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Wiesbaden
Wenn ein Artist zur Bestie wird

Wiesbaden. Kommissarin Heller sucht einen Serienvergewaltiger, der anscheinend zum Mörder geworden ist. Von Tilmann P. Gangloff

Der Unterschied ist durchaus bezeichnend: In der Romanvorlage zu diesem Film wird ein Vergewaltiger, der reihenweise Frauen in ihren Wiesbadener Wohnungen überrascht hat, von den Medien als "Artist" bezeichnet, weil seine Verbrechen das Ergebnis minuziöser Planung sind. In der Verfilmung ist die Boulevardpresse weniger subtil, da gilt der Mann reißerisch als "Bestie".

Die bisherigen vier Adaptionen der Bücher von Silvia Roth hat Matthias Klaschka besorgt, Nummer fünf stammt von Martina Mouchot, die dem Tonfall der Reihe "Kommissarin Heller" jedoch treu bleibt: Anders als die Romane konzentrieren sich die Filme stärker auf die von Lisa Wagner verkörperte Titelfigur, was vor allem deshalb schade ist, weil Hans-Jochen Wagner seinen Kommissar Verhoeven mit schön gespielten Zwischentönen versieht; Winnie Heller ist als Ermittlerin, die ihre Umwelt gern scheinbar grundlos vor den Kopf stößt und sich zu Beginn dieses Films eine Prügelei mit einem Kollegen liefert, eine recht extrem angelegte Figur.

Dem Reiz der Geschichte tut das keinen Abbruch, selbst wenn man bald ahnt, warum die jüngste Vergewaltigung nicht in die bisherige Serie passt: Irina Portner (Karolina Lodyga) wird nach einem Bad im eigenen hauseigenen Pool überfallen, narkotisiert und ans Bett gefesselt, allerdings nicht vergewaltigt; dafür liegt am nächsten Morgen, als sie aufwacht, ihr Mann erstochen neben ihr. Heller vermutet umgehend, dass sich ein Trittbrettfahrer das Muster zunutze gemacht hat, um einen Mord zu vertuschen, denn es stellt sich recht bald raus, dass der Tote, ein Sternekoch, bei seinen Mitmenschen verhasst war. Ganz oben auf der Liste der Verdächtigen stehen die Witwe und der berufliche Partner des Mannes. Von Irinas Ärztin (Christina Hecke), die sich für Opfer häuslicher Gewalt engagiert, erfährt die junge Kommissarin, dass Portner auch seine erste Frau misshandelt hat.

Wie Roths Roman, so lässt auch der Film keinen Zweifel an der Identität des Vergewaltigers: Ein junger Mann (Sebastian Urzendowsky), der offenbar eine furchtbare Kindheit hatte, arbeitet für ein Unternehmen, das Teiche und Schwimmbecken anlegt, und hat auf diese Weise Gelegenheit, die Lebensumstände seiner potenziellen Opfer zu erkunden; ob er auch ein Mörder ist, lässt der Film zunächst offen.

Nach dem fesselnden Auftakt, der die Spannung auf mehreren Ebenen schürt, rückt das Drehbuch verschiedene Zwischenmenschlichkeiten in den Vordergrund, die nicht alle zur Wahrheitsfindung beitragen: Verhoevens halbwüchsige Tochter (Franziska Neiding) sucht Hellers Nähe, um sich über ihre Eltern zu beschweren, Heller liefert sich etwas kindisch anmutende Dialogduelle mit einem Kollegen (Trystan Pütter), den sie aber eigentlich ganz attraktiv findet, alle klagen über die Sommerhitze.

Interessant wird die Geschichte, als ausgerechnet Hellers Therapeutin (Lena Stolze) der Kommissarin erzählt, dass es vor sechs Jahren eine ganz ähnliche Vergewaltigungsserie in Wiesbaden gegeben hat; Hellers Vorgänger war der Wahrheit auf der Spur, ist dann aber verstorben. Weil der Täter ebenso wie die Polizei nach dem Mörder sucht, kreuzen sich die Handlungsstränge zwangsläufig irgendwann, und es kommt zum fesselnden Schlussakt auf dem Dach des Polizeipräsidiums, in dem sich sämtliche Beteiligten rechtzeitig zum clever eingefädelten Finale einfinden. Ein gut gespielter und gewohnt sorgfältig inszenierter Krimi.

"Hitzschlag", ZDF, So., 20.15 Uhr

Quelle: RP
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