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"Polizeiruf: Einer für alle, alle für Rostock"
Hurra, hurra, die Rostocker sind da

Fotos: Szenen aus dem neuen "Polizeiruf 110"
Fotos: Szenen aus dem neuen "Polizeiruf 110" FOTO: NDR/Christine Schroeder
Rostock. Dieser "Polizeiruf" ist laut, wütend, aggressiv – das wird alles andere als ein ruhiger Sonntagabend, wenn die Kommissare in der Ultra-Szene ermitteln und dabei kein Blatt vor den Mund nehmen. Von Martina Stöcker

Bei diesem "Polizeiruf" sollte man den Ton ein wenig leiser stellen und das Schimpfwort-Strafschwein verstecken. Denn wer hier für jedes verpönte F-Wort einen Euro bezahlen will, kann sich auf eine hohe Zeche einstellen. Aber das ist Rostock.

Die Kommissare Bukow (Charly Hübner) und König (Anneke Kim Sarnau) nehmen kein Blatt vor den Mund. Und dann ermitteln sie noch in einem Milieu, in dem auch nicht mit Wattebäuschchen geworfen wird: Ein Mitglied der Rostocker Ultra-Szene wurde nach einer Schlägerei vor einen Lkw gestoßen und ist dabei gestorben.

Der Krimi "Einer für alle, alle für Rostock" ist so wütend und laut und damit auch so gut, dass man sich dem Ultra-Schlachtruf "Hurra, hurra, die Rostocker sind da" anschließen möchte.

Das ganze Testosteron wabert fast aus dem Fernseher heraus

Der Tote war Zahnarzt und aktives Mitglied bei einer Ultra-Gruppe. Vor mehreren Jahren hatte er gegen einen Kollegen ausgesagt, als bei einer Schlägerei ein Polizist so zusammengeschlagen wurde, dass dieser heute ein Pflegefall ist und im Wachkoma liegt. Niemand wollte damals denjenigen anschwärzen, der verantwortlich war, zu groß ist der Zusammenhalt.

Für den Angriff wurde schließlich Stefan Momke (Lasse Myhr) verurteilt, nun – nach sieben Jahren – wird er entlassen. Er sucht Anschluss an seine alte Gruppe und will die Position als Kapo zurück. "Ein Kapo mit Stadionverbot ist wie ein Pornostar, der keinen mehr hochkriegt", sagt ihm sein Nachfolger ins Gesicht. Die Truppe brüllt und geifert, die Körper sind Kampfmaschinen und Leinwand für Tattoos.

Das ganze Testosteron wabert fast aus dem Fernseher heraus. Das mag in manchen Situationen etwas übertrieben wirken, zum Beispiel wenn Momke ständig wie ein wildgewordener Stier schnaubt. Aber Worte zählen nicht viel, er und seine Kollegen hören nur Schlachtrufe. 

Und dann ist da noch Doreen (Lana Cooper), Momkes Ex-Freundin, die damals bei dem Übergriff auf den Polizisten dabei war, sich dann aber distanziert hat. Sie lebt ein bürgerliches Leben mit Mann und Kind. Dann taucht ihr Ex auf, und die beiden verstricken sich wieder in einer Beziehung, in der Emotion immer mit Gewalt verbunden ist. Regisseur Matthias Tiefenbacher wollte nicht eine Dokumentation über Ultras oder Hooligans drehen, sondern ein Milieu zeigen, das Gewalt und Stärke als Lebensgefühl feiert.

Das Tollste sind die Hauptdarsteller

Im Mittelpunkt steht aber das Miteinander der Ermittler. Am Ende des 15. Falls wurde Katrin König fast von einem Triebtäter vergewaltigt, sie schlägt ihn in rasender Wut zusammen. Nun geht es darum, welche Version an die Dienstaufsicht gemeldet wird. Bukow hat für sie gelogen und behauptet, sie habe in Notwehr gehandelt. Das würden alle Kollegen unterstützen, vor allen Dingen ihr Vorgesetzter.

Er ist froh, dass König doch nicht nach Berlin gewechselt ist und sie wegen "dieser dummen Sache" nun schon gar nicht verlieren möchte. Doch König ist ein Gerechtigkeitstier. Sie hadert mit dieser Lüge. Geschickt vergleicht Regisseur Tiefenbacher den Zusammenhalt der Polizisten mit dem der Ultras. Kurz ist eine Polizei-Tasse zu sehen, auf der "Einer für alle" steht – die Ultras gefallen sich mit dem gleichen Motto.

Das Tollste am Rostocker "Polizeiruf" sind aber die Hauptdarsteller Charly Hübner und Anneke Kim Sarnau. Ihre Figuren schleichen umeinander rum, und was sie aus dieser Anziehung, der sich beide Kommissare widersetzen wollen, machen, ist wirklich berührend. Sie mündet in einer Tanz-Szene, die Hoffnung macht auf ein Happyend. "Sie sind inzwischen der Mensch, der mir am meisten bedeutet", bekennt Bukow. "Von mir abgesehen."

"Polizeiruf 110 - Einer für alle, alle für Rostock", Das Erste, So., 20.15 Uhr.

 
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