| 07.42 Uhr

"Tatort: Ätzend"
Ohne Papiere ist Berlin ein Albtraum

Fotos: Szenen aus dem Berliner "Tatort: Ätzend"
Fotos: Szenen aus dem Berliner "Tatort: Ätzend" FOTO: ARD
Düsseldorf. Zwei Ermittler, die sich nicht leiden können. Der dubiose Rachefeldzug eines Kommissars und das bewegende Schicksal einer "illegalen" Migrantenfamilie in Berlin. Der "Tatort" am Sonntag bietet eine Menge – vielleicht einen Tick zu viel. Von Christian Sieben

Eine staubige Baustelle mitten in Berlin. Bauarbeiter finden ein altes Säurefass mit Leichenteilen. Kurz darauf gräbt die Polizei auf dem Gelände einer ehemaligen Laubenkolonie ein zweites Mordopfer aus. Aber damit fängt die Kette der Seltsamkeiten erst an, mit der sich die Kommissare Robert Karow (Mark Waschke) und Nina Rubin (Meret Becker) in ihrem zweiten Fall "Ätzend" auseinandersetzen müssen. Sie entdecken bei einer der Leichen einen Herzschrittmacher, der sie zum iranischen Betreiber eines kleinen Zahnlabors führt. Schnell finden die Ermittler aber heraus, dass der Mann nie am Herzen operiert wurde. Er nahm unter rätselhaften Umständen die Identität des Opfers an, um mit seiner Familie in Deutschland bleiben zu können.

Regisseur Dror Zahavi setzt den zweiten Fall der neuen Ermittler rasend schnell in Szene und verwebt ein halbes Dutzend Handlungsstränge miteinander. Die Geschichte springt von Schauplatz zu Schauplatz, von Hauptperson zu Hauptperson. Der Zuschauer taucht in die Welt einer Migrantenfamilie ohne Aufenthaltsgenehmigung ein, die täglich damit rechnen muss, entdeckt und abgeschoben zu werden. Ermittler Karow versucht nebenbei weiter herauszufinden, wer seinen Ex-Partner Gregor Maihack auf dem Gewissen hat und bringt sich wiederholt in Gefahr. Dabei gerät er immer wieder mit Kollegin Rubin aneinander, die Karow keinen Meter mehr über den Weg traut.

Meret Becker gibt Debüt im "Tatort" mit Sexszene FOTO: ARD

Die große Stärke des Films liegt darin, dass er die Lebenssituation von "illegalen" Migranten in deutschen Großstädten eindrucksvoll dokumentiert, ohne dass die Kommissare das Geschehen moralisch kommentieren. Man sieht die hochschwangere Frau des Zahntechnikers mit schmerzverzerrtem Gesicht durch U-Bahnen irren, weil sie sich ohne Pass nicht in ein Krankenhaus traut. Während in so mancher WDR-Produktion Sätze à la "Warum passiert so etwas in Deutschland?" mit betroffener Stimme aufgesagt werden, lässt Regisseur Zahavi diese Szene einfach für sich sprechen.

Vorwerfen könnte man der Produktion, dass vielleicht zu viel Handlung in 90 Minuten gepackt wurde. Nina Rubin muss in ihrer Freizeit noch weitreichende Entscheidungen über die religiöse Ausbildung ihres Sohnes treffen und versucht die Beziehung mit ihrem Ex zu kitten. Karow hingegen widmet sich nächtlichen Aktivitäten, die so im "Tatort" vielleicht noch nie zu sehen waren, für die Handlung jedoch verzichtbar erscheinen. 1985 wäre diese Szene sicher ein Aufreger gewesen. 2015 eher nicht mehr.

Seine privaten Ermittlungen bleiben derweil arg undurchsichtig und fordern einige Konzentration vom Zuschauer. Teile der Handlung sind nur verständlich, wenn man den ersten Fall gesehen hat. Die ARD zeigt "Das Muli" deshalb noch einmal in der Mediathek.

Tatort "Ätzend", Sonntag um 20.15 Uhr in der ARD

Hier geht es zu den Bildern des Films.

Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Tatort Ätzend: Schicksal einer "illegalen" Migrantenfamilie


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.