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Michael Kessler
"Wir vergessen, auf Kleinigkeiten zu achten"

Heute startet der Schauspieler mit der Doku "Das Jahrhunderthaus". Ein Gespräch über Schlaghosen und Technikwahn.

Köln Michael Kessler gilt als einer der wandlungsfähigsten Schauspieler Deutschlands. Den meisten Zuschauern ist der 48-Jährige als Komiker bekannt, für die ZDF-Dokumentation "Das Jahrhunderthaus" schlüpft er nun in die Rolle des Familienvaters Thomas Müller. In der zweiteiligen Doku blickt er mit seiner Familie auf das Leben in Deutschland in den 1920er, 50er und 70er Jahren zurück. Sich selbst beschreibt er im Gespräch mit unserer Redaktion als Mensch mit einer Verbindung in die Vergangenheit, der aber manchen Luxus des 21. Jahrhunderts zu schätzen weiß.

Sie sind vornehmlich als Komiker bekannt. Warum spielen Sie jetzt eine eher ernsthafte Rolle?

Michael Kessler Ich suche meine Projekte nach Bauchgefühl aus. Die Idee, die Geschichte unseres Alltags unterhaltend zu erzählen, klang sehr spannend. Außerdem konnte ich wieder in verschiedene Rollen schlüpfen, was ich einfach gerne mache.

Wie gut erinnern Sie sich an Ihre Jugend in den 70ern ?

Kessler Ich weiß noch, dass ich ganz 70er-typisch lange Koteletten und Schlaghosen getragen habe und meine erste Kassette von ABBA war. Toll war auch, am autofreien Sonntag mit meinen Geschwistern über die Autobahn zu radeln - heute kaum mehr vorstellbar. Ich erinnere mich aber auch daran, dass die Zeit zum Teil sehr schwer war: Wirtschaftskrise, hohe Arbeitslosigkeit, Umweltverschmutzung.

Die Erziehung ist ein großes Thema in der Doku. Wie sind Sie selbst erzogen worden?

Kessler Ich wurde vor allem zu viel Ehrlichkeit erzogen. Es gab zum Glück keine Schläge, aus diesem Erziehungs-Modell waren meine Eltern schon ausgestiegen. Dennoch gab es klare Regeln und auch eine klare Rollenverteilung, was wichtig war.

Vermissen Sie etwas aus dieser Zeit?

Kessler Ich blicke schon gerne in die Vergangenheit zurück. Es gibt mit Sicherheit Dinge von früher, die man bewahren sollte. Gerade die Struktur der Familie zählt dazu: Eine gewisse Autorität der Eltern ist wichtig, und ich glaube auch, dass Kinder nach ihr suchen und ein Stück weit angeleitet werden müssen.

Was haben Ihnen Ihre Großeltern aus den 20er Jahren erzählt?

Kessler Wie auch heute ging es denen, die Geld hatten, sehr gut und den anderen eher weniger. Allerdings lebt es sich heute mit wenigen Mitteln wohl schon luxuriöser als damals. Vor allem herrschten beengte Verhältnisse, es gab viele Krankheiten und oft auch nichts zu essen. Es war eben keine einfache Zeit.

Im Film teilen Sie sich die Hausarbeit mit Ihrer Frau. Packen Sie zuhause tatsächlich mit an?

Kessler Ich bin kein Spitzenkoch, aber ich kann schon mehr zubereiten als ein Spiegelei. Ansonsten werkele ich gerne am Haus herum und bin der Handwerker. Und in der Gartenarbeit finde ich meinen Ausgleich.

"Das Jahrhunderthaus" zeigt auch, wie Erfindungen unsere Welt verändert haben. Was ist die größte Innovation unserer Zeit?

Kessler Die letzte große Revolution war sicher der Computer. Er hat unser Leben von Grund auf verändert, wie es auch das Auto oder die Glühbirne zu früheren Zeiten getan haben. Die Veränderungen, die die Technik mit sich bringt, werden aber in Zukunft noch viel größer sein, als sie es jetzt schon sind.

Computer und Handy gehören mittlerweile zu unserem Alltag. Nehmen wir manchen Luxus unserer Zeit zu selbstverständlich?

Kessler Die Wertschätzung dieser Dinge ist sicher noch da. Aber dadurch, dass unser Leben immer schneller wird und technische Errungenschaften schnell überholt sind, vergessen wir, auf Kleinigkeiten zu achten. Außerdem richten wir uns durch die Technisierung zu sehr nach innen. In der Bahn zum Beispiel starren wir auf unser Handy und schreiben Mails, statt aus dem Fenster zu schauen oder einfach mal mit anderen Menschen zu sprechen.

Sind Sie dennoch froh, im Hier und Jetzt zu leben?

Kessler Ja. Denn eine der großen Errungenschaft unserer Zeit ist, besser mit Krankheiten umgehen zu können als noch in den 20ern. Auch das ein oder andere Schmerzmittel wirkt besser als noch vor 100 Jahren.

TIM SPECKS FÜHRTE DAS GESPRÄCH.

Quelle: RP
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