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Münchner Kommissare ermitteln
Verstörender "Tatort" aus dem Porno-Milieu

Münchner Kommissare ermitteln im Porno-Milieu
Münchner Kommissare ermitteln im Porno-Milieu FOTO: BR/Hagen Keller
München. In ihrem neuen Fall blicken die Münchner "Tatort"-Ermittler Batic und Leitmayr in Abgründe. Das ist teilweise sehr explizit, größenteils schwer erträglich, aber gut gemacht. Von Tobias Jochheim

Es wäre bloß das Pendeln einer ganz normalen jungen Frau durchs abendliche München, am Marienplatz vorbei, aber dagegen spricht die musikalische Untermalung der Einstiegsszene: Aus den Lautsprechern dröhnt "What power art thou" aus der Oper "King Arthur", unendlich unheilschwanger.

Diese Frau kann ja nur Täterin oder Opfer sein, und wetten würden die meisten garantiert auf Ersteres, weil sie nicht wie ein Opfer wirkt beim Rauchen und Schminken und Schlüpfen in ihre Dessous und High Heels, sondern wild entschlossen.

Tänzerin, denkt man sich, Stripperin, vielleicht auch Hure - eine, die sich nun rächt? Eine Rachefantasie à la "Kill Bill", das wäre doch was! Aber dann läuft sie durch ein Spalier von zwei dutzend Männern, mit maskierten Gesichtern und entblößten Unterkörpern. Sie klatschen, johlen, geifern. Vor diesen Gestalten geht die junge Frau auf die Knie, und die Männer stürzen sich auf sie. Gerade noch rechtzeitig und doch viel zu spät erlöst ein Schnitt uns Zuschauer vor diesem Übelkeit erregenden Geschehen, das mit Sex, wie er gedacht ist, nichts zu tun hat.

"Das ist alles sauber gelaufen, die Mädels sind alle Ü-18 und hatten einen gültigen Gesundheits-Check", erklärt danach genüsslich grienend der prollige Pornoproduzent Olli Hauer (Frederic Linkemann). Das längst schlohweiße, müde Münchner Ermittler-Duo würde ihm sichtlich gern eine reinhauen, aber was würde das bringen? "Ich klär' ihn auf", sagt also Leitmayr (Udo Wachtveitl) zu Batic (Miroslav Nemec); der Doppeldeutigkeit des Ausdrucks ist er sich wohl bewusst, aber zum Lachen ist ihm nicht. "Bei Ihrem künstlerisch wertvollen Liebesfilm ist leider eine junge Dame zu Tode gekommen." Da fehlen dem coolen Jungunternehmer die Worte.

Die Amateurdarstellerin Marie Wagner (Helen Barke) ist erwürgt worden, ihre Leiche liegt neben einem Planschbecken voll mit allen erdenklichen Körperflüssigkeiten. Batic und Leitmayr müssen sichtlich kämpfen, um ihre Professionalität zu bewahren. Batic trauert den Zeiten hinterher, als harmlose Erotikklamotten wie der "Schulmädchen-Report" Schlagzeilen machten. Leitmayr bemüht sich tapfer um die Gegenposition und denkt laut darüber nach, dass auch bei den bizarrsten Sexualpraktiken Freiwilligkeit im Spiel sein könnte. Batic ist viel mehr an den Folgen interessiert: "Dieses ganze perverse Scheißzeug ist frei verfügbar", wettert er. "Für jeden Zehnjährigen auf dem Schulhof - mit einem Klick. Das versaut die doch für ewig!"

Dieser "Tatort" ist ein gut gelungener Blick in den Abgrund des Geschäfts mit dem Sex, das immer extremere Formen annimmt und dabei immer mehr seelische Schäden bei den beteiligten Frauen anrichtet. Die dazwischen eingestreuten Gags - "Wir suchen einen Mann mit zwei Armen, zwei Beinen und einem unterdurchschnittlich großen Glied ..." - funktionieren meist okay bis gut.

Besonders wichtig: Unter dem Unsittengemälde dieses Milieus und seiner abgestumpften Akteure leidet die Jagd nach dem Mörder nicht. Sowohl der alternde Porno-König Sam Jordan als auch sein junger Herausforderer Olli Hauer hätten ein Motiv, ebenso manche Rivalin des Opfers sowie eine ihrer Ex-Kolleginnen, die sich just in ihrem gutbürgerlichen "Leben danach" eingerichtet hatte, mit Gatte, Sohn und Reihenhaus. Und dann wäre da noch der Vater der Getöteten, der vergeblich versucht hatte, seine Tochter zur Aufgabe ihres tabuisierten Nebenjobs zu bewegen.

In diesem nur optisch knapp jugendfreien Krimi-Drama fallen sehr harte Wörter und noch mehr Abkürzungen aus der "Fachsprache", deren Auflösung man nicht kennen will. Nach dem Abspann denkt man lange nach über die systematische Manipulation junger Frauen und deren Entwürdigung durch Pornos - aber auch über die Scheinheiligkeit, mit der diese oft bekämpft werden. Unbedingt empfehlenswert.

"Tatort - Hardcore", Das Erste, So., 20.15 Uhr

Quelle: RP
 
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