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Münster-"Tatort" im Schnellcheck
Als Schultheaterstück nett, als "Tatort" schwach

Bilder aus dem "Tatort: Ein Fuß kommt selten allein"
Bilder aus dem "Tatort: Ein Fuß kommt selten allein" FOTO: WDR/Martin Menke
Münster. Dass zu viel Ehrgeiz schadet, lehren uns die Tänzer im Münster-"Tatort". Dass zu wenig Ehrgeiz noch schlimmer sein kann, lehren uns die Autoren dieser Folge. Der Schnellcheck. Von Tobias Jochheim

90 Minuten in 90 Zeichen

Eine Import-Tänzerin ist tot. Niemand will's gewesen sein. Es war der mit dem appen Bein.

Der "Hä?"-Moment

Kommt gleich zu Beginn, direkt nach der Einführung von Freud und Leid beim Profitanzen. Boernes Assistentin Silke "Alberich" Haller wird nämlich ausgezeichnet mit der "Verdienstmedaille des Verdienstordens" (gibt es tatsächlich) – für ihre Arbeit nicht etwa bei Boerne, sondern vielmehr als Chefin einer ominösen "Opferambulanz". Die im Verlauf "zufällig" nochmal wichtig werden wird. Dass sie im Münster-"Tatort" noch nie erwähnt worden wäre, ist genau genommen allerdings falsch (Asche auf das Haupt des Kritikers, der das in seiner Vorschau behauptet hatte!). Am 9. November 2008 war sie nämlich schon einmal Thema, in der Episode "Wolfsstunde". Vor siebeneinhalb Jahren. Soll heißen: Kommt also doch nicht so überraschend, irgendwie. Oder so. Von den Ungereimtheiten rund um den abgetrennten Fuß ganz abgesehen.

Sätze zum Mitreden

"Das ist ja nicht besonders wertig, nech?, wenn man das so in der Hand hat. Das ist Aluminium, nech? – Blech!" So ätzt Boerne über Alberichs Orden. Für sich selbst schielt er auf das "Großkreuz mit Stern und Schulterband...". Thiel: "...und Hosenträgern." Axel Prahl hatte schon Anfang 2014 gewarnt: "Irgendwann, das muss man ganz nüchtern so sehen, sind die Figuren auserzählt. Dann fängt man an, auf der Stelle zu treten."

Mein Reden. Aber in manchen Momenten funktioniert's eben doch noch. Nett auch das Ego-Duell unter Ärzten: Star-Orthopäde Dr. Steul gesteht Boerne, dass er selbst einmal mit dem Gedanken gespielt habe, Gerichtsmediziner zu werden. "Aber das war am Anfang des Studiums." Boerne spitz: "Was ist denn schiefgegangen?" Steul (deutet auf seine Prachtvilla von Praxis): "Wie Sie sehen, so ziemlich alles." Herzliches, falsches Gelächter auf beiden Seiten.

Das Urteil

"Tanzen ist Freude, Leichtigkeit, Leidenschaft!", ruft der Trainer des Intrigantenstadls Tanzsportgemeinschaft Blau-Weiß Münster. Dass das durch seinen Überehrgeiz ins Gegenteil ausartet, wird in den Bildern überdeutlich. Aber der Münster-"Tatort" hat nunmal einen enervierenden Hang, das Offensichtliche fett zu drucken, in Neonfarben zu unterstreichen und mit Ausrufezeichen versehen wie Til Schweiger seine Facebook-Posts. Einen Hang zu Sätzen, die in einem Schultheaterstück klasse wären – im Flaggschiff der ARD, ach was, des Deutschen Fernsehens insgesamt, aber eben weniger. Nichts dürfen hier die Schauspieler mit Mimik und Gestik zeigen, alles müssen sie in die naheliegendsten Worte fassen, die in der deutschen Sprache zur Verfügung stehen.

Da seufzt der Übeltäter vor dem Auffliegen "Als hätte ich nicht schon genug Probleme", Thiel erklärt angesichts einer einzelnen fingierten E-Mail einer Toten tief beeindruckt, die Schurken hätten "alles dafür getan, um den Eindruck zu erwecken, dass sie die Stadt verlassen hat". Und ein Verdächtiger sprudelt nach exakt 20 Sekunden damit heraus, dass er nach seinem Afghanistan-Einsatz in psychologische Behandlung begeben habe.

Aber solange das Publikum Sätze frisst wie die Ad-hoc-Diagnose "Das Muster der Steinkante passt zur Schädelverletzung", wenn nur auf jeden Unfug drei Gags der Güte "Boerne ist der Fred Astaire von Münster" kommen, solange werden die Drehbuchschreiber genau das liefern und die Redakteure sie durchwinken.

Man kann es ihnen fast nicht verübeln.

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