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"Tatort"-Schnellcheck
Der erste Ermittler-Suizid, den wir nie sehen wollten

Die neue Folge mit Felix Murot
Die neue Folge mit Felix Murot FOTO: ARD
Wiesbaden. In "Es lebe der Tod" beackert Ulrich Tukur das Tabuthema Selbsttötung. Es geht um gefährdete Menschen wie du und ich. Von Tobias Jochheim

90 Minuten in 90 Zeichen

Dass eine einzige Person weiß, wie Murot wirklich ist, kostet diesen beinahe das Leben.

Was sind die größten Schockmomente des Films?

Felix Murot tut es wirklich. Nachdem man schon mit geballter Faust vor dem Fernseher gesessen hatte, weil er dem Psychopathen Arthur Steinmetz widerstanden hatte, der ihn mit allen Mitteln zum Suizid bewegen wollte, tut es der LKA-Mann am Ende doch noch, überzeugt davon, dass er damit das Leben der Tochter seiner Assistentin rettet. Er schluckt ein Beruhigungsmittel, steigt in die bereitgestellte Badewanne und schneidet sich die Pulsadern auf. Und überlebt allein durch pures Glück: Weil ein Junge auf dem Hotelflur vorbeiläuft und sieht, dass Wasser unter Murots Zimmertür hindurchrinnt. Das hatte Murot voll aufgedreht, als ihm sehr spät, klar wurde, dass er doch nicht sterben will. So spät, dass es im echten Leben zu spät gewesen wäre.

Kaum weniger schlimm ist die Szene, in der wir das private Fotoarchiv des Stalkers Steinmetz zu sehen bekommen, ein "Worst of" Murot: In seinen schlimmsten Momenten, einsam und unter Schlafentzug, saufend, rauchend, depressiv, dem Wahnsinn nahe und eben auch dem verdammten Suizid. Dutzende, wenn nicht hunderte verschiedene Male. Was aber auch heißt: Dutzende, wenn nicht hunderte Male hat er der Verlockung widerstanden, sich das Leben zu nehmen. Jedes einzelne war ein großer Sieg.

Wer ist der glaubwürdigste Botschafter fürs Weiterleben?

Ein Mann namens Ken Baldwin. Als 28-Jähriger hatten ihn seine Depressionen im August 1985 dazu getrieben, sich von der Golden Gate Bridge in San Francisco zu stürzen. Er berichtet: "Im Augenblick des Sprungs realisierte ich, dass alles in meinem Leben, von dem ich gedacht hatte, es sei unlösbar, sehr wohl lösbar war – ausgenommen nur, dass ich gerade gesprungen war." Wie ein Wunder überlebte er. Sein Leben war gerettet, seinen Freunden, Verwandten und Kollegen blieben unermessliche Trauer und Schuldgefühle erspart, die nicht selten auch zu weiteren Suiziden unter Hinterbliebenen führen. "Vor meinem geistigen Auge sah ich meine Frau, meine Tochter, meine Brüder, meine Mutter, meinen Vater, meinen Hund", erinnert sich Baldwin. "Ich sah auch meine Freunde, und dachte mir: 'Es tut mir leid! Das hätte ich nicht tun sollen. Das hier falsch, total falsch...'" Heute ist er Lehrer, engagiert sich in der Suizidprävention – und denkt oft daran, was er alles verpasst hätte, hätte sein Suizidversuch "Erfolg" gehabt: "Den Studienabschluss meiner Tochter, ihre Hochzeit, die Geburt meines Enkels..." Voller Dankbarkeit für seine zweite Chance.

Was ist das Gefährliche an diesem Film?

Jens Harzer spielt Arthur Steinmetz, der seine Morde als Beihilfe zum Suizid und damit als Erlösung leidender Menschen verstanden sehen will – zu Unrecht, weil sie ihn nie darum gebeten hatten! –, so brillant, dass man befürchten muss, jemand nimmt sich dessen Nihilismus zum Vorbild und versucht, sich das Leben zu nehmen. Viele seiner Beobachtungen treffen ja ins Schwarze, etwa "Die Traurigkeit macht einsam – und die Einsamkeit macht traurig..." Doch was er auf seinem Egotrip im Rausch des Tötens unterschlägt: Es gibt Hilfe, für jeden. Falls nicht vollständige Heilung, dann wenigstens Linderung für jedes denkbare psychische oder physische Leiden.

Die Sorge vor Nachahmungs-Suiziden ist kein Alarmismus: Medienberichterstattung kann direkt dazu führen. Die Existenz dieses sogenannten "Werther-Effekt" wurde mehrfach bewiesen, unter anderem 1981/82, anhand der Ausstrahlung der Serie "Tod eines Schülers" – deren Ziel Suizidprävention gewesen war (mehr dazu etwa in diesem "Spiegel"-Artikel von 1986).

Welches Argument gegen den Suizid wird viel zu selten genannt?

Seit Anbeginn der Menschheit hat jeder Vorfahr eines jeden Menschen am Leben festgehalten und es weitergegeben.

 

Wo finden suizidgefährdete Menschen Hilfe?

Am Telefon rund um die Uhr unter den Gratis-Nummern 0800-1110111 oder 0800-1110222. Anonyme Online-Beratung per Mail oder Chat gibt es unter www.telefonseelsorge.de, weitere Kontakte zu Hilfsangeboten und viele weitere Informationen finden sich unter www.suizidprophylaxe.de/hilfsangebote/adressen

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