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Dokumentarfilm
Schwere Liebe zu einem Häftling

Stuttgart. Ein Dokumentarfilm begleitet Rudi und Marion, nachdem er nach 20 Jahren Haft entlassen worden war. Von Tim Slagman

Das muss Liebe sein: Die beiden umarmen einander, küssen und streicheln sich - ein Moment des Wiedersehens im Besuchsbereich des Gefängnisses, den Regisseurin Sigrid Faltin in all seiner Körperlichkeit einfängt. Die Beziehung von Marion und Rudi, beide 48 Jahre alt, begann mit einer Brieffreundschaft: Rudi sitzt seit mehr als 20 Jahren ein, außerhalb der Knastmauern sind die beiden einander noch nie begegnet.

Sigrid Faltins Film "Ritterblut - Verliebt in einen Knacki", den das Erste als Teil seiner sommerlichen Dokumentarfilmreihe heute ausstrahlt, erzählt vom Mysterium der Emotionen und vom Mysterium Mensch: Was verändert sich, wenn ich den Geliebten in all seiner widerborstigen Freiheit erlebe? Ist der Mensch draußen ein Anderer als der Mensch drinnen? Und ist es also tatsächlich Liebe, was die beiden verbindet?

Es sind zunächst freilich mehr als 600 Kilometer und acht Stunden Fahrt von Marions Wohnort in die Justizvollzugsanstalt Bruchsal, die sie von Rudi trennen. Ihre Tochter ist nicht die einzige, die Vorbehalte gegen Marions neue Beziehung hat. Und auch Marion selbst schreibt zunächst, nachdem sie auf der Website www.jailmail.de Rudis Kontaktanzeige gefunden hatte, ihr sei nicht wohl dabei, eine Brieffreundschaft mit einem Gewalttäter aufzubauen.

Doch diese Reibungen am gesellschaftlichen Umfeld interessieren die Regisseurin nur am Rande. Die Institution Gefängnis ist stets da präsent, wo es um Rudis Hoffen und Bangen um Bewährung und vorzeitige Haftentlassung geht - eine Ungewissheit, die dem betont unspektakulären Film Spannung verleiht. Je länger Rudi auf ein Gutachten wartet, desto frustrierter wird er. Je frustrierter er erscheint, desto stärker gefährdet er das Wohlwollen derer, die über seine Zukunft entscheiden. Als er nach vielen Schwierigkeiten im behördlichen Prozess tatsächlich entlassen wird, zeigt sich schnell, dass das Zusammenleben nicht einfach ist. So trinkt Rudi regelmäßig und hört nicht auf zu rauchen, doch die Zigaretten sind bald das geringste Problem im Realitätscheck, dem diese Liebe nun unterworfen wird. Rudi fühlt sich einsam bei Marion im Norddeutschen, und er findet lange keine Arbeit.

Und obwohl Sigrid Faltins Dokumentarfilm sich in manchen Details offen als inszeniert erweist, Zweifel an der Ehrlichkeit der Protagonisten bleiben dennoch nicht zurück. So zeigt sich die Kunst der guten Dokumentaristin im Aufbau von Vertrauen zu Menschen, die misstrauisch geworden sein dürften gegen Vorurteile.

"Ritterblut - Verliebt in einen Knacki", Das Erste, 22.45 Uhr

(kna)
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