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Dortmunder "Tatort: Hundstage"
Ein Schmerz, der nie vergeht

"Tatort: Hundstage": Fotos aus dem Krimi
"Tatort: Hundstage": Fotos aus dem Krimi FOTO: WDR/Wolfgang Ennenbach
Dortmund. Elterliche Trauer um tote Kinder ist das beherrschende Thema im Dortmund-"Tatort". Von Tobias Jochheim

Sogenannte Triggerwarnungen sind in vielen Selbsthilfe-Foren Pflicht: Gemeint ist damit ein unmissverständliches Signal beispielsweise an Vergewaltigungsopfer, dass der folgende Beitrag starke Erinnerungen an das eigene Martyrium auslösen ("triggern") könnte - und deshalb im Zweifelsfall lieber nicht angesehen werden sollte.

Dem Dortmund-Tatort "Hundstage" müsste eine solche Triggerwarnung vorgeschaltet werden: Er ist unerträglich für jeden, der einmal ein Kind verloren hat.

Im Film trifft das vor allem auf die gutbürgerliche Eva Dehlens zu, deren Mann erschossen aufgefunden wird: Ihr Sohn war vor fast 14 Jahren plötzlich wie vom Erdboden verschluckt. Die sonst so toughe Ermittlerin Martina Bönisch (besonders in ihren schwachen Momenten stark: Anna Schudt) wirft dieser Fall völlig aus der Bahn, weil sie selbst damals die Suche nach dem Kind geleitet, aber irgendwann ergebnislos abgebrochen hatte. Doppelt bitter, weil Bönisch der Arbeit stets Vorrang vor ihrem Privatleben eingeräumt hatte - weshalb sich ihre eigenen Kinder längst von ihr losgesagt haben.

TV: "Tatort": Termine, Teams und Titel der Saison 2015/16 FOTO: dpa, bt kde sab kde

Bönischs psychisch labiler Vorgesetzter Faber (Jörg Hartmann) quält sich derweil mit gleich drei Problemen: Erstens macht er sich Vorwürfe, weil er glaubt, dass er den von einer Kugel getroffenen Ehemann von Eva Dehlens noch hätte lebendig aus dem Dortmunder Hafenbecken ziehen können. Zweitens muss er zum Psychologen, weil sein Kollege Kossik (gewollt nervig: Stefan Konarske) gegen ihn eine Dienstaufsichtsbeschwerde eingelegt hatte. Grund: Faber hatte auf allzu risikoreiche Art im Drogenmilieu ermittelt, Allianz mit Gangsterboss Abakay inklusive. Drittens kommt der Jahre zurückliegende Unfalltod seiner kleinen Tochter wieder in dem arg gezeichneten Faber hoch.

So kommt den beiden Jüngsten im Ermittler-Quartett, Dalay (Aylin Tezel) und Kossik, eine größere Rolle zu. Die nutzen den ungewohnten Freiraum für eine urkomische Parodie von Faber und Bönisch bei deren typischem Versuch, sich in Täter und Opfer einzufühlen, indem sie deren mögliche Gedanken und Gefühle aussprechen. Auch dieses Duo hat allerdings mit seinen Dämonen zu kämpfen: Dalay hatte gegen Kossiks Willen entschieden, ihr gemeinsames ungewolltes Kind abtreiben zu lassen.

Diese Gast-Stars waren im "Tatort" dabei FOTO: dpa, kde

So nehmen gleich alle vier Kommissare die Aussage persönlich, sie könnten sich doch gar nicht vorstellen, wie es ist, ein Kind zu verlieren.

Diese Angst hat nämlich auch die Supermarktkassiererin Judith Stieler (Anne Ratte-Polle) - in deren 17-jährigem Sohn Jonas die gegen alle Wahrscheinlichkeit hartnäckig hoffende Eva Dehlens ihren kleinen Tommi wiedererkannt haben will. Die heikle Frage: Welche der beiden Frauen ist zur Mörderin geworden - oder will ihren Sohn Jonas/Tommi als Täter schützen?

"Hundstage" ist ein beklemmender Film über den Schmerz hinter alltäglichen Fassaden, der teils zu viel will: Das flächendeckende Ertränken der Sorgen in Alkohol mag ja leider realistisch sein, aber mindestens ein Hausbrand und eine Affäre weniger wären mehr gewesen.

Fotos: Was die neuen "Tatort"-Folgen bereithalten FOTO: RP/Anna Radowski

Wichtiger allerdings: Das Werk von Christian Jeltsch (Buch) und Stephan Wagner (Regie) punktet mit den Volten im Schlussspurt.

"Tatort: Hundstage", ARD, 31. Januar 2016, 20.15 Uhr

Quelle: RP
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