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Sascha Lobo bei Maybrit Illner
"Lagerbildung taugt ja offenbar nicht"

Sascha Lobo bei Maybritt Illner: "Lagerbildung taugt nicht"
Maybrit Illners Gäste übten "demokratisch zu streiten". FOTO: ZDF Screenshot
Düsseldorf. Trumps Erfolg, die Gefühle der Deutschen und soziale Gerechtigkeit – Maybrit Illners Gäste sollten diese Probleme diskutieren. Vor allem aber sind sie bei der Frage über das Wie hängengeblieben. Von Julica Jungehülsing

Darum ging's

Was können wir aus dem Trump-Erfolg lernen? Darüber wollte Maybrit Illner diskutieren. Werden Abschottung und Fremdenfeindlichkeit folgen, und was machen nun die "geschockten Eliten"? Haben die Strategien der "Etablierten" wie beim Brexit versagt? Wird sich der Siegeszug der Populisten in Deutschland 2017 fortsetzen?

Darum ging's wirklich

Die etablierten Parteien, fand die Gastgeberin, kommen um eine selbstkritische Analyse nicht herum. Außerdem, da war sie sich mit ihren Gesprächspartnern sogar beinahe einig, sei es keine gute Idee, die Wähler zu beschimpfen. Sie zu überzeugen wäre deutlich besser. Gestritten wurde darüber, ob Rechtsruck und Populismus nun vor allem durch falsche Kommunikation entstehen oder ob wir eine andere Politik brauchen.

Die Runde

  • Jens Spahn, CDU-Präsidiumsmitglied
  • Philomena Poetis, Soziologin und Journalistin
  • Sascha Lobo, Kolumnist, Autor und Social-Media-Experte
  • Stefan Petzner, ehemaliger Pressesprecher und Generalsekretär von Jörg Haider (FPÖ)
  • Frank Stauss, SPD-Wahlkampfmanager und Politologe
  • Martina Böswald, AfD-Sprecherin des Ortsverbundes Breisgau-Süd und ehemaliges SPD-Mitglied

Frontverlauf

Eine "mühevolle und anstregende Diskussion" nannte Maybrit Illner ihren TV-Talk am Ende. Zu Recht. Aber sie hatte zu Selbstkritik aufgerufen, und die ist selten eine leichte Übung. Zunächst allerdings stritten sich vor allem die Herren in der Runde darüber, wie man sich demokratisch streitet. Besprochen wurde auch, was Menschen zu den neuen rechten Parteien treibt, was Hillary Clinton und die alten Parteien in Europa falsch machen. Und die Gäste fragten sich, wie sich das möglicherweise ändern ließe.

Angesichts von Trump nicht hyperventilieren

Jörg Haiders Ex-Ratgeber Petzner fasste die Reaktionen auf Trumps Wahlerfolg zusammen: Wenn wir nun alle schockiert sind, dann haben die Wähler ihr Ziel erreicht. "Die wollen, dass ihr euch ekelt", sagte der Österreicher. Man müsse Donald Trump jetzt an Taten messen und Gelassenheit üben. "Wir dürfen jetzt nicht hyperventilieren." Jens Spahn empfahl den Bündnispartnern ebenfalls, nicht überzureagieren. Sascha Lobo sah das anders. Angesichts von Aufrufen zu Rassismus zu Gelassenheit zu mahnen, hielt der Blogger für den falschen Weg. "Wir sollten im Gegenteil eine Menge Energie darein stecken, herauszufinden was da schief gelaufen ist."

Lagerbildung taugt nicht

Nicht einigen konnte sich die Runde darüber, wie man über die Probleme, die offenbar viele Menschen bewegen am besten redet. Lobo fand man dürfe Herrn Oettingers Worte über asiatische Menschen ruhig rassistisch nennen, wenn sie nun mal rassistisch seien und erntete Applaus. Jens Spahn konterte, die Diskussion laufe direkt schief, wenn jeder, der über Migrationsprobleme im Alltagsleben sprechen wollte, gleich Rassist genannt werde.

Beschimpfung der Wähler und eine Polarisierung der Debatte jedenfalls, da wurden sich die Gäste sogar einig, werde auf Dauer kaum zu mehr Verständnis führen. Lobo schlug vor zu üben, auf Provokationen klug einzugehen und auf radikale Sprüchen eher besonnen zu reagieren, als immer gleich zurückzubellen. "Wir müssen einen besseren Umgang miteinander lernen, denn die Lagerbildung taugt ja offenbar nicht dazu, andere von anderen Meinungen zu überzeugen."

"99 Prozent der Welt würde gerne mit Deutschland tauschen"

Soziale Gerechtigkeit war der nächste Zankapfel. Petzner kritisierte Parteien wie die Grünen, die sich kaum mit Armutsbedrohung oder Arbeitsplatzverlusten beschäftigten. "Trotz Vollzeitbeschäftigung sind 118 Millionen Europäer armutsgefährdet", sagte er und forderte eine bessere Verteilung des Wohlstandes. Jens Spahn hielt die Furcht vor Armut für eher theoretisch: "In Deutschland herrscht immer so ein ‘Gefühl' der Bedrohung, und Furcht vor Arbeitslosigkeit", meinte der CDU-Politiker. "Aber 99 Prozent der Weltbevölkerung würde ziemlich gerne mit den Menschen in Deutschland tauschen."

"Die Globalisierung geht nicht wieder weg"

Frank Stauss schlug vor sich von Scheingefechten und Phrasen zu verabschieden und stattdessen mit Inhalten zu beschäftigen und zu erkunden, wo wirkliche Probleme lägen: "Globalisierung und Digitalisierung ändern unsere Welt schnell und das geht auch nicht wieder weg." Damit verbundene Probleme wie Jobverlusten müsse man benennen und anfassen. Auch das Stadt-Land-Gefälle, und die sich durch Wegzug junger Leute verändernde Infrastruktur seien Themen die zu wenig Platz fänden.

Inhalte wünschte sich auch Philomena Poetis, die selten zu Wort kam: "Wir müssen strategischer denken, ich wüsste gerne manchmal, welche Partei eigentlich für welche Ziele steht." Stefan Petzner schlug später in die gleiche Kerbe: Die großen Parteien täten gut daran, sich mal wieder einen großen Plan und eine begreifbare Agenda zu entwickeln.

Zuletzt holte Maybrit Illner die AfD-Sprecherin Martina Böswald in die Runde. Das ehemalige SPD-Mitglied sagte, Lügen und Sozialpolitik ihrer Ex-Partei hätten sie so enttäuscht, dass sie sich nun in der AfD besser aufgehoben fühlte. "Da werde ich nicht für dumm belächelt, wenn ich sage, was ich denke", sagte die Freiburgerin. "Wir sind sicher eine sehr schillernde Partei", gab die Anwältin zu. "Das wäre dumm, einfach zu leugnen."

Böswald sprach sich für freie Wahlen aus: "Die Wahl ist die Krone der Demokratie, das wird sich von alleine ableben. Denn die Marktschreier will ja am Ende keiner hören." An letzterem hatten ihre Gesprächspartner Zweifel. Vor allem Ex-Parteifreund Stauss schüttelte über Böswald den Kopf und sagte, er wäre nicht interessiert, sie zurückzuholen. Wem Brandstiftung und Ballast dieser Partei egal seien, auf den könne er dann ganz gut verzichten.

Zitate des Abends

"Ich finde es keine Bereicherung, wenn ich durch Straßen fahre und fast keine Frauen sehe. Und wenn ich sie sehe, dann mit Kopftuch." (Jens Spahn)

"Die Probleme, die Menschen in einem wohlhabenden Land wie Deutschland haben, werden wir nicht lösen, indem wir Ausländer ausweisen." (Frank Stauss)

"So wie hier diskutiert wird, beweisen Sie samt und sonders, dass es uns als Partei einfach geben muss. Und das finde ich als ehemaliges SPD-Mitglied fast schade." (Martina Böswald)

"Auch wenn da 17 Sachen dabei waren, bei denen mit speiübel wurde, glaube ich, dass sinnvoll ist, dafür zu kämpfen jede Person von der AfD zurückzugewinnen, solange sie nicht offen menschenverachtend auftritt. Schon allein weil sie in der SPD weniger Blödsinn anrichten kann als in der AfD." (Sascha Lobo)

"Freihandel bedeutet nun mal nicht: für alle mehr." (Jens Spahn)

"Ich werde wohl wieder Rot-Grün wählen, mit den üblichen Schmerzen, die dazugehören. Vielleicht werde ich vorher etwas Alkohol trinken." (Sascha Lobo)

Erkenntnis

Demokratisch miteinander zu diskutieren führt weiter, als zu polemisieren und zu polarisieren. Einfach ist es allerdings nicht, der anderen Seite auch wirklich zuzuhören.

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