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"Tatort" am Samstag und Sonntag
Verschachtelte Fälle zum Fest

Szenen aus dem Kölner "Tatort: Benutzt"
Szenen aus dem Kölner "Tatort: Benutzt" FOTO: ARD
Die "Tatorte" aus Köln und Wiesbaden erfordern volle Konzentration: Erzählt wird auf mehreren Ebenen und aus verschiedenen Perspektiven. Gezeigt werden sie am 26. und 27. Dezember. Von Leslie Brook und Tobias Jochheim

Köln-Tatort "Benutzt", ARD, Samstag, 20.15 Uhr

Steuer-CDs stehen in Verdacht, nicht von so großem Nutzen zu sein, wie es einige Politiker weißmachen möchten: Denn die Ermittlungsverfahren münden nur selten in Strafbefehle. Im Kölner "Tatort" jedoch verhilft ein Exemplar den Ermittlern zum Durchbruch. So stoßen sie auf ein Nummern-Konto in der Schweiz, das sie letztlich auf die Spur eines totgeglaubten Unternehmers führt, dessen (finanzieller) Einfluss auch in der Gegenwart noch spürbar ist.

"Mord an einer Leiche" oder "Totgesagte leben länger" hätte man den "Tatort" auch betiteln können, doch stattdessen heißt er schlicht "Benutzt". Und das liegt vor allem daran, dass der Fall vorrangig aus der Perspektive der Opfer erzählt wird, und nicht aus der des Mannes, der alle für seine Zwecke benutzt. Klingt nebulös? Ist es auch. Wer den Fall durchdringen will, muss von Anfang bis Ende aufmerksam zuschauen, denn wer Kleinigkeiten verpasst, der droht die Verwicklungen am Schluss nicht mehr zu verstehen.

Fotos: Szenen aus dem Murot-"Tatort: Wer bin ich?" FOTO: ARD

Zunächst wird eine Leiche am Rheinufer angespült. Es ist der Export- und Finanzberater Martin Lessnik. Eine Spur führt zu Karsten Holler, dem ehemaligen Geschäftspartner des Mordopfers. Der wurde allerdings vor einem Jahr offiziell für tot erklärt. Bei einer Motorradtour in der Wüste war er spurlos verschwunden. Lessnik und auch Hollers Frau Sarah galten damals als tatverdächtig. Doch beweisen konnten die Ermittler das nicht – das Verfahren wurde eingestellt. Die alte Akte wird im aktuellen Fall immer wieder gewälzt. Dabei stoßen die Kommissare auf mehrere dubiose ehemalige Geschäftspartner, Ex-Frauen und Geliebte.

Der Krimi wäre eine klassische Detektivgeschichte, wenn die Kommissare nicht zeitweise ein Phantom jagen würden. Ballauf und Schenk (Klaus J. Behrendt und Dietmar Bär) merken erst nach und nach, wie komplex die Geschichte ist, und zwar gemeinsam mit dem Zuschauer, erklärt Regisseurin Dagmar Seume. Hinzu gesellt sich eine interessante zwischenmenschliche Ebene: Schenk lässt den neuen Assistenten Tobias Reisser spüren, dass er von ihm wenig bis nichts hält.

In einer Doppelrolle: Ulrich Tukur spielt diesmal nicht nur den LKA-Ermittler Felix Murot, sondern auch den Schauspieler Ulrich Tukur. FOTO: HR/Kai von Kröcher

Erstmals seit 2009 führt wieder eine Frau im Köln-"Tatort" Regie. Saume war in der DDR Trainerin für Kunstturnen, zur Regie kam sie erst 2005. "Benutzt" ist ihre erste "Tatort"-Arbeit. Der Krimi ist atmosphärisch gut inszeniert – es gibt tolle Aufnahmen, die mit einer Handkamera entstanden sind, und Panorama-Ansichten aus den Kranhäusern im Rheinauhafen.

Leslie Brook

Bilder aus dem "Tatort: Benutzt" sehen Sie hier. 

Wiesbaden-Tatort "Wer bin ich?", Sonntag, 20.15 Uhr

Ulrich Tukur hat sich und dem Team des Wiesbaden-"Tatort" Narrenfreiheit zusichern lassen – und beweist Mal um Mal, dass er diesen einzigartigen Freiraum zu nutzen weiß. Den LKA-Mann Felix Murot spielte Tukur (58) zunächst als Hirntumor-Patienten, was ihm prompt die Goldene Kamera einbrachte. RAF-Terror, Organhandel und Zwangsprostitution vermengte er mit Tanz, Gesang und kafkaesken Bildern. Sein bislang letzter Fall "Im Schmerz geboren" war nochmals umstrittener – vor allem, weil es in diesem so gewagten wie gelungenen Shakespeare-Western-Mix 53 Tote gab.

Der neue Fall (Buch und Regie: Bastian Günther) dürfte Zuschauer und Kritiker erneut spalten, denn "Wer bin ich?" ist ein Film im Film: Tukur spielt neben Murot auch den Schauspieler Ulrich Tukur – der nach einem Besäufnis am Set des Mordes verdächtigt wird. Das Opfer ist ein Regieassistent, der am Abend fast 80.000 Euro im Casino gewonnen hatte. Geld, das Murot in seinem Hotelschrank findet.

Dieser Fall wird verhandelt als je ein Drittel "Tatort", "Tatort"-Parodie und philosophische Spielerei.
Immer ungenierter wenden sich seine Kollegen von Tukur ab oder bringen sich selbst für seine Nachfolge ins Spiel. Der verfressene Regisseur Justus von Dohnányi lebt ohnehin in seiner eigenen Welt, und der verantwortliche Redakteur (Michael Rotschopf) distanziert sich im Frühstücksfernsehen aalglatt von seinem Star Tukur: Natürlich habe man einen "Plan B", falls sich Tukur tatsächlich als schuldig herausstellen sollte – wobei man selbstredend damit rechne, dass sich alles in Wohlgefallen auflösen werde...

Für Belustigung und Fremdschämen sorgen die Eitel- und Befindlichkeiten der (hoffentlich) überzeichneten Figuren Tukur und Barbara Philipp, die Murots Assistentin Magda Wächter darstellt. Die Freude am Spiel sieht man ihnen ebenso an wie den Darstellern der Frankfurter Ermittler, Wolfram Koch (eitel) und Martin Wuttke (schmierig und pleite), die aus Kostengründen im selben Hotel untergebracht sind.

Derweil wollen die süffisanten Klischee-Ermittler Kern und Kugler (Yorck Dippe und Sascha Nathan) den verzweifelten "Fernseh-Fuzzi" Tukur um jeden Preis überführen.

In den Schlussspurt geht es mit einer letzten, feinen Volte. Auch wenn es danach so wirken mag: Der letzte Auftritt von Murot ist "Wer bin ich?" nicht. Laut "Hörzu" wird er bald einen Serienmörder jagen, der überzeugt ist, Gutes zu tun. Na dann!

Tobias Jochheim

Bilder aus dem "Tatort: Wer bin ich?" sehen Sie hier

Quelle: RP
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