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Serie "Black Mirror"
Die Technik, unser Feind und Helfer

Serie "Black Mirror": Die Technik, unser Feind und Helfer
Liam Foxwell (Toby Kebbell) kann alles aufzeichnen, was er sieht. FOTO: Channel 4
Düsseldorf. Ein erschütterndes, dystopisch-satirisches und zugleich extrem glaubhaftes Bild unserer nahen Zukunft mit immer besserer, smarterer, schickerer Technik zeigt die zu Unrecht unbekannte Serie "Black Mirror". Von Tobias Jochheim

Wenn es so weiter geht, brauchen wir keinen Krieg, um uns ins Verderben zu stürzen, keine Diktatur, keine Natur- oder Nuklearkatastrophe und schon gar keinen Alien-Angriff. Es reicht, wenn wir uns noch ein wenig fester an die Technik klammern, an Soziale Medien und Trash-TV, an Smartphones und dauerfilmende Mini-Kameras wie das (auf Eis gelegte, aber garantiert nicht aufgegebene) Projekt "Google Glass". Jede neue Technologie ermöglicht uns, einander und uns selbst wirksamer zu verletzen. Existenziell könnten die Nebenwirkungen der Droge Technik werden, dessen, was hinter den "schwarzen Spiegeln" lauert, den Bildschirmen um uns herum.

Im Roman "Der Circle" ist eine solche Zukunft bereits skizziert worden. Sehr viel greifbarerer wird sie in der preisgekrönten Miniserie "Black Mirror", die noch früher, nämlich schon 2011 Kritiker in Großbritannien begeisterte. Der internationale Durchbruch allerdings blieb trotz einer Emmy-Prämierung aus. Bevor ab 21. Oktober bei Netflix die Folgen der dritten Staffel laufen, sollte man jene der ersten beiden gesehen haben: sieben Kammerspiel-artige Episoden mit radikal unterschiedlichen Protagonisten, Schauplätzen, Genres. Das einzige verbindende Element erklärt der Schöpfer der Serie, der Medienkritiker und Satiriker Charlie Brooker (45), wie folgt: "Es geht um die Art, wie wir innerhalb von zehn Minuten leben könnten, wenn wir uns etwas ungeschickt anstellen."

Wie schmal der Grat ist zwischen Utopie und Dystopie, wie groß die Verlockung der immer schickeren, smarteren Gadgets, legt dieser offizielle Trailer nahe, der zunächst dem Strickmuster typischer Werbefilme für neue technische Spielereien folgt:
 

"Ich hoffe, nichts davon wird wahr"

Es folgt ein maximal Spoiler-freier Überblick über die Folgen: "Der Wille des Volkes" ist eine bitterböse, schwarzhumorige Voyeurismus-Satire. Der Entführer einer beliebten britischen Prinzessin stellt weder politische noch finanzielle Forderungen. Stattdessen verlangt er, dass der Premierminister vor laufender Kamera aller Welt Geschlechtsverkehr mit einem Schwein vollzieht. Der Politiker weigert sich strikt und beauftragt neben der Fahndung nach dem Täter auch technische Tricks zur Vortäuschung eines Live-"Auftritts", doch je näher das Ultimatum rückt, desto stärker bedrängt ihn nicht nur das Königshaus; vor allem auch die öffentliche Meinung dreht sich gegen ihn...

"Das Leben als Spiel" zeigt die miserable Existenz des sympathischen Burschen Bing Madsen. Er lebt in einer Einzelzelle, die anstelle von Wänden Monitore aufweist, von denen er unablässig abwechselnd mit Trash-TV, Kinder-Cartoons und Pornos bombardiert wird. Nahrungsmittel muss er sich verdienen, indem er Strom auf einem Ergometer produziert. Der einzige Ausweg besteht darin, eine Castingshow zu gewinnen. Eine Möglichkeit, die Bing in einer heroischen Geste seiner Traumfrau "erkauft" – um den Preis, selbst weiter unter Debilen zu leben.

"Das transparente Ich" zeigt uns 24 Stunden in einer Welt, in der beinahe jeder sein gesamtes Leben durch eine Miniaturkamera à la "Google Glass" aufzeichnen lässt – und sich diese Aufzeichnungen immer wieder ansieht. Diese Möglichkeit lässt das Leben der Hauptperson Liam implodieren.

"Wiedergänger" skizziert, was passiert, wenn man Verstorbene wiederauferstehen lässt auf Basis der digitalen Spuren, die sie zu ihren Lebzeiten hinterlassen haben. Die Episode "Böse neue Welt" lebt von ihrer Rätselhaftigkeit; über sie sei nur verraten, dass sie sehr schwer erträglich ist. "Die Waldo-Kandidatur" erzählt vom unverhofften Erfolg einer vulgären Cartoon-Figur in der Politik. Das 90-minütige Spezial "White Christmas" schließlich verwebt kunstvoll mehrere kleine Episoden ineinander. In einer davon lassen sich Menschen nicht nur in Sozialen Medien, sondern auch im echten Leben "blockieren": Dann sieht und hört man die so Gestraften nicht mehr, selbst von Fotos sind sie gelöscht.

"The Future is Broken", die Zukunft ist kaputt, ist der Slogan der Serie, und nichts weniger zeigt sie auf beklemmende Art. "Black Mirror" zeigt nichts Fantastisches wie "Twilight Zone", es zeigt potenzielle Zukünfte.

Die insgesamt zwölf neuen Folgen würden "größer, fremdartiger, internationaler und unterschiedlicher als zuvor", verspricht Brooker. "Ich hoffe, nichts des darin Gezeigten wird wahr." Ein Punkt ist ihm besonders wichtig: "Wir stellen Technologie nicht als böse dar. Letztendlich geht es immer um menschliche Schweinereien und menschliches Versagen." Die sich mittels fortschreitender Technologie allerdings immer verheerender auswirken; totale Transparenz tut uns nicht gut.

"Black Mirror" sagt der Menschheit: Eure naive Fröhlichkeit über, ja Dankbarkeit für die digitalen Helferlerin, für "Sharing", Spracherkennung und Kameras kann fatal enden. Warum habt Ihr eigentlich nicht mehr Angst?

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