| 14.40 Uhr

"Tatort: Sternschnuppe" aus Österreich
Eisner und Fellner - Sexgeflüster Wiener Art

Tatort:Sternschnuppe: Sexgeflüster Wiener Art mit Harald Krassnitzer
Adele Neuhauser und Harald Krassnitzer in einer Szene des "Tatort". FOTO: dpa, soe
Wien. In ihrem 14. Fall stellen die Kommissare fest, dass sie den Zeitpunkt für eine gemeinsame Affäre verpasst haben. Von Leslie Brook

Dieter Bohlen trägt in diesem Fall Glatze, einen weißen Bart und einen Strick um den Hals. Splitterfasernackt in einer Art Geschirr baumelt der tote Musikproduzent am Duschkopf im Wellnessraum seiner Villa. Seine Machtspielchen als Juror einer Castingshow hat Udo Hausberger (Peter Karolyi), wie der Wiener Musik-Titan hier heißt, möglicherweise zu weit getrieben.

Die Kandidaten mussten sich offenbar nicht nur doofe Sprüche anhören, sondern eventuell auch andere Dienste für ihn erledigen. Oder hat er seine Vorliebe für merkwürdige Sexpraktiken einfach zu weit getrieben und sich selbst erdrosselt? Seine Frau scheint nicht eben verwundert oder gar traurig über den ungewöhnlichen Tod ihres Mannes. Stattdessen lobt sie bei der Befragung durch die Polizei die offene Beziehung, inklusive Liebhaberwahl, in ihrer Ehe.

Die Liebe macht Moritz Eisner zu schaffen

So viel freie Liebe macht Kommissar Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und seiner Kollegin Bibi Fellner (Adele Neuhauser) ganz schön zu schaffen. Der Fall führt ihnen ihre eigene Spießigkeit vor Augen. Als sie dann aus ermittlungstaktischen Gründen bei einem Sexualtherapeuten landen, tritt die Polizeiarbeit in den Hintergrund, und plötzlich ist ihr eigenes Liebesleben Gegenstand des Gesprächs. Der Psychologe erkennt sogleich, was die beiden schon länger versuchen zu leugnen: Eigentlich würden sie nicht nur beruflich gut zusammenpassen. Beide sind Single (mal mehr, mal weniger), und sie kennen einander besser als viele Eheleute.

Und so kommt es, dass das Sexgeflüster zwischen den Kommissaren zeitweise mehr Platz einnimmt als die Lösung des Falls - dabei gibt es interessante Theorien, wie die von Fellner: Das Auto, das man fährt, spiegelt den Sexualpartner wieder, den man sich wünscht. Eisner fährt einen silbergrauen VW Golf, Fellner einen Pontiac Firebird mit Flammen-Applikationen auf den Seiten, der ihr sogar Bewunderung von manchem männlichen Zeugen einbringt, den sie vernimmt. Verlässlicher ist aber der Golf, der immer anspringt, und nicht das amerikanische Muscle-Car aus den späten 60er Jahren, das Fellner trotz viel Gefühl beim Zünden manches Mal im Stich lässt.

Neuhauser wird beim Vorspiel mit Lover gestört

So lassen sich beide auf Zufallsbekanntschaften oder Verdächtige ein, Neuhauser wird gar beim Vorspiel mit ihrem Lover gestört. Die optische Dosierung der Liebesszene - Küsse, offene Bluse, sichtbarer BH - hat aus Neuhausers Sicht genau gepasst: "Fellner ist keine vertrocknete Person", sagte sie darüber. So stark von der Kollegin provoziert, schreckt auch Eisner nicht mehr davor zurück, sich mit Zeuginnen einzulassen. Den Zeitpunkt für eine gemeinsame Affäre hätten sie indes verpasst, stellen die beiden schließlich fest.

Nebenbei gelingt es dem Drehbuchautor Uli Brée, das Castingshow-Geschäft zu entlarven: Brée beschreibt, wie ausbeuterisch diese Formate sind, weil sich junge, unbedarfte Menschen durch Knebelverträge an Sender binden. Das schafft er jedoch, ohne zu moralisieren, und meistert das stattdessen auf unterhaltsame Art. Möglicherweise kommt ihm zugute, dass die Show, die hier übrigens "Sing your Song" heißt, von einem Privatsender produziert wird. Das dürfte den Verantwortlichen beim öffentlich-rechtlichen ORF gefallen haben. Über die Gemeinheiten, die zwischen den Akteuren ausgetauscht werden, muss man schmunzeln. Auch die Dialoge der Kommissare zünden: Sie erinnern teils an den amourös-boshaften Schlagabtausch in Münster. So witzig sind die "Tatorte" aus Österreich selten.

"Tatort: Sternschnuppe", ARD, SO., 20.15 Uhr

Quelle: RP
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