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Pro und Contra
Wird Stefan Raab dem deutschen Fernsehen fehlen?

Fotos: Stefan Raab – seine Shows, seine Preise, seine Karriere
Fotos: Stefan Raab – seine Shows, seine Preise, seine Karriere FOTO: dpa, bra vfd sab lof
Düsseldorf. Mit 48 Jahren geht Stefan Raab in den TV-Ruhestand. Er war stets erfolgreich, auch wenn seine Ideen mitunter umstritten waren. Bleibt die Frage: Wird er nach seinem Abschied dem deutschen TV fehlen? Ein Pro und Contra.

Ja, von Leslie Brook

Stefan Raab hat eine ganze Generation das herzhafte, spöttische Lachen gelehrt. Nachdem "RTL Samstag Nacht" 1998 eingestellt wurde, fanden die heute Anfang-30-Jährigen ab 1999 bei "TV Total" ein neues Late-Night-Zuhause. Raab ist frech und mutig, er sprüht vor Ideen, alles, was er anpackt, macht er mit Ehrgeiz, Leidenschaft und Ausdauer. Er erwartet von anderen, nie etwas zu tun, was er nicht auch selbst wagen würde. Er ist sich schlicht für nichts zu schade. Und er versteht es, alles zu vergolden. Niemandem hat das deutsche Privatfernsehen in den vergangenen 20 Jahren so viele Innovationen zu verdanken wie dem Kölner Entertainer.

Nicht alles davon muss man gut finden, man kann sagen, es ist bescheuert, mit einer asiatischen Bratpfanne Bobbahnen herunterzufahren oder einen Kindergeburtstag als Erwachsenenduell über 347 Minuten zu inszenieren, doch eines muss man Raab lassen: Der Metzgergeselle aus Köln-Sülz hat es geschafft, eine Marke zu werden. Spätestens mit Lena Meyer-Landruts Sieg beim Eurovision Song Contest (ESC) hat er sich ein Denkmal gebaut. Und auch nach 16 Jahren Omnipräsenz bei ProSieben nimmt er noch Millionen Zuschauer für sich ein – insofern kann man nicht davon sprechen, dass sein Zenit überschritten sei.

Wie sehr Raab das Zugpferd von ProSieben geworden ist und wie groß die Lücke ist, die er hinterlässt, macht die Aktie des Münchner Privatsenders deutlich: Sie sackte gestern Vormittag um 1,25 Prozent ab auf rund 41,60 Euro. Stefan Raab hat ProSieben jährlich 15 Primetime-Shows beschert. 132 Ausgaben von "TV Total" moderierte er allein in der zurückliegenden Fernsehsaison. Hinzu kamen fünf Folgen von "Schlag den Raab" sowie weitere Events wie die "Wok-WM", das "TV Total Turmspringen" oder die "Stock Car Crash Challenge". Doch Raab war nie nur Moderator, er ist auch Geschäftsmann, ihm gehören 25 Prozent der Kölner Produktionsfirma Brainpool, und er hat in den vergangenen Jahren sehr viel Geld verdient – wohl genug, um jetzt zu sagen: Es reicht. Denn so sehr er selbst in der Öffentlichkeit steht, so sehr schirmt er seine Familie ab. Privates ist für ihn privat.

Raabs Komplett-Abschied mit 48 Jahren ist so kategorisch wie alles, was er zuvor gemacht hat. Ganz oder gar nicht. Von 100 auf null Prozent. Vielleicht ist es ihm langweilig geworden. Dennoch fällt es schwer zu glauben, dass er es schaffen wird, nicht mehr mitzumischen. Im Geiste sieht man ihn in einigen Jahren zurückkommen, als eine Art Ralph Siegel – nur erfolgreich – mit einem ESC-Song oder als der, der 2020 "Wetten, dass..?" wiedererweckt.

Den Erfolg der Raab-Formate ohne ihn beizubehalten, wird eine große Herausforderung für ProSieben. Dort habe man zwar einen Plan für 2016, heißt es, den man zu angemessener Zeit verkünden will. Doch wie der aussehen soll, ist schwer vorstellbar: Springen Joko und Klaas ein? Wird Elton Nachfolger bei "TV Total"? Wird Sender-Rückkehrerin Lena Gercke dauerpräsent sein? Oder gibt es am Ende nur noch mehr Wiederholungen von Sitcoms? ProSieben ohne Raab – das ist wie "Blamieren oder Kassieren" ohne einen Gewinner.

Nein, von Gianni Costa

Stefan Raab hat das deutsche Fernsehen sicher revolutioniert. Er hat eine verstaubte Unterhaltungsbranche gehörig durchgeschüttelt. Ab 1993 als rotzfrecher Blödelbarde mit Ukulele beim Musiksender Viva, seit 1999 dann mit Late-Night-Show bei ProSieben. Irgendwann hat Raab leider aufgehört, Raab zu sein. Er ist zu einem der Bequemen in der Branche geworden. Zu einem von denen, die er einst aufgescheucht hat. Höchste Zeit also, einen Schlussstrich zu ziehen.

Seine Lustlosigkeit sieht man besonders gut an dem Format "TV Total". Bisher sind 2179 Ausgaben davon produziert worden. Mindestens 1500 zu viel. Seit einer ganzen Weile ist es zu einem "lieblos produzierten Stück Fernsehschrott", wie "Spiegel Online" diagnostizierte, verkommen – mit Raab als unmotiviertem Gastgeber vier Mal in der Woche. Selbst Harald Schmidt in seiner destruktivsten Phase bei Sat.1 und später in der ARD sah man mehr Freude an, vor der Kamera zu stehen.

Raab, 48, ist früher das Treppengeländer ins Studio runtergerutscht. Jeans, zerknittertes Hemd (um seine Lässigkeit zu unterstreichen nie in die Hose gesteckt), altes Sakko. Er zog eine Kelle unterm fahrbaren Tisch hervor, kürte den Liebling der Woche, hat den "Pulleralarm" für Zoten im TV eingeführt, war "Raab in Gefahr" und hatte Top-Stars in der Sendung. Wer einen Film oder eine CD besser verkaufen wollte, musste sich nicht mehr bei Thomas Gottschalk auf dem "Wetten, dass..?"-Sofa langweilen, sondern erhielt bei Raab die Möglichkeit, der Zielgruppe näherzukommen. 60 Prozent Marktanteil bei den 14- bis 49-Jährigen waren ein gutes Argument für ihn. Die Quote ist rasant gesunken. Für Raab war Gottschalk, der Musikantenstadl oder der Eurovision Song Contest wichtig, um vorführen zu können, wie verschnarcht die öffentlich-rechtliche Vorstellung von Unterhaltung zur besten Sendezeit ist.

Raab hat selbst einen unnachgiebigen Gegner bekommen: das Internet. Für viele ist das Ende des linearen Fernsehens (TV nur über einen Kanal) eingeläutet. Die neuen Idole der Jugendlichen werden im Netz zu Stars. Mit schnelleren, verrückteren, frecheren Ideen. Über diese Plattformen sind Joko Winterscheidt, Klaas Heufer-Umlauf und Jan Böhmermann gewachsen. Sie haben Raab längst überholt. Bei ProSieben bekommen Joko und Klaas schon jetzt mehr vom dicken Raab-Kuchen ab. Der Sender hatte sich zu sehr seiner Ideenschmiede ergeben. Heute unterhält sich niemand auf einem Schulhof über die Gähn-Gags von Metzger-Sohn Raab, sondern es werden die Videos von "Circus HalliGalli" (Joko & Klaas) und "Neo Magazin Royale" (Böhmermann) auf dem Handy rumgezeigt. Es sind die besseren Shows. Raab wirkt dagegen wie ein ausgelaugter Lehrer, der sich nach Jahren im Dienst nicht mehr auf die nächste Unterrichtsstunde vorbereitet. Nur in Formaten wie "Schlag den Raab" packt ihn der Ehrgeiz – bedauerlicherweise mehr eine Dauerwerbesendung.

Was man gewiss nicht vermissen wird, ist sein Hang, sich an Fehltritten anderer zu bereichern. Deren Persönlichkeitsrechte sind Raab in der Regel egal. Wer ihm aber selbst zu nah kommt, macht Bekanntschaft mit seinen Anwälten. Seine Opfer sind selten mit ihm auf Augenhöhe. Er hat einmal eine Schülerin mit dem Namen Lisa Loch über einige Sendungen gemobbt. Sie wehrte sich und erstritt vor Gericht ein Schmerzensgeld von 70 000 Euro. Raab war es der billige Lacher wert. Wie es seinem Opfer geht? Egal! Ein guter Gag bringt Menschen zum Lachen, nicht zum Weinen. Den Unterschied hat Raab nie verstanden. Zum Glück ist damit bald Schluss.

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