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Zum Abschied von Stefan Raab
Der große Verflacher

10 denkwürdige Momente mit Stefan Raab
10 denkwürdige Momente mit Stefan Raab FOTO: dpa, bsc
Meinung | Köln. Stefan Raab verabschiedet sich heute (vorerst?) von seinem TV-Publikum. Unser Autor streitet Raabs riesigen Erfolg nicht ab. Aber er mochte Raab nie. Von Martin Kessler

Eines muss man dem TV-Moderator Stefan Raab lassen: Er hat Fernsehgeschichte geschrieben. Er hat Formate erfunden, er hat die Unterhaltung revolutioniert, er war ein begnadeter Entertainer. Ein ganzer Sender wie ProSiebenSat.1 hing von seinen Späßen ab. Doch nicht jede Revolution bringt Gutes hervor. Manche eine wie die von Raab ist auch verzichtbar.

Das gilt auch in der Rückschau, wenn er jetzt nach 18 Jahren Fernsehen sich aus diesem Medium vorerst zurückzieht. Das Fernsehen jedenfalls hätte nicht viel verpasst, wenn es den aufgeblasenen Metzgersohn aus Köln nicht im TV gegeben hätte. Denn trotz seiner verrückten Einfälle hat er Menschen vor der Kamera lächerlich gemacht und erniedrigt, in schlechter Kölner Manier sich über Schwache lustig gemacht und den Egotrip zum gesellschaftlichen Ereignis hochstilisiert.

Schon zu Beginn seiner Karriere ist Raab mehr durch Flegeleien als durch innovative Ideen aufgefallen. Die Gattin des früheren SPD-Fraktionsvorsitzenden Hans-Ulrich Klose verfolgte der Jung-Moderator bei einem Bonner Bundespresseball in den 90er Jahren bis in die Damentoilette. Sehr witzig. Danach erfand er zwar so harmlose Dinge wie eine "Wok-WM" oder ließ sich von einer Boxerin (welche Anmaßung und welcher Sexismus) die Nase brechen, als ob er wirklich eine Chance gegen eine austrainierte Sportlerin gehabt hätte.

Fotos: Stefan Raab – seine Shows, seine Preise, seine Karriere FOTO: dpa, bra vfd sab lof

Richtig fies wurde er, als er mit seiner nöligen Stimme und seiner nuscheligen Sprache andere vorführte. Der 16-jährigen Schülerin Lisa Loch bescherte er nächtliche obszöne Anrufe, als er ihr wegen ihres Namens eine Karriere im Pornogeschäft prophezeite. Sieht so der Humor des privaten Fernsehens aus? Wenigstens musste die selbsternannte Ulknudel den Fehltritt mit einem Schmerzensgeld von 70.000 Euro bezahlen.

Den begrenzten Tabubruch, gerne auf Kosten Dritter, beherrschte Raab wie kein Zweiter. Sein Geschäft war die Schadenfreude, die bekanntlich die populärste Freude ist. Das Privatfernsehen bot ihm die Projektionsfläche. Raab war sicher ein talentierter Unterhalter. Wenn er nicht nur auf die Quote geschaut hätte, wäre er ein wirklich Großer geworden. So ist es nicht allzu schade, dass er auf der Mattscheibe nicht mehr zu sehen ist. Es werden freilich andere große Verflacher folgen.

(kes)
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