| 14.19 Uhr

Talk bei Anne Will
"Kann es sein, dass sich gar keiner findet, der den Austritt erklärt?"

Talk bei Anne Will zu Brexit: Keine Antwort auf die Frage, wie es weiter geht
Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen im Gespräch mit Brexit-Befürworterin Anna Firth. FOTO: Screenshot/ard.de
Düsseldorf. Das Ergebnis des Referendums in Großbritannien hat Europa geschockt. Die Zukunft ist ungewiss, selbst die Brexit-Befürworter scheinen sich über die Zeit nach der Abstimmung vorher kaum Gedanken gemacht zu haben. Bei Anne Will gab es am Sonntagabend viele verschiedene Meinungen und kaum einen gemeinsamen Nenner.  Von Tanja Karrasch

Darum ging´s  

"Großbritannien sagt Nein - wer sagt jetzt noch Ja zu Europa?" war das Thema des Talks am Sonntagabend bei Anne Will. Die Moderatorin wollte mit ihren Gästen darüber sprechen, welche Folgen das Votum Großbritanniens für einen Austritt aus der Europäischen Union für die verbleibenden 27 Ländern haben wird und wie sich verhindern lässt, dass in Zeiten von Chaos und Umbruch auch die Unzufriedenheit der anderen Länder wächst. Tatsächlich stand aber noch immer Großbritannien im Vordergrund: Wussten die Wähler, was sie wählten? Wie lange darf der Brexit nun hinausgezögert werden? Und findet sich überhaupt jemand, der den Austritt erklärt? 

Die Runde

Das ist Anne Will FOTO: dpa
  • Ursula von der Leyen (CDU), Bundesverteidigungsministerin 
  • Anna Firth (Conservative Party), Initiatorin einer Brexit-Kampagne
  • Sir Peter Torry, ehemaliger Botschafter Großbritanniens
  • Rolf-Dieter Krause, Leiter des ARD-Studios in Brüssel
  • Richard Sulik, slowakischer Europa-Abgeordnete

Der Frontverlauf

Anna Firth ist eine Brexit-Befürworterin, die ganz anders wirkt als die Nigel Farages oder Boris Johnsons dieser Welt. Freundlich lächelnd und höflich tritt sie auf, gestärkt durch den Sieg der Leave-Anhänger. Doch gegen eine leidenschaftlich argumentierende und offensichtlich vom Brexit-Votum entsetzte Ursula von der Leyen klingen ihre Argumente fahl, irgendwie naiv. 

"Frau Firth, wie glücklich sind Sie über das, was Sie da angerichtet haben?", lautet Anne Wills erste Frage. Man habe abgestimmt für ein faireres, demokratischeres Großbritannien, sagt Firth. Warum das Ergebnis jetzt so ein Schock ist, könne sie nicht nachvollziehen. Anders sieht das Sir Peter Torry. "Ich bin sehr traurig. Für mein Land, für meine Kinder, für meine Enkelkinder." Der ehemalige Botschafter Großbritanniens will nun in die Zukunft blicken und dort warten zahlreiche Herausforderungen: Ein neuer Premierminister müsse her, das Land müsse wieder vereint werden, und wirtschaftlich müsse gerettet werden, was zu retten ist. "Das ist eine sehr schwierige Aufgabe." 

Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen lässt 43 Jahre EU-Zugehörigkeit Großbritanniens Revue passieren. "Das ist so schade, dass diese gemeinsame Erfolgsgeschichte in den letzten Wochen mit Füßen getreten wurde", sagt sie. "Wenn es zum Brexit kommt, ist es für uns alle ein Schaden. Aber ich glaube, der größere Schaden wird bei Großbritannien liegen, denn die Briten verlieren an Relevanz." Von der Leyen findet: "Die Alten haben den Jungen ihre europäische Zukunft zerstört."

"Frau Firth hat leider nicht die wichtigsten Gründe genannt, die zu der Entscheidung geführt haben, und das war eine sehr hässliche Fremdenfeindlichkeit, die in dieser Kampagne eine riesige Rolle gespielt hat", sagt ARD-Korrespondent Rolf-Dieter Krause. "Eine Gemeinschaft von 28 Staaten wird nie so aussehen, dass ein Land mit der Gestalt dieser Gemeinschaft zu hundert Prozent zufrieden sein kann. Aber wenn ein Land das Europa bekommen hat, das es wollte, dann war es Großbritannien." 

Von Fremdenfeindlichkeit will Anna Firth nichts wissen. "Ich stimme Ihnen zu, dass Nigel Farage das in den Vordergrund gestellt hat. Aber meine Kampagne hat so nicht argumentiert." 

Richard Sulik, slowakischer Europa-Abgeordneter zeigt Verständnis für den Brexit. "Ich bin im Europaparlament, um slowakische Interessen zu vertreten." Anne Wills Nachfrage, ob er nicht auch europäische Interessen vertrete, verneint Sulik lachend. "Das ist eine interessante Aufgabenbeschreibung", findet die Moderatorin. "Die Europäische Union hat einfach an Attraktivität verloren und da sollte man sich fragen, wer hat Schuld daran." Seine Lösung: Jean-Claude Juncker soll abtreten. Martin Schulz am besten direkt gleich mit. "Das ist deren Schande, deren verlorenes Spiel", schimpft Sulik über die "europäische Elite".

Ursula von der Leyen weist Sulik in seine Schranken: "Und was sind Sie, wenn ich fragen darf? Welchen konstruktiven Beitrag haben Sie geleistet?", fragt sie.  "Der liegt zum Beispiel darin, dass ich nicht für Herrn Juncker gestimmt habe." "Das ist ein toller konstruktiver Beitrag", lacht von der Leyen. Und dann sagt sie: "Wenn wir alle immer nur schlecht über Europa sprechen, dann muss man sich nicht wundern, dass hinterher die Menschen das auch genau so sehen. Und deshalb ist es Ihre und auch meine Aufgabe, gut über Europa zu sprechen, die Stärken herauszustellen und an den Schwächen zu arbeiten."

Rolf-Dieter Krause warnt vor zu langem Aufschieben und Verhandeln des Austritts: "Das könnte tödlich für Europa sein."  Ursula von der Leyen pflichtet ihm bei: "Wir erwarten von den Briten, weil sie das Referendum wollten und das Ergebnis so war, über das wir traurig sind, dass sie dann auch zügig den Artikel 50 ziehen und die Verhandlungen starten." Anna Firth sieht keinen Grund zur Eile, solche Dinge würden eben dauern, findet sie.  Von der Leyen kontert: "Das erschüttert mich jetzt. Wenn man so eine Brexit-Kampagne startet, dann muss man sich doch vorher über die Regeln in Europa im Klaren sein. Sie wussten, was auf dem Spiel steht."

"Kann es sein, dass sich gar keiner findet, der den Austritt erklärt?", fragt Anne Will. "Es ist theoretisch möglich", sagt Torry. "Dieses Referendum ist nicht verbindlich. Das Parlament hat das letzte Wort und die Mehrheit im Parlament ist zu 80 Prozent gegen den Brexit." Abschließend fragt die Moderatorin ihr Gäste: "Glauben Sie, dass der Brexit tatsächlich kommt?" Das Ergebnis ist einstimmig: Ja, er kommt. Nur wann, das weiß keiner.  

Satz des Abends

"Vor kurzem hat die Kanzlerin noch gesagt, dass Großbritannien nun ein Drittstaat ist. Und man war geneigt zu fragen, ob es denn ein sicherer Drittstaat ist oder nicht", scherzt Anne Will und hat die Lacher auf ihrer Seite. "Den Witz habe ich geklaut bei Maybrit", gibt Will zu. 

Erkenntnis

Eine weitere Brexit-Befürworterin, die erbittert gekämpft und gewonnen hat. Und nun keinen Grund sieht, das Erkämpfte zeitnah umzusetzen, macht skeptisch. In der Runde glänzte vor allem Ursula von der Leyen, die bestimmt auf- und für Europa eintrat. Doch in der einstündigen Talkshow waren keine bahnbrechenden Antworten auf die Frage nach dem "Und jetzt?" zu finden.

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