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TV-Debatte vor Wahl in Niedersachsen
Schlagabtausch statt Kuschel-Duell

TV-Duell vor Niedersachsen-Wahl 2017: Weil und Althusmann
Freundliches Händeschütteln vor dem Duell: Stephan Weil (SPD) und CDU-Herausforderer Bernd Althusman (r.). FOTO: dpa, jst pat
Hannover. Kurz vor der Landtagswahl in Niedersachsen haben sich SPD-Kandidat Stephan Weil und CDU-Herausforderer Bernd Althusmann ein spannendes TV-Duell geliefert. Ihre Parteien trennt nur ein hauchdünner Vorsprung.

Die Parteispitzen in Niedersachsen debattierten heftig, keine Minute war das einzige TV-Duell vor der Wahl am Sonntag langweilig. Vor Beginn der Sendung posierten Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) und sein Herausforderer Bernd Althusmann (CDU) händeschüttelnd für die Kameras. Althusmann erschien ohne Krawatte, gab sich locker. "Viel Spaß beim Entwickeln", rief er den Fotografen hinterher. Da musste auch sein Kontrahent Weil lächeln.

Das war es aber schon mit den Nettigkeiten. Danach ging es in der TV-Debatte schnell zur Sache. Der 58-jährige Weil und sein acht Jahre jüngerer Gegenspieler schenkten sich nichts. NDR-Chefredakteur Andreas Cichowicz eröffnete die Runde mit einer Frage nach Elke Twesten. Anfang August war die Grünen-Abgeordnete zur CDU übergelaufen und hatte damit Weils rot-grüne Regierung gekippt.

Mit verkniffenem Gesicht erklärte Weil, die CDU habe Twesten mit offenen Armen empfangen und damit die Wählerentscheidung umgedreht. Das sei ein Fehler gewesen, der Althusmann nun "wie ein Mühlstein" um den Hals hänge. Althusmann blieb entspannt. Die Abgeordnete habe das selbst entschieden, das müsse man respektieren, entgegnete er. Als Weil bei seinem Vorwurf blieb, riss dem CDU-Spitzenkandidaten der Geduldsfaden. "Wollen wir uns nur über diesen Fall unterhalten oder über andere Themen reden, die die Menschen in diesem Land bewegen?", polterte er.

Ein Kampf um jede Stimme

Es war kein Kuschel-Duell wie das von Kanzlerin Angela Merkel und SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz. Weil und Althusmann wussten: Es war ein Kampf um jede Stimme. Denn in Niedersachsen deutet alles auf ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen den beiden großen Parteien hin. In der jüngsten Umfrage hat sich die SPD mit 33 Prozent vor die CDU geschoben, die auf 32 Prozent kommt. Zwei andere Befragungen hatten CDU und SPD gleichauf gesehen. Mitte August hatte die CDU noch deutlich vor der SPD gelegen.

Am Sonntag finden die vorgezogenen Neuwahlen in Niedersachsen statt. FOTO: dpa, jol wst

Doch sowohl für Althusmann als auch für Weil könnte es schwierig werden, nach einem möglichen Wahlsieg eine Koalition hinzubekommen. Laut Umfragen reicht es weder für Rot-Grün und für Schwarz-Gelb. Rechnerisch möglich: Eine große Koalition, ein Ampel-Bündnis aus SPD, Grünen und FDP sowie eine Jamaika-Koalition aus CDU, Grünen und FDP. Schafft die Linke den Sprung in den Landtag, ist auch ein rot-rot-grünes Bündnis eine Option.

"Sie eiern herum"

Althusmann griff an und knöpfte sich Weil zur Koalitionsfrage vor. Der Ministerpräsident solle doch endlich Rot-Rot-Grün abschwören. "Sie eiern herum, Sie sagen den Menschen nicht die Wahrheit." Weil blieb dabei: Er wolle die Linken unter fünf Prozent halten. Althusmann wirkte dann allerdings wenig überzeugend, als er sagte, er selbst wolle sich zu Koalitionsfragen überhaupt nicht äußern. Immer wieder stritt sich der CDU-Spitzenkandidat mit Moderator Cichowicz über Fakten, er unterbrach den Journalisten sogar beim Fragenstellen.

Weil hingegen blieb gelassen. Seine zu Beginn steife Körperhaltung lockerte sich, als die Debatte auf Sachthemen wie Bildungspolitik und Inklusion kam. Hier wirkte der Ministerpräsident trittfest und kompetent. Inhaltlich erfuhren die Zuschauer nicht viel Neues - beide Politiker wiederholten die bekannten Positionen.

Den nächsten heftigen Schlagabtausch lieferten sich die Politiker beim Thema Volkswagen. Althusmann hielt Weil vor, er habe im Abgas-Skandal seine Aufsichtspflicht nicht ernst genommen. "Sie sind am Ende vom Konzern-Vorstand durch die Manege gezogen worden." Als die Kritik nicht enden wollte, zog Weil irgendwann herablassend die Augenbrauen in die Höhe: "Ich glaube, Sie überblicken wirklich nicht, wovon Sie reden. Das mache ich Ihnen aber auch nicht zum Vorwurf, das ist nicht leicht zu verstehen." Das saß. Und am Ende der Debatte stand es ähnlich wie in den Umfragen: ziemlich unentschieden.

Wer hatte die Nase vorn?

Medienexperten waren sich nach dem TV-Duell uneins über den Ausgang. Weil habe im Gespräch meist mit dem Moderator gesprochen - Althusmann dagegen sei Weil direkt angegangen, sagte der Medienexperte Joachim Trebbe von der FU Berlin. "Er kam konfrontativer und auch ein bisschen arrogant rüber, Weil dagegen kompetenter." Wer die Nase letztlich vorne hatte? "Das ist sehr schwer zu sagen; vom Gefühl her würde ich vermuten, dass Althusmann einen hauchdünnen Vorsprung hatte."

Anders sieht dies der Professor für Journalistik an der Hochschule Hannover, Wilfried Köpke. "Diesmal würde ich doch sagen, Weil lag in der Performance deutlich vorne." Das könne man festmachen an der Körpersprache, der hohen Verbindlichkeit und der Faktenstärke. "Er wirkte nicht wie ein Getriebener. Er wirkte wie einer, der kämpfen mag." Bei Althusmann habe man den Eindruck gehabt, er muss jetzt kämpfen. Weil sei positiv von sich überzeugt und Althusmann mehr auf Angriff getaktet gewesen.

"Es war ein bisschen mehr los als beim TV-Duell vor der Bundestagswahl, es gab mehr Aggressivität - ich habe mich jedenfalls nicht gelangweilt", sagte Trebbe. "Aufgefallen ist mir, dass der vermeintlich konservative Kandidat Althusmann ohne Krawatte auftrat - er wandte sich damit also nicht an seine Stammwähler, sondern wollte sich etwas hemdsärmelig verkaufen." Allerdings sei Weil für ihn der souveränere Redner gewesen. Beide hätten konsequent ihre Rollen durchgezogen und alle größeren Themenblöcke abgearbeitet.

(juju/dpa)
 
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