| 13.15 Uhr

TV-Kritik zu Anne Will
Ein Russe und ein Amerikaner zanken sich

TV-Kritik zu Anne Will: Russe und US-Amerikaner zanken sich über Syrien
Anne Will sprach mit ihren Gästen über die Lage in Syrien. FOTO: NDR/Wolfgang Borrs
Düsseldorf. Anne Will ließ mit dem Krieg in Syrien endlich wieder ein außenpolitisches Thema besprechen, was außerhalb der USA spielt. Ein Amerikaner und ein Russe stritten sich stellvertretend für ihre beiden Nationen im TV, angefeuert durch einen alten NATO-General.  Von Franziska Hein

Darum ging's: Am Abend des zweiten TV-Duells zwischen Clinton und Trump entschied sich die Redaktion um Moderatorin Anne Will, endlich mal wieder ein außenpolitisches Thema auf die Agenda zu setzen, was außerhalb der USA spielt. Nach dem der amerikanische Außenminister John Kerry die Gespräche über einen neuen Waffenstillstand in Syrien mit der russischen Seite abgebrochen hatte, scheint jede Hoffnung auf ein rasches Ende der Gewalt am Ende. 

Darum ging's wirklich: Mit Blick auf die Runde war von Anfang an klar, dass es eine Stellvertreterdiskussion über die Schuldfrage der gescheiterten Friedensinitiative geben würde. Den größten Anteil an der Sendung hatten gegenseitige Schuldzuweisungen und Deutungen von Russen und Amerikanern. Angeheizt wurde das durch einen lauten ehemaligen NATO-General. 

Die Gäste:

  • Wladimir Grinin, russischer Botschafter in Deutschland
  • John Kornblum, früherer US-Botschafter in Deutschland
  • Norbert Röttgen (CDU), Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag
  • Katharina Ebel, Nothilfe-Koordinatorin der SOS-Kinderdörfer in Syrien
  • Harald Kujat, General a. D. 

Der Frontverlauf: 

Zuschauer erlebten bei Anne Will ein Stück Weltpolitik. Denn die Runde war ein Abbild der verfahrenen und vorwurfsvollen Situation zwischen den USA und Russland nach dem Abbruch der Verhandlungen über einen Waffenstillstand in Syrien. Und so stieg die Runde als erstes in eine Diskussion ein, die sich um die Schuld für den Abbruch der Gespräche drehte. 

Der russische Botschafter Wladimir Grinin erhielt als erster das Wort. Er wiederholte den offiziellen Sprech der russischen Regierung, wonach die USA ihre Verpflichtungen, die in dem Waffenstillstandsabkommen festgelegt sind, nicht erfüllt haben. Die USA hätten es nicht geschafft, die gemäßigten Oppositionellen in Aleppo von den Kämpfern der Terrororganisation "Al Nusra" zu trennen. Das sei aber die Vorraussetzung gewesen, um anschließend gemeinsam gegen den Terror zu kämpfen. 

Der ehemalige US-Botschafter in Deutschland, John Kornblum, hielt dagegen, dass die Russen gemeinsam mit der syrischen Armee die Bombardements wieder aufgenommen hätten. Dabei sei unter anderem auch ein Hilfskonvoi der Vereinten Nationen getroffen worden, der die eingekesselte Bevölkerung in Ostaleppo versorgen sollte. Er lobte den amerikanischen Außenminister John Kerry für sein Engagement im Nahen Osten. Dafür stehe er sogar im eigenen Land oftmals in der Kritik, sagte der ehemalige Botschafter. Wenn jetzt der amerikanische Außenminister nicht mehr an den Erfolg von Gesprächen glaube, dann sei das ein Zeichen für die Auswegslosigkeit der Situation. Immerhin stimmte er mit seinem russichen Amtskollegen darin überein, dass die Bestimmung des Waffenstillstandsabkommens von September eine gute Grundlage der Zusammenarbeit gewesen seien. 

Harald Kujat, ein ehemaliger NATO-General, kam als nächstes zu Wort. Er sprach an, dass von beiden Seiten immer nur die halbe Wahrheit zu hören sei. Weder das, was die Russen, noch das, was die Amerikaner sagten, entspreche der vollen Wahrheit. Fakt sei, dass die Amerikaner schon seit Jahren mit der "Al-Nusra-Front" zusammenarbeiteten, sie mit Waffen ausrüsteten und damit auch zum Teil für die Eskalation der Gewalt verantwortlich seien.

Norbert Röttgen, der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des Bundestags, lehnte sich sehr weit aus dem Fenster. Er sah die alleinige Schuld an dem erneuten Gewaltausbruch bei Russland. "Russland könnte aufhören, Bomben zu werfen. Das wäre der effektivste Beitrag, dass das Sterben aufhört", sagte der CDU-Politiker. Er sprach auch von Kriegsverbrechen, die Russland und die syrische Armee begehen würden. Die Assad-Allianz bombardiere absichtlich Krankenhäuser und Hilfstransporte. Er bezog sich dabei auf den UN-Generalsekretär Ban Ki Moon, der selbst von Kriegsverbrechen im Syrienkrieg gesprochen hatte. 

Im Verlauf der Diskussion kritisierte er auch die Europäische Union. Sie sei bislang untätig gewesen. Was man jetzt brauche, sei eine gemeinsame europäische Politik, etwa eine starke Stimme der EU-Außenbeauftragten Frederica Mogherini im Nahen Osten, und Wirtschaftssanktionen für Russland. Davon wollte der russische Botschafter natürlich nichts wissen. 

Den Wind aus den Segeln nahm die Koordinatorin der syrischen SOS-Kinderdörfer, Katharina Ebel. "Den Leuten ist es völlig egal, wer dafür verantwortlich ist, dass die Friedensgespräche abgebrochen wurden. Weil ihnen bewusst ist, dass es ein Propaganda-Krieg ist – auf allen Seiten", sagte Ebel. Sie war bis vor drei Wochen selbst noch in Damaskus und berichtete aus eigener Anschauung über die Erfahrungen in Syrien. Sie schilderte ebenfalls die Erlebnisse ihrer Kollegen aus Aleppo, die vor Kurzem ein SOS-Kinderdorf evakuieren mussten. Trotz allem sei es aber immer noch möglich zu helfen. 

Das Schlusswort hatte die Moderatorin selbst. Sie zitierte einen israelischen Zeitungsartikel. An einer Stelle frage der Autor, wie der Holocaust passieren konnte. Dazu müsse man sich nur Aleppo anschauen. "Wer das Sterben in Aleppo zulässt, ohne zu handeln, der macht sich auch schuldig."

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