Per Handy zur Aufgabe überredet: Flugzeug-Entführung aus Liebe
zuletzt aktualisiert: 30.03.2003 - 14:18Istanbul/Athen (rpo). Die in Athen unblutig zu Ende gegangene Flugzeug-Entführung geschah offenbar aus Liebe. Der Luftpirat sagte nach seiner Festnahme, er habe zu seiner schwangeren Frau in Berlin gewollt.
Der 20-jährige Özgür hatte den Airbus der Turkish Airlines mit mehr als 200 Menschen an Bord in der Nacht zum Samstag auf einem Inlandsflug von Istanbul nach Ankara in seine Gewalt gebracht und den Piloten zur Kursänderung gezwungen. Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hatte den Entführer per Handy zur Aufgabe überredet.
Den griechischen Behörden in Athen, wo das Flugzeug vor dem Weiterflug nach Deutschland aufgetankt werden sollte, sagte der Luftpirat nach seiner Festnahme, er habe zu seiner schwangeren Frau gewollt. Dafür habe er aber kein Visum erhalten. Türkische Zeitungen berichteten am Sonntag, Özgür habe seine in Deutschland lebende Frau Fatma vor sechs Monaten in der Türkei geheiratet. An der Ausreise habe ihn auch gehindert, dass er keinen Militärdienst geleistet habe.
"Ich werde den Piloten schon hinkriegen, mich mitzunehmen", soll Özgür nach der Rückkehr seiner Frau nach Berlin bereits vor zwei Monaten gesagt haben. Die Eltern Özgürs hatten sich den Berichten zufolge getrennt, als er fünf Jahre alt war. Sein Vater sei nach Deutschland gegangen. Die Mutter, mit der er lange Zeit in Ankara gelebt hatte, habe schließlich wieder geheiratet.
Dem Piloten des Airbus A310 hatte der 20-Jährige eine Rasierklinge an den Hals gedrückt und gedroht, das Flugzeug in die Luft zu sprengen. Der angebliche Plastiksprengstoff entpuppte sich später als Kerzenwachs. Türkische Medien kritisierten die mangelnden Sicherheitsvorkehrungen an Bord der Maschine. Die Zeitung "Hürriyet" sprach von einer "unglaublichen Nachlässigkeit", weil die Tür zum Cockpit vorschriftswidrig nicht verschlossen gewesen sei.
Die 194 Passagiere hatte der Entführer drei Stunden nach der Landung in Athen freigelassen. Unter den Fluggästen waren auch neun Deutsche - vier Männer, drei Frauen und zwei Kinder -, vier Österreicher und vier Schweizer. Der Luftpirat wurde am Samstag zunächst dem Staatsanwalt von Athen vorgeführt. Über einen Auslieferungsantrag der Türkei werde der griechische Justizminister zu einem späteren Zeitpunkt entscheiden, berichtete der staatliche griechische Rundfunk.
An Bord des Flugzeuges sei zu keiner Zeit Panik ausgebrochen, berichteten zahlreiche Passagiere, die sich aus dem gekaperten Flugzeug über Handys mit ihren Angehörigen und Fernsehsendern unterhielten. Zeitweilig war im Hintergrund der Gespräche sogar gelöstes Lachen zu hören. "Den Luftpiraten hat so gut wie keiner zu sehen bekommen", sagte einer der Fluggäste am Samstag bei der Ankunft der Passagiere am ursprünglichen Zielort Ankara. "Alles hat sich im Cockpit abgespielt."
Nachdem die entführte Maschine den griechischen Luftraum erreicht hatte, waren zwei griechische Kampfflugzeuge aufgestiegen und hatten den Airbus zum Athener Flughafen eskortiert. Der Airbus wurde auf eine abgelegene Landebahn geleitet und sofort von Sicherheitskräften umstellt. Der türkische Ministerpräsident Erdogan hatte über das Handy eines türkischen Abgeordneten an Bord mit dem Entführer verhandelt und ihn zur Freilassung der Passagiere bewegt. Das Hilfsangebot griechischer Fluglotsen ans Cockpit sei mit den Worten beschieden worden: "Nein. Wir führen Verhandlungen. Die Verhandlungen führt unser Ministerpräsident. Stören Sie uns nicht."
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