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Politthriller "Stadt ohne Namen"
Vision einer Welt ohne Beschäftigung

"Stadt ohne Namen" – Vision einer Welt ohne Beschäftigung
Izia Katell (Léonie Simaga, rechts) geht in die Stadt zum Arbeiten, um ihrem Sohn (Némo Schiffman) eine bessere Zukunft bieten zu können. FOTO: Kelija/Jean-Claude Lother Foto/ arte
Straßburg. Eine neue sechsteilige Science-Fiction-Serie geht der Frage nach, wie viele Arbeitslose eine Gesellschaft erträgt. Von Katharina Dockhorn

Der Mensch definiert sich in der modernen westlichen Demokratie über die Arbeit. Doch was passiert, wenn das Angebot an bezahlten Arbeitsplätzen in modernen Industriegesellschaften so verschwindend gering ist, dass ein Arbeitsplatz einem Sechser im Lotto gleicht? Die Folgen zeigt der französische Politthriller "Stadt ohne Namen".

Originaltitel: "Trepalium"

"Trepalium", so der Originaltitel, wurde von Sophie Hiet und Antares Bassis geschrieben. In seinem Kurzfilm "Porteur d'hommes" (2010) hatte sich Bassis bereits dem Thema Arbeit als alleinigem Indikator für den gesellschaftlichen Wert eines Menschen gestellt. Der belgische Regisseur Vincent Lannoo realisierte zuvor einige Filme, die sich zwischen Reportage und Fiktion bewegen. Ihre gemeinsame Serie ist "Stadt ohne Namen".

Im Fokus der Handlung steht Izia Katell, alleinerziehende Mutter eines Teenagers. Beide leben in einem heruntergekommenen Viertel, einem Slum, der vor 30 Jahren hermetisch mit einer meterhohen Mauer von den wohlhabenden Stadtteilen abgeriegelt wurde. Damals war die Arbeitslosigkeit auf über 80 Prozent der Bevölkerung gestiegen. Die Herrschenden sahen keinen anderen Ausweg, als sich von den Unbeschäftigten und deren Wut abzuschotten. Was auf den ersten Blick wie eine Horrorvision aus der Zukunft wirkt, deutet sich in vielen Städten Südamerikas, Afrikas oder Asiens bereits an und könnte bald Realität werden.

Mehrheit der Bevölkerung nur unzureichenden Zugang zu Trinkwasser

Der Zugang zu sauberem Trinkwasser wird im Film zum Symbol der Ungerechtigkeit. Während die Qualität des Wassers in der Stadt der Reichen ständig kontrolliert wird, hat die Mehrheit der Bevölkerung nur unzureichenden Zugang zu diesem Lebensmittel. Ein wenig Hoffnung gibt den Ausgestoßenen die vage Aussicht, über eine Lotterie einen der begehrten Arbeitsplätze in der City zu ergattern. Zu Beginn der Handlung werden 10.000 Arbeitsplätze verlost. Erzwungen wurde dies von gewaltbereiten Rebellen, die den Mann der Premierministerin entführten.

Izia ist unter den Glücklichen und wird bald in den Kampf zwischen Aufständischen und Regierung hineingezogen. Ihr Arbeitgeber Ruben Garcia ist in einer Zwickmühle. Der Ingenieur bei dem Betreiber des Wasserwerks will zum Direktor aufsteigen. Nur wenn Ruben den lukrativen Job erhält, kann er allerdings für die professionelle Pflege seines kranken Vaters aufkommen. Ansonsten droht dem Pensionär die Abschiebung in die arme Zone. Auch Rubens Tochter erwartet dieses Schicksal. Sie ist stumm, deshalb gilt sie als beruflich nicht vermittelbar. Im Bewerbungsprozess muss Ruben eine intakte Familie präsentieren. Seine Ehe kriselt jedoch seit Langem.

Im zweiten Teil nimmt der Thriller Fahrt auf

Gründlich und ausführlich wird im ersten Teil das Figurenensemble mit den unterschiedlichen Interessen eingeführt. Im zweiten Teil nimmt der Thriller dann Fahrt auf, und die Spannung steigt.

Dabei verliert der Thriller niemals sein zentrales Thema aus den Augen: Wie viele Unbeschäftigte verträgt eine Gesellschaft, ohne die Demokratie zu gefährden? Eine Frage, die zum Arabischen Frühling führte und auch in Europa höchst aktuell ist, wenn man die Zahl der Arbeitslosen in Griechenland, Spanien oder Portugal betrachtet.

Die Diskussion zu dieser Frage läuft in den westlichen Demokratien nur schleppend an. Es war nur eine Randnotiz, dass die Webrevolution 4.0 wohl an die fünf Millionen Arbeitsplätze kosten wird. Umso höher ist anzuerkennen, dass diese exzellente Serie das höchst brisante Thema ins Zentrum der Diskussion rückt.

(kna)
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