besseres zu tun haben. Dann hab' ich früher Feierabend. Aber dann sind SIE dafür verantwortlich, dass die Windeln gewechselt werden, die Leute nicht aus dem Bett fallen oder in die Ecke kacken."

Was waren die schönen Momente?

Es wird sie nicht nur in diesem beklemmenden Film geben, sondern auch im echten Leben: Aktenvermerke von Angehörigen, die sich verbitten, nachts mit der Nachricht vom Tod ihres Vaters oder  ihrer Mutter "belästigt" zu werden. Zumindest ein wenig tröstlich war es angesichts dieses und der zahllosen anderen Dramen zu sehen, wie galant sich von Meuffels (Matthias Brandt) um die demente Elisabeth Strauß (Elisabeth Schwarz) kümmert – und auch, wie die Pfleger Kroll, Maier und Abramovic sich abmühen, das Maximum ans Geduld, Höflichkeit und Fürsorge aufzubringen. Dass dieses Maximum so klein ist, liegt außerhalb ihrer Macht.

 
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