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TV-Kritik "Hart aber fair"
Was Terroranschläge mit Schnitzeln zu tun haben

TV-Kritik "Hart aber fair": "Es gibt keine Bürgerpflicht zum Stoizismus"
Am Montagabend ging es bei "Hart aber fair" um das Thema "Wenn Terror Alltag wird". FOTO: ARD Mediathek Screenshot
Düsseldorf. Gegen die kollektive Hysterie wollten Frank Plasberg und seine Gäste am Montagabend andiskutieren. Der baden-württembergische Innenminister Strobl hatte dabei seinen ganz eigenen Ansatz: Er wartete mit einer überraschenden Schweineschnitzel-Philosophie auf.  Von Franziska Hein

Darum ging's Nach Anschlägen in London, Terroralarm bei "Rock am Ring" und Bombenalarm im Flugzeug fällt es schwer, die Nerven zu behalten, meint Moderator Frank Plasberg. In Zeiten der allgegenwärtigen Terrorgefahr liegen die Nerven blank. Wo verläuft die Grenze zwischen Angst und begründeter Vorsicht? Ob Mutigsein nun zur Bürgerpflicht werde, wollte Plasberg mit seinen Gästen diskutieren. 

Darum ging's wirklich Reflexartig wird nach Terrorattacken beteuert, man dürfe sich nicht unterkriegen lassen und bloß nicht so reagieren, wie es die Terroristen beabsichtigen – nämlich mit Angst. Wenn sich der Nachrichtensturm gelegt hat, erfährt die Öffentlichkeit meistens von den Alltagshelden, die sich den Angreifern mutig entgegenstellen – wie der britische Fußballfan nach dem jüngsten islamistischen Anschlag in London. Und oft gibt es Menschen, die eine "Jetzt-erst-recht"-Haltung an den Tag legen, oder, wie es Bundesinnenminister Thomas de Maizière ausgedrückt hat, mit "trotziger Gelassenheit" reagieren. Wie etwa Sendungsgast Julia Schmitz, die den Terroranschlag auf die Pariser Konzerthalle Bataclan überlebte und weiterhin Konzerte besucht. Ebenso reflexartig fordern Bürger und Politiker nach Anschlägen mehr Sicherheit und beschwören eine natürliche Wachsamkeit. Frank Plasbergs Talk hatte von alldem etwas zu bieten: Die Sendung geriet zur kollektiven Therapiesitzung gegen die diffuse Furcht, Opfer eines Anschlags zu werden.  

Porträt: Frank Plasberg – Hart-aber-fair-Moderator FOTO: AP, AP

Die Gäste

  • Thomas Strobl (CDU), Innenminister von Baden-Württemberg
  • Lamya Kaddor, Islamwissenschaftlerin und Publizistin
  • Georg Mascolo, Journalist, Leiter des Investigativ-Rechercheteams von NDR, WDR und Süddeutscher Zeitung
  • Dietmar Heubrock, Psychologe
  • Julia Schmitz, überlebte 2015 den Terroranschlag im Bataclan in Paris

Frontverlauf

So mäßigend, wie der Titel der Sendung es vermuten ließ, diskutierten auch die Gäste. Frontlinien gab es keine, denn im Grunde bestand über weite Teile Einigkeit darin, dass es nichts nutzt, hysterisch zu werden. Die einzige Irritation des Abends provozierte der baden-württembergische Innenminister Thomas Strobl (CDU). Er sprach davon, in Folge terroristischer Anschläge sein Leben weiterführen zu wollen und sich von den Terroristen sein Schweineschnitzel nicht verbieten lassen zu wollen. "Wir lassen uns unser Schweineschnitzel nicht verbieten. Sonst hätten die Terroristen gewonnen", sagt der Politiker.

Die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor runzelte daraufhin die Stirn. Sie wisse nicht, was islamistische Anschläge mit Schweineschnitzeln zu tun hätten. Strobl schob eine Erklärung nach: "Wir haben keine Angst davor, solche Dinge zu tun oder Konzerte oder Weihnachtsmärkte zu besuchen." Muslimische Esskultur und Islamismus gehören für Strobl offenbar zusammen. Ansonsten blieb Strobl bei den klassischen Argumenten eines Innenministers und sprach von einem "wehrhaften Staat" und riet davon ab, sich wie der englische Fußballfan nach dem Attentat in London den Terroristen entgegenzustellen. 

Der Journalist und Terrorismus-Experte Georg Mascolo und der Psychologe Dietmar Heubrock blieben angenehm sachlich. Heubrock erklärte zu Beginn der Sendung, warum es ganz natürlich sei, nach Terroranschlägen zur Tagesordnung überzugehen. Eine latente Gewöhnung an Terrorereignisse trete auf. Es sei normal, sich nach kurzer Zeit nicht mehr an die genauen Daten zu erinnern oder die Zahl der Opfer zu kennen. "Nur so bleiben wir handlungsfähig und verfallen nicht in Panik." 

Mascolo sah einen Zusammenhang zwischen der erhöhten Frequenz von islamistischen Anschlägen in Europa und den abnehmenden Ausreisen in das Kampfgebiet des IS. Der IS habe sein System umgekehrt. Die fast völlig zum Ende gekommenen Ausreisen hingen mit der gestiegenen Zahl der Anschläge in Westeuropa zusammen. Mascolo beantwortete dann auch die Leitfrage der Sendung. "Es gibt keine Bürgerpflicht zum Stoizismus", sagte er. Man müsse nicht mutig oder gelassen reagieren, wenn Anschläge passierten. Man dürfe wachsam und beunruhigt sein aber gleichzeitig die Hoffnung nicht aufgeben, dass auch wieder ruhigere Zeiten kommen. 

London: Kleinlaster rammt Fußgänger vor einer Moschee

Ansonsten plätscherte die Sendung so vor sich hin, und der Zuschauer konnte eine nicht unerhebliche Zahl an Plattitüden zählen. "Gewalt erzeugt Gegengewalt", sagte etwa Thomas Strobl in Bezug auf das jüngste Attentat in London, wo ein Kleinlaster vor einer Moschee in eine Menschenmenge raste. Julia Schmitz, Überlebende des Terroranschlags im Pariser Bataclan, erzählte, dass sie und ihr Mann trotzdem weiter auf Konzerte gehen und dabei nicht immer an jene Nacht in Paris zurückdenken. Und schließlich wurde über den Sinn von Betonpollern als Schutz vor Lkw-Attentaten geredet. Der Erkenntnisgewinn daraus tendierte gegen null, ihre Wirkung entfaltete die Sendung eher als Beruhigungspille für verunsicherte Bürger.

 
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