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"Plötzlich Krieg?" auf ZDFneo
Wenn die Vernunft zum Hass verführt wird

ZDFneo zeigt bei "Plötzlich Krieg?" den Weg von Vernunft zu Hass
Im TV-Experiment von ZDF Neo "Plötzlich Krieg?" treten zwei Teams gegeneinander an. FOTO: Screenshot ZDF
Hamburg. Im Mix aus Reality-Experiment und Spielshow zeigt ZDFneo, wie sich aufgeklärte Bürger so manipulieren lassen, dass sie andere bekämpfen. Moderator von "Plötzlich Krieg? - Ein Experiment" ist Jochen Schropp. Von Ulrike Cordes

Harte, wutentbrannte Gesichter ganz normaler Männer und Frauen, die bei vollem Körpereinsatz auf andere losgehen, Schlachtrufe ausstoßen wie "Das gibt 'ne Rache, ey" und "Wir machen die fertig!". Dabei haben beide Sechs-Personen-Gruppen die jeweils andere - markiert durch blaue und rote Kleidungsstücke - erst am selben Tag zum ersten Mal gesehen. Und: Die Mitglieder in den Teams kennen sich einander auch erst seit vier Tagen. Wie kann es in der Kürze zu solch einem Ausmaß an Aggressivität kommen, die in der Struktur einem Krieg vergleichbar ist?

Auf den Spuren des "Robbers Cave Experiment"

ZDFneo, Infotainment-Ableger des Zweiten für ein jüngeres Publikum, hat die Situation mit in Hamburg und Berlin auf der Straße gecasteten Männern und Frauen zwischen 23 und 54 Jahren herbeigeführt. Für ein zweiteiliges unterhaltsames TV-Sozialexperiment, das nachweisen will, wie leicht angeblich zivilisierte Personen zu manipulieren, auf Feindbildung und Kampfbereitschaft zu bürsten sind.

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Macher und Mitwirkende von "Plötzlich Krieg? - Ein Experiment" (Dienstag, 27.10., und Mittwoch, 28.10., jeweils 21.45 Uhr) bewegen sich dabei auf den Spuren des berühmten "Robbers Cave Experiment" von 1954, als in den USA Jugendliche getestet wurden, die unter dem Eindruck des Weltkriegs aufgewachsen waren. Noch heute, unter völlig anderen Bedingungen, scheinen dieselben Mechanismen zu funktionieren.

Hart an der Kante zu "Big Brother" & Co.

Moderator Jochen Schropp (36) und Coach Christopher Lesko (Jahrgang 1954), ausgebildeter Trainer für Gruppendynamik, agieren in der Produktion von Doclights GmbH im Auftrag von ZDFneo auf dem Gelände eines herunter gekommenen Ex-Stasi-Krankenhauses bei Berlin aber auch hart an der Kante zu den grob voyeuristischen "Big Brother" & Co.-Angeboten der Privatsender.

Schnell geschnitten und von effekthaschender Musik unterlegt, zeigen Überwachungskameras die ihrer privaten Habseligkeiten beraubten Mitwirkenden, die ohne Kommunikationsmittel zur Außenwelt auf dem kargen Camp hausen. Und die durch showartige Wettspiele Schropps zu ihren Emotionen angestachelt werden. Der kennt sich aus auf diesem Feld, wirkt er sonst doch auch als Sat.1-Moderator von "Promi Big Brother".

Verlust der Herrschaft der Vernunft

Ganz oben in der Hierarchie und den zwölf Versuchspersonen unbekannt thront Lesko in seiner Schaltzentrale vor den Monitoren, lanciert und kommentiert gegenüber Schropp das Geschehen. Seine Fachkenntnisse über Aggressionen und deren Nutzung sind erschreckend.

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Es brauche bloß dreierlei, um aus aufgeklärten, reflektierten Menschen hasserfüllte Krieger zu machen, sagt Lesko: eine Gruppe des "Wir", die als "die Guten" firmiert, die "Anderen" als "die Bösen" sowie die Behauptung, dass diese "uns" etwas wegnähmen - seien es materielle Güter wie etwa Land oder geistige Werte wie Demokratie oder Identität.

Der Versuch zeigt, wie die Phasen zum Verlust der Herrschaft der Vernunft verlaufen - aber am Ende glücklicherweise auch, wie man dagegen halten und Frieden herstellen kann. Zu lernen gibt es also durchaus etwas. Nikita, junger Kaufmann für Marketingkommunikation aus Berlin, bringt es im ZDF-Presseheft für sich auf den Punkt:

"Ohne das andere Team zu kennen und ohne je ein Wort mit ihnen gesprochen zu haben, hat sich aus der Gruppendynamik eine Feindseligkeit dem anderen Team gegenüber entwickelt. Es war kein Hass in mir, eher haben mich die Zugehörigkeit und der Zusammenhalt im Team dazu gebracht, alle meine körperlichen Fähigkeiten einzusetzen", erklärt der 23-Jährige.

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(dpa)
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