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| 07.16 Uhr

"Tatort"-Schnellcheck
Empathie mit einem Dreifachmörder

Bilder aus dem Kölner "Tatort: Kartenhaus"
Bilder aus dem Kölner "Tatort: Kartenhaus" FOTO: WDR/Martin Menke
Köln. Im Köln-Tatort "Kartenhaus" will der sozial schwache Junge seiner Traumprinzessin beweisen, dass er alles für sie tut. Weil die das ausreizt, eifern sie bald den hipperen Bonnie und Clyde nach: Mickey und Mallory aus "Natural Born Killers". Erschreckend. Von Tobias Jochheim

90 Minuten in 90 Zeichen
Prolliger Gentleman in spe tötet Stiefvater seiner Freundin. Sie findet's irgendwie süß.

Die Wirkung
Repräsentativ für "die sozial Schwachen" und "die Töchter reicher Eltern" sind die schwer geschädigten Adrian und Laura nicht einmal im Ansatz. Müssen sie aber auch nicht. Die "Kartenhaus"-Story lässt erahnen, welche Dramen sich hinter den Mauern von Wohnblocks wie Villen abspielen können. Wen dieser Film nicht in die Magengrube trifft, spätestens bei den Klängen von "Wonderful Life", der kann keine Empathie besitzen.

 

Der "Tatort”-Chic
Der "Assi" Adrian strebt nach Höherem; trashige Tattoos (Pseudo-Maori-Tribals und Totenköpfe) hat er natürlich trotzdem. Okay, die entfernen zu lassen ist ja auch schwer (und teuer). Aber wenigstens das prollige Panzerketten-Armband hätte er in seiner "alten Welt" zurücklassen können. Wie auch immer. Zu Adrian, der insgesamt drei Menschenleben auf dem Gewissen hat, entwickelt man im Laufe des Films immer mehr Empathie – im Gegensatz zu Laura, die, kaum ist der Adrenalinrausch der Flucht abgeklungen, den Nerv hat zu nölen: "Ich hab' keine Lust mehr." Dass man dauernd in den Fernseher springen will, um beide zu ohrfeigen, ist ein Beleg für das starke Spiel von Rick Okon und Ruby O. Fee.

Coitus interruptus
Der Anblick von Adrian und Laura beim Akt auf dem Autositz ist zu viel für den Grundbesitzer im Nichts südlich von Köln: "Verdammt nochmal, liebe Leute!", mault er. "Habt Ihr die Schilder nicht gesehen? Das hier ist Privatbesitz! Das kann doch nicht wahr sein, dass Ihr ----"

Weiter kommt er nicht: Laura greift sich, noch rittlings auf Adrian sitzend, dessen Pistole und richtet sie auf den ungebetenen Gast. Mit hormonvernebeltem Rest-Hirn befiehlt sie, die längst besser wissen sollte, wie groß ihr Einfluss auf den liebestollen Adrian ist: "Erschieß ihn! Drück ab!"

Der "Hä?"-Moment
Der aus Funk und Fernsehen längst als Doppelmörder bekannte Adrian ist samt seiner auf dem Beifahrersitz tanzenden Freundin im geklauten Dreier-BMW unterwegs. Vom beinahe erschossenen Zeugen der erwähnten Sexszene wissen die Ermittler auch exakt wo. Als das Duo wenige Minuten später frontal auf eine nahe Straßensperre der Polizei zufährt, bemerkt sie der Beamte nicht. Aus Gründen. Verschwommen sieht man, wie er über die Motorhaube gebeugt nach unten blickt. Auf Papierkram. Oder sein Handy. Oder so.

Das starke Stilmittel
Die Flüge mit Kameradrohnen über und quer durch den Hochhauskomplex "Kölnberg" (Meschenich) – wo auch im echten Leben die Folgen der Perspektivlosigkeit zu erleben sind: Arbeitslosigkeit, Sucht, Prostitution, Gewalt.

Das stumpfe Stilmittel
Aufflatternde Vögel, die dann am Himmel ihre Kreise ziehen. Heißt: Achtung, jetzt fühlt Adrian die große Freiheit! Kann man machen. Dringend darauf verzichten sollen hätten die Macher ganz am Ende. Alles, was Suizid glorifizieren könnte, ist unbedingt zu unterlassen. Im Interesse derjenigen, die verzweifelt genug sind, um eine Selbsttötung zu erwägen, aber davon abgebracht werden könnten – und dem ihrer Familien, Freunde, Partner. Mediale Darstellungen von Suizid, ob journalistisch oder wie hier im Spielfilm, können extrem leicht zur Nachahmung verleiten, geradezu inspirierend wirken: "Werther-Effekt" nennt sich das. Mehr dazu hier.

Sofortige, anonyme Hilfe bei Problemen und Krisen aller Art bietet rund um die Uhr die Telefonseelsorge – 0800-111 0 111, 0800-111 0 222 oder www.telefonseelsorge.de – sowie die "Nummer gegen Kummer": 0800-111 0 333

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