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"Tatort"
Wenn Windräder an "Independence Day" erinnern

Szenen aus dem "Tatort": Wer Wind erntet, sät Sturm
Szenen aus dem "Tatort": Wer Wind erntet, sät Sturm FOTO: Radio Bremen
Bremen. Der Bremer "Tatort" wird für Diskussionen sorgen, denn er zeigte die böse Seite des Guten. Unsere Kritik zu "Wer Wind erntet, sät Sturm". Von Martina Stöcker

90 Minuten in 90 Zeichen

Umweltaktivist verliert die Kontrolle – und Lürsen und Stedefreund kapieren gar nichts.

Ist Windenergie so schlimm, wie im Film dargestellt?

Windkraft gilt als grün, naturverbunden und absolut förderungswürdig. Mit diesem Glauben räumt Regisseur Florian Baxmeyer schonungslos auf. Bei ihm verteufeln die Umweltaktivisten die Mega-Rotoren, weil Schweinswale, denen Blut aus den Ohren quillt, zu Hunderten verenden. Lärm soll sie getötet haben – er entsteht, wenn die riesigen Masten in den Meeresboden gerammt werden. Millionen von Zugvögeln, die im Frühjahr und Herbst die Nordsee überqueren, werden von den Positionslichtern der Windräder angelockt und dann von den Rotoren erschlagen.

Macht die Handlung Sinn?

Umweltaktivist Pico sitzt erschossen im Rollstuhl, der andere Naturretter Henrik Paulsen (Helmut Zierl) ist verschwunden. Mitstreiter Kilian Hardendorf (Lucas Prisor ) versendet in dessen Namen immer wieder ominöse Video-Botschaften. Und Lars Overbeck (Thomas Heinze), Chef eines Offshore-Windparks, wird scheitern, wenn er für sein Vorhaben kein Umweltsiegel bekommt. Es geht ein wenig drunter und drüber, und die Kommissare Inga Lürsen (Sabine Postel) und Stedefreund (Hauptkommissar Oliver Mommsen) rennen der Musik ziemlich lange hinter hinterher.

 

Gibt es ein reales Vorbild für die Zusammenarbeit von Umweltorganisationen und Windpark-Betreibern?

Ja. Drehbuchautor Wilfried Huismann ließ sich zu dem Öko-Thriller von Ennoch zu Guttenberg inspirieren. Der Vater des ehemaligen Verteidigungsministers und einer der Gründerväter der Naturschutzorganisation BUND trat dort aus, weil diese 2003 eine Klage gegen den Bau des Windparks Nordergründe zurückgezogen hatte – und zwar gegen die Zahlung von 800 000 Euro für ein Naturschutzprojekt. Zu Guttenberg warf dem BUND Verrat an der Natur und "Käuflichkeit" vor. Huismann wollte sich in dem Krimi aber auf den "Krieg um den wahren ,grünen' Glauben konzentrieren.

Der beste Dialog

Hardendorf: "Du hast Pico ermordet!"

Overbeck: "Klar, und Kennedy und Barschel habe ich auch auf dem Gewissen – sonst noch was?"

Was nervt Das ständige Aufsagen des Spruchs "Nur wer gegen den Strom schwimmt, gelangt zur Quelle" - spätestens nach dem zweiten Mal hat der Zuschauer es kapiert. Und muss wirklich jeder Umweltschützer so durchgeknallt sein?

Die skurrilste Type

Der Investor Milan Berger (Rafael Stachowiak) versucht, Overbecks Claims in der Nordsee für einen Hedgefonds abzujagen. Witzig: Berger, der sich als knallharter Geschäftsmann aufführt, skypt zwischendurch immer mit seiner Oma. Die ruft auch an, als er gerade als Geisel genommen wurde. Stachowiak, Ensemble-Mitglied des Hamburger Thalia-Theaters, hat ein Gesicht, das man so schnell nicht vergisst. Selten ist ein Film-Fiesling so schön gestorben.

Was den "Tatort" trotzdem sehenswert machte 

Peter Joachim Krause (Kamera) sind Bilder gelungen, die an "Independence Day" erinnern: beeindruckende Kamerafahrten übers Meer und Windräder, die wie eine bedrohliche Armee im Ozean stehen. Großes Plus.

Der Star des Films

Thomas Heinze zeigt, was für ein grandioser Komödiant in ihm steckt. Das weiß der geneigte Zuschauer zwar schon seit "Allein unter Frauen" – der Film liegt nun aber schon satte 24 Jahre zurück. Heinze spielt den Windpark-Unternehmer so schmierig, großkotzig und herablassend, dass es eine Freude ist, ihm dabei zu zugucken, und dass man sich wundert, warum seine große Klappe erst kurz vor Schluss zum Schweigen gebracht wird. Dank seiner Leistung und der Bilder ist der Bremer "Tatort" gute Unterhaltung, Krimi-mäßig war der Fall für Lürsen und Stedefreund allerdings unterdurchschnittlich.

Weitere Informationen zum "Tatort" in unserem Dossier.

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(RPO)
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