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Interview mit Benno Fürmann
"Über rote Ampeln bin ich schon gefahren"

Schauspieler Benno Fürmann spricht über "Die Einsamkeit des Killers vor dem Schuss"
Benno Fürmann spielt den Agenten Koralnik in "Die Einsamkeit des Killers vor dem Schuss". FOTO: dpa
Düsseldorf. Acht Jahre lang muss sich Benno Fürmann in seiner Rolle als Agent Koralnik in "Die Einsamkeit des Killers vor dem Schuss" gedulden, bis der erste Auftrag kommt. Er gehört einer geheimen EU-Eliteeinheit an, die nach 9/11 zur Terrorabwehr gegründet wurde. Aber weil nichts passiert, langweilt er sich fast zu Tode. Ein Gespräch über das Warten. Von Leslie Brook

Viele können es sich schon gar nicht mehr vorstellen: gegen die Wand starren, in den Himmel schauen, andere Leute beobachten. Ausharren und sich in Geduld üben. Warum ist es wichtig, warten zu können?

Fürmann Es gibt Zeiten, in denen ich verstärkt innehalte, um herauszufinden, was ich will, wer ich gerade bin, was bei mir los ist. Ich glaube, es ist fatal, wenn wir durchs Leben rennen, ohne Atem zu holen. Wir brauchen Pausen.

Das heißt, Sie vertragen Einsamkeit und können mit Leerlauf umgehen?

Fürmann Ja, aber das fällt schwerer, wenn ich zuvor hochtourig gefahren bin. Jeder Mensch durchlebt verschiedene Aggregatzustände. Ich bin gerne allein, aber wenn man tagelang mit Leuten unterwegs ist, braucht man Zeit, um runterzukommen. Im letzten Urlaub waren wir zu dritt in Chile in der Arkanawüste, die letzten zwei Wochen war ich dann ohne die Jungs unterwegs, zunächst fühlte ich mich einsam, erst später allein – war mir also selbst genug.

Wie kommen Sie runter, wenn Sie eine stressige Phase hatten?

Fürmann Natur hilft, Tee hilft, meine Tochter hilft, Freunde helfen. Und ich habe einen extrem bequemen Lesesessel. Wichtig ist auch, den Tag nicht so voll zu laden und den Preußen ein bisschen wegzuschieben, der sagt, das und das und das muss noch erledigt werden.

Diese Stars besuchten die NRW-Filmstiftung auf der Berlinale FOTO: Holger Lodahl

Gerade junge Menschen daddeln viel, Nichtstun gibt es kaum noch. Wie halten Sie das in Bezug auf Ihre Tochter...?

Fürmann Da gibt es Zeiten, in denen sie das Handy haben darf und welche, in denen es tabu ist.

Sind Sie ein geduldiger Mensch?

Fürmann Nein! Ich bin eher ungeduldig als phlegmatisch. Es macht mich wahnsinnig, wenn Menschen nicht meine Geschwindigkeit haben. Dabei weiß ich, dass Ungeduld keine gute Eigenschaft ist und niemand gerne einen Stresser neben sich hat. Ich muss manches Mal lernen, mich in Geduld zu üben.

Gerade als Schauspieler muss man aber doch eine Menge warten, oder?

Fürmann Bei meinem Beruf ist das manchmal schwierig. Gerade Filmschauspielerei hat viel mit Warten zu tun. Es gibt viele Unterbrechungen, etwa wenn das Licht nachjustiert wird. Das macht mich manchmal irre, denn ich würde gerne weiterspielen - wenn ich Temperatur habe, lasse ich mich nicht gerne ausbremsen. Das ist so, als ob man nach jedem Ballwechsel abgepfiffen wird.

Schwer was los beim "Hai-Alarm am Müggelsee" FOTO: Warner/X-Filme

Wie vertreiben Sie sich am liebsten Wartezeiten?

Fürmann Mit der Figur. Man kann sich mit ihr unterhalten, man kann noch mal für sich nachspüren, wo die Szene hinführt und sich inhaltlich neu ausrichten. Lesen mit anderen Kontexten mag ich nicht so gerne, aber es gibt Bücher, die unheimlich gut zum Thema passen, wegen dem man vor der Kamera steht. Wenn ich Erstes-Weltkriegs-Epos spiele, dann hätte ich kein Problem "In Stahlgewittern" von Ernst Jünger in einer Drehpause zu lesen, aber ich hätte ein Problem "Die Erfindung der Langsamkeit" zu lesen. Und ich bin ein ziemlich guter Kreisläufer, ich setze mich nicht gerne hin, sondern bleibe gerne energetisch oben. Und drehe dann so meine Runden.

Wie muss man sich das vorstellen, wenn Sie sich mit der Figur unterhalten?

Fürmann Das passiert nur in meinem Kopf. Sonst würde ich wahrscheinlich für irre erklärt und rasch eingewiesen. (lacht)

Gab es ein Buch, das Sie für diesen Film gerne gelesen haben?

Fürmann Während der Zeit habe ich von Karl Ove Knausgard "Sterben" gelesen, das passte gut. Am Set hatte ich aber auch nicht so viel Leerlauf, denn wir hatten eine recht flexible Kamera und ein niedriges Budget, insofern mussten alle schnell zum Punkt kommen.

Szenen aus "Die Grenze" FOTO: SAT.1/Stefan Erhard

Also die perfekte Rolle für Sie?

Fürmann Ja, Hauptrollen sind ideal für mich. (lacht). Es gab quasi nie eine Szene ohne mich, Koralnik war immer präsent. Bei Hauptrollen geht der Drehtag wesentlich schneller um, das ist besser als bei Nebenrollen oder gar Rollen, bei denen man keinen Text hat.

Mal angenommen, Sie hätten einen Flug gebucht und es gibt zwölf Stunden Verzögerung. Mit wem würden Sie die Wartezeit überbrücken wollen?

Fürmann In meinem Kopf sehe ich mich alleine. Mein erster Versuch wäre es, aus dem Flughafen rauszukommen und mir die Stadt anzuschauen, in der ich gestrandet bin. So etwas habe ich schon erlebt. Als ich in den Südsudan geflogen bin, hatte ich einen längeren Aufenthalt in Addis Abeba. Auf dem Hinflug habe ich geschafft, mit einem Freund aus dem Terminal rauszukommen und ein Taxi zu mieten. Dann sind wir durch Addis gefahren und haben großartige, äthiopische Küche genossen. Und der Taxifahrer hat den einzigen Hühnerschenkel, den es gab, selbstbewusst in den Mund gesteckt und uns angegrinst. Ein ungeplanter Aufenthalt ist was Tolles.

Stichwort Essen. Sind Sie eher der Typ für Slow oder Fast Food?

Fürmann Slow! Gute Sachen brauchen Zeit. Ich warte lieber lange und esse dafür gut, als dass ich schnell befriedigt werde, aber doch unbefriedigt bleibe.

Wenn man doch mal schnell etwas zu Essen braucht, wie lange darf es maximal dauern, bis eine Pizza geliefert wird?

Fürmann Eine halbe Stunde sollte dafür reichen. Letztens habe ich für meine Tochter und mich eine Pizza geordert. Da meinte der Mann am Telefon, das dauert rund eine Stunde. Ich war völlig entgeistert: ,Wie eine Stunde?' ,Weil Sie nich der Einzige sind, der hier heute bestellt.' Dann habe ich gesagt: ,Vergessen Sie's, schönen Abend.' Darauf hab ich keine Lust. Wenn es länger dauert, als in jedem Restaurant, dann braucht man auch keinen Lieferdienst.

Wie vertreiben Sie sich beim Arzt im Wartezimmer die Zeit?

Fürmann Leute angucken, nachdenken, lesen.

Was lesen Sie dort?

Fürmann Klatschzeitschriften – die lese ich nur dort. Denn im Wartezimmer befindet sich in einem energetischen Zwischenstadium, da kann man literarisch nicht wirklich tief eintauchen. Da locken mich Zeitschriften mit möglichst großen Bildern.

Wann reißt Ihnen der Geduldsfaden?

Fürmann Wenn ich den dritten Ansprechpartner habe, der mir sagt, dass etwas nicht funktioniert. Wenn sich beim Versuch, den Fehler zurückzuverfolgen niemand zuständig fühlt, und sich Menschen keine Mühe geben, ein Problem zu lösen, weil sie einen möglichst leichten Arbeitstag haben wollen.

Wie lange mussten Sie sich gedulden, bis Sie Ihren ersten Auftrag bekommen haben?

Fürmann Da hatte ich viel Glück. Das war bei mir eher eine Sache von Monaten denn von Jahren. Mein erstes Engagement war "Zweite Heimat" von Edgar Reitz, dann kam "Schuld war nur der Bossanova".

Und der Platz an der Schauspielschule?

Fürmann Das ging auch ganz gut. Ich bin nach New York geflogen, hatte keinen Plan B, hab mich an der Schauspielschule vorgestellt und erklärt, warum ich dort hin will, und habe den Platz bekommen.

Auf was haben Sie im Leben bislang am längsten gewartet?

Fürmann Auf eine Erleuchtung.

Haben Sie sie bekommen?

Fürmann Das hören Sie doch! Spüren Sie nicht schon eine deutliche Veränderung, wenn Sie meine Stimme hören?

Doch total...

Fürmann Na sehen Sie, das war meine Absicht.

Die Wartezeit im Film ist wahnsinnig lang, wann wären Sie ausgebrochen...

Fürmann Wenn ich das Gefühl hätte, das tut mir nicht gut, und es geht mir schon seit längerer Zeit nicht gut. Aber diese Frage muss man sich erstmal stellen. Es hängt auch davon ab, wie stark man sich über seinen Beruf definiert. Ich würde mich nie als Schauspieler definieren. Ich nehme mir Auszeiten zwischendurch, in denen ich keine gesellschaftliche Funktion erfüllen muss.

Es handelt sich um ein Newcomer Projekt...warum haben Sie mitgemacht?

Fürmann Weil es ein ungewöhnlicher Stoff ist, eine schräge Figur, die mich zum Lachen gebracht hat: Ein Mensch, der so einsam ist, dass er sich selbst auf den AB spricht...und sich darüber freut, wenn er nach Hause kommt.

Warten vor roten Ampeln. Nervt Sie das – sind Sie schon mal drüber gefahren?

Fürmann Rote Ampeln an Stellen, an denen weit und breit nichts zu sehen ist, nerven total. Und da bin ich natürlich schon drübergefahren. Aber noch schlimmer für mich als Autofahrer sind Staus. Da kann man nicht auf Null schalten, sondern muss am Steuer sitzen bleiben. Das ist für mich ein unerträglicher Zwischenzustand zwischen Passivität und Aktivität, nah an der absoluten Zeitvergeudung.

Und wie wird Zeit am besten genutzt?

Fürmann Morgen werde ich für die Dreharbeiten zu "Babylon Berlin" auf dem Rücken eines Pferdes sitzen und ausreichend üben, damit es beim Dreh klappt. Da werde ich uns beiden genug Zeit geben, weil ich nicht frei von Respekt vor diesem Tier bin.

Wenn Sie zurückblicken, was war Ihr Berufswunsch als Kind?

Fürmann Ich kann mich an Pilot und Möbelpacker erinnern.

Und Agent war nie darunter?

Fürmann Ich bin ja am Kottbusser Damm groß geworden, da war James Bond so weit entfernt wie Hollywood, das war keine realistische Berufsperspektive.

Und heute, wo der Posten bald wieder vergeben werden soll?

Fürmann Heute arbeite ich natürlich immer noch an meinem Endziel, Geheimagent zu werden. (lacht) Wir werden sehen!

Mit Benno Fürmann sprach Leslie Brook.

("Die Einsamkeit des Killers vor dem Schuss" wird am 12. August, 22.30 Uhr, im ZDF ausgestrahlt.)

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