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"Tatort" im Schnellcheck
Borowski ist nicht Boerne, verdammt!

Tatort: Borowski und das dunkle Netz
Tatort: Borowski und das dunkle Netz FOTO: NDR
Kiel. Der Kieler "Tatort" kann sich partout nicht entscheiden, was er sein will. Die Albernheiten und allzu schrägen Nebencharaktere überschatten die Stärken von "Borowski und das dunkle Netz". Schade um die starken Bilder. Von Tobias Jochheim

Wie war der "Tatort"?

Auf ärgerliche Art enttäuschend wie eine stark herausgespielte Torchance, die fahrlässig vertändelt wird, nachdem der Torwart bereits geschlagen war. Der Regisseur David Wnendt hatte sich zum Ziel gesetzt, das komplexe Thema – Darknet und Deep Web, Cyber-Kriminalität und Bitcoins – seriös und einigermaßen differenziert zu erklären. Dank Beratung durch Fachleute der Polizei wie auch die "guten Hacker" vom "Chaos Computer Club" ist ihm das auch gut gelungen. Umso übler nach hinten losgegangen ist sein Ehrgeiz, ein Mash-Up der beliebtesten "Tatort"-Stile zu kreiren.

Welche Szenen und Figuren passten nicht rein?

Nichts gegen liebestolle Hotelfachfrauen, Nerd-Karikaturen, sich halbgotthafte gerierende LKA-Veteranen und einen paranoid-masochistischen Killer mit Wolfsmaske und appem Finger, im Gegenteil – aber die gehören innerhalb des "Tatort"-Universums nun einmal nach Weimar.

Markig-miese Sprüche wie "Wir versuchen, Hornissennester auszurotten. Denken Sie, das gefällt den Hornissen?" oder auch die einem Mordversuch vorausgehende Frage "Easy Listening oder Death Metal?" sollten Til Schweigers Nick Tschiller und Kumpanen überlassen bleiben.

Dass Ermittler 1 dank der Überforderung von Ermittler 2 mit der Schnüss voran auf eine vermoderte Leiche stürzt, ist wiederum ein "Fall" (haha) für Boerne und Thiel, nicht für Borowski und Brandt – vor allem, weil sich dieser "Witz" auch noch quälend lange 40 Sekunden lang angedeutet hat.

Dann wäre auch noch das so übergründlich Totreiten des Pferdes "Borowski hat keine Ahnung von Technik", dass es den hochgeschätzten Borowski spätestens in der allerletzten Szene zum Vollidioten degradiert.

Nicht zu vergessen die Geiselnahme in der Frauenumkleide. Sekunden nach der Wrestling-Einlage des Killers mit einem XXL-Plüschmaskottchen, weil Killer und Polizistin auf ihrer Verfolgungsjagd mitten in ein Handballspiel gestolpert waren, weshalb sie auch prompt von zehntausend Zuschauern ausgebuht wurden.

Merke: Kiel ist weder Münster noch Weimar noch Hamburg. Und das ist auch gut so.

90 Minuten in 90 Zeichen

Drogen, Waffen, Mord auf Bestellung – im Darknet ist alles wie immer, nur schlimmer.

Experten-Diagnose

Borowski kommt nach einer Stunde die revolutionäre Erkenntnis, dass beim Abmarsch zu einem hochgeheimen Treffen das Mitführen eines Mobiltelefons eher mäßig intelligent ist: "Das ist so, als würde man eine Wanze bei sich tragen", murmelt er, und triumphiert dann: "Also stellt er sein Handy aus!" VERRÜCKT!!!

Brandt hingegen steuert den sehr wertvollen Hinweis bei: "Der Mörder muss sich sehr gut mit Computern und dem LKA auskennen."

Wenn dieser "Tatort" ein Musikvideo wäre...

… dann wäre er "Sandstorm" vom finnischen DJ "Darude"...

...denn auch danach fragt man sich: Was zur Hölle habe ich da gesehen?

Wem gebührt das Mitgefühl des Autoren?

Weniger David Wnendt, denn der Regisseur und Co-Drehbuchautor ("Kriegerin", "Feuchtgebiete", "Er ist wieder da") hätte wissen können, worauf er sich einlässt – und die absurdesten Brüche in diesem Film verhindern oder wenigstens abfedern können.

Mehr Benedict Neuenfels, Kameramann und Bildgestalter. Dem sind all die tollen Einstellungen zu verdanken: die Ego-Shooter-Anfangssequenz, das Darknet-Erklärfilmchen, der herrlich bekloppte Polizei-Imagefilm im Stile einer bekannten Bierwerbung ("Wie das Land, so die Software"), die handwerklich stark gemachte Verfolgungsjagd. Sowie natürlich die Zeitlupenaufnahme des Wassertropfens, in dem sich sekundenlang die verdutzten Gesichter von Borowski, Brandt und Co. spiegeln, als die bösen Hacker aus der Ferne die Sprinkleranlage in Gang setzen.

 
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