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TV-Nachlese
Islam und Sexismus – Maischberger-Talk in heillosem Chaos

Die Gäste bei Sandra Maischberger zum Thema Islam und Sexismus
Die Gäste bei Sandra Maischberger zum Thema Islam und Sexismus FOTO: WDR/Max Kohr
Düsseldorf. Seximus und Islam – darüber wollte Sandra Maischberger mit ihren Gästen diskutieren. Die Runde mit Alice Schwarzer verlor sich allerdings in einem Durcheinander aus Unterstellungen und Plattitüden. Nur ein Mönchengladbacher Ex-Salafist brachte ein wenig Ruhe in die Sendung. Der Check. Von Dana Schülbe

Darum ging's
"Männer und Frauen sind gleichberechtigt, so steht es im Grundgesetz", sagte Maischberger zu Beginn der Sendung mit dem Titel "Mann, Muslim, Macho: Was hat das mit dem Islam zu tun." Doch nicht alle Migranten akzeptierten diese Art von Gleichberechtigung, würden Frauenrechtlerinnen beklagen, fuhr die Moderatorin fort und kam auf die sexuellen Übergriffe an Silvester in Köln zu sprechen. 

Darum ging's wirklich
Zu Beginn der Sendung drehte sich alles noch um die Silvesternacht in Köln und tatsächlich um die Frage, was der Islam damit zu tun hat. Doch insbesondere Alice Schwarzer lenkte den Diskurs mehr und mehr auf die muslimischen Verbände, griff den eingeladenen Vertreter immer wieder an, sodass es nicht einmal Maischberger gelang, die Diskussion in die richtigen Bahnen zu lenken.

Die Runde

  • Feministin und Journalistin Alice Schwarzer bezeichnet die Vorfälle in Köln als "Frauenklatschen" und vergleicht sie mit den sexuellen Übergriffen auf dem Tahrirplatz während der Revolution in Ägypten. Sie sagt, der Islamismus ist der "Faschismus unserer Zeit".
  • Grünen-Chefin Simone Peter sagt "Sexismus hat keine Religion" und verweist drauf, dass es Machos und Gewalttäter unabhängig von einer Religion gibt.
  • Murat Kaymann, Vorsitzender des türkisch-islamischen Dachverbands DITIB, wiederholte fast gebetsmühlenartig, dass Sexismus rein gar nichts mit dem Islam an sich zu tun habe und wehrte jede Kritik ab, ging aber auch nicht wirklich auf sie ein, um sie zu entkräften.
  • Samuel Schirmbeck, ehemaliger ARD-Korrespondent in Algerien, sagte, sexuelle Übergriffe auf Frauen habe er in Algerien und Marokko als Alltag erlebt.
  • Dominic Mus Schmitz, ehemaliger Salafist aus Mönchengladbach, differenzierte wohl am besten in der Runde, erzählte zugleich von seinen Erfahrungen – wie etwa der Heirat mit einer jungen Frau, die er kaum kannte.

Frontverlauf
Erwartbar ergriff Alice Schwarzer immer wieder das Wort, allerdings ließ sie auch kaum jemanden ausreden – insbesondere nicht Kayman. Denn dass der DITIB ihr ein Dorn im Auge ist, machte sie mehrfach deutlich: für sie ist der Verband der "verlängerte Arm von Erdogan". Sie will differenzieren zwischen der Religion Islam und dem politischen Islam, nennt die Kölner Vorfälle eine "Machtdemonstration Gleichgesinnter". Kayman wiederum warf ihr vor, die Debatte "zu vergiften" und sagte ironisch: "In Deutschland gibt es inzwischen mehr Islamexperten als Muslime". Immer wieder ließ er die Kritik der anderen Gäste an sich abprallen, sagte Sätze wie "Wenn ich mich rüpelhaft verhalte, dann bin ich ein Rüpel, aber kein muslimischer Rüpel." Doch wirklich eingegangen ist er auf die Kritik nicht. 

Das dürfte auch Dominic Musa Schmitz gestört haben, der forderte, dass Imame endlich Stellung beziehen zum IS, zum Dschihad und zur Scharia. Kayman und die anderen Verbände müssten sich nicht rechtfertigen, doch es gebe kaum ein gesundes Gegengewicht etwa zum Salafismus, beklagte er. Über den gesunden Islam finde man kaum etwas.

Peter wiederum interessierte sich dafür, ob die Täter von Köln denn die Chance hatten, an Integrationsmaßnahmen teilzunehmen, woraufhin Schirmbeck nur mit Unverständnis reagierte: "Wieso muss man einen Integrationskurs machen, um zu lernen, dass man mit Frauen nicht so umgehen darf?" Er selbst nennt den Islam eine Ideologie, die Seximus ermögliche und verweist etwa auf das Enthaltsamkeitsgebot, dass dazu führe, dass bei den jungen Männern ein "sexueller Überdruck" entstehe. Auf die Kritik, dass er alle Strömungen des Islam in einen Topf werfe, reagierte er mit der Bemerkung: "Als wir den Stalinismus kritisierten, haben wir doch auch nicht den einzelnen Russen kritisiert."

Nervigster Gast
Fast erwartbar Alice Schwarzer. Die Journalistin argumentierte zwar auf Basis guter Fachkenntnis, doch leider lenkte sie mit ihrer DITIB-Kritik immer wieder vom eigentlichen Thema ab und unterbrach die anderen Gäste, insbesondere Kayman, ständig, sodass viel Unruhe in der Sendung entstand. Bezeichnend der Moment, als sie von Maischberger gebeten wurde, doch Kayman mal ausreden zu lassen und sie entgegnete. "Jemand wie ich, warum soll ich ihn ausreden lassen?" Die Anmerkung Maischbergers, dass dies die Höflichkeit gebiete, ging da in ihrem nächsten Redeschwall schon unter.

Bemerkenswertester Gast
Dominic Musa Schmitz reist quer durch Deutschland, um aufzuklären und war auch schon in mehreren Talkshows zu Gast. Doch es ist immer noch spannend, ihm zuzuhören. Leider kam er erst spät in der Runde zu Wort, doch wenn er sprach, war es tatsächlich einmal ruhig in der Runde und alle lauschten seinen Worten. Schmitz erzählt, dass er selbst recht früh eine Frau geheiratet habe, die er vorher zweimal gesehen hatte. Sie leben inzwischen getrennt haben zwei Kinder. Und ihm sei schnell klar gewesen, dass er diese Frau nicht liebt und nie lieben wird. Er erzählt, dass er lange Frauen nicht die Hand gegeben habe und wie schwierig es gewesen sei, ihnen nicht ins Gesicht zu sehen.

Der ehemalige Salafist argumentiert aus seinen Erfahrungen heraus und gibt allen Gästen in der Runde recht. Auch Scharmbecks These vom "sexuellen Überdruck" bei jungen Männern, weswegen er auch jung habe heiraten wollen. Er sagt aber auch, dies sei nicht typisch muslimisches Verhalten. Allerdings: Wenn man den Koran wörtlich auslege, dann nehme er einem das Denken und Handeln ab.

Bemerkenswert auch seine rein praktische Kritik an den Islamverbänden. Warum werde denn in den Moscheen nicht Deutsch gepredigt, fragte er Kayman, der wiederum argumentierte, dass ja viele aus der Türkei kämen und auch in den Gemeinden viele lebten, die nur diese Sprache könnten. Doch Schmitz entzauberte diese Argumentation, in dem er sagte, dass die Jugendlichen aber diese Sprache nicht verständen, den Predigten nicht folgen könnten. Wenn sie Fragen hätten, könnten die Imame diese nicht beantworten, weil sie einfach nicht die Sprache sprächen – die salafistischen Prediger dagegen schon. Er selbst ist immer noch Muslim, aber er lebe die Religion nicht mehr als Dogma, sie sei nicht mehr das Maß aller Dinge, aber immer noch Quelle von Inspiration.

Satz des Abends
Der kam von der Moderation am Ende selbst, und auch wenn er leicht untertrieben war, fasste er die Sendung doch am besten zusammen: "Wir haben es heute versucht, es ist ein bisschen durcheinander gegangen."

Erkenntnis
Viel Geschrei mit wenig neuer Erkenntnis, sondern altbekannten Vorhaltungen und Sichtweisen, die bereits nach der Silvesternacht in Köln immer wieder diskutiert wurden. Und eine Moderatorin, die es nicht schaffte, ihre Gäste in Schach zu halten und am Ende selbst mehr als genervt wirkte. Eine Sendung also, die man sich letztlich auch hätte sparen können.

Die gesamte Sendung können Sie sich bei Youtube ansehen.

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