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Berlin
Frauen bremsen Männer aus

Berlin. Laut einer Studie bezeichnen 41 Prozent aller Autofahrer ihr Fahrverhalten als aggressiv. Auch Frauen wollen sich immer öfter behaupten - Regelverstöße werden dafür in Kauf genommen. Das Sicherheitsempfinden sei aber stärker als 2010. Von Markus Plüm

Gas geben, um nicht überholt zu werden, Drängler kurz ausbremsen, bei Wut schneller fahren als sonst üblich. Laut des Berichts zum "Verkehrsklima in Deutschland 2016", den die Unfallforschung der Versicherer in Berlin vorgestellt hat, sind all das Attribute, die auch weiblichen Verkehrsteilnehmern zugeschrieben werden müssen.

Die Forscher hatten im Frühjahr Verkehrsteilnehmer zu ihrem Verhalten auf deutschen Straßen befragt. Grundsätzliche Erkenntnis: Deutsche fühlen sich dort sicherer als noch 2010. Insgesamt 23 Prozent gaben an, sich im Straßenverkehr sehr sicher zu fühlen - vor sechs Jahren lag dieser Wert bei nur elf Prozent.

Erstmals wurde auch die Aggressivität im Straßenverkehr erforscht. Überrascht hat die Forscher in diesem Zusammenhang vor allem der weibliche Wert: 39 Prozent gaben an, "mindestens manchmal aggressiv" hinterm Steuer zu sitzen. Die vorherrschende Meinung, weibliche Autofahrer würden besonnener und vorsichtiger agieren als Männer, werde durch die Studie daher in einigen Punkten widerlegt, wie Forschungsleiter Siegfried Brockmann erläuterte: "Wir haben es mittlerweile mit einer anderen Generation von Fahrerinnen zu tun. Während sich Frauen früher eher von ihren Männern haben fahren lassen, nehmen sie nun gerne selbst am Straßenverkehr teil."

Und dies tun sie durchaus selbstbewusst. Laut der Studie "wehren" sich Frauen (25 Prozent) nämlich häufiger als Männer (23 Prozent) gegen überholende Autos durch kurzes Beschleunigen oder gegenüber Dränglern durch einen kurzen Tritt auf die Bremse (31 zu 29 Prozent). Zudem gaben die befragten Frauen zu, schneller als üblich zu fahren, wenn sie sich ärgern. Demgegenüber drängeln Männer öfter, überholen rechts oder betätigen häufiger die Lichthupe. "Hier erkennt man, dass Frauen häufiger Delikte begehen, die auf eine Selbstbehauptung im Straßenverkehr ausgelegt sind, bei Männern steht eher die Dominanz gegenüber anderen im Vordergrund", so Brockmann.

Aggressivität im Straßenverkehr ist für den Verkehrspsychologen Wilfried Echterhoff vom Kölner Institut für psychologische Unfallnachsorge derweil nichts Neues: "Menschen wollen grundsätzlich immer die Kontrolle über ihre eigene Situation behalten. Auf der Straße kommen aber nicht beeinflussbare Faktoren wie Staus, Baustellen oder unsichere Autofahrer hinzu, die einem diese Kontrolle entziehen. Jedes Hupen oder Drängeln bezieht man sofort auf sich selbst. Dagegen wehrt man sich mit Aggression." Auch die Tatsache, dass laut der Studie vor allem junge Vielfahrer mit einer Fahrleistung von mehr als 20.000 Kilometern pro Jahr als besonders aggressiv gelten, überrascht Echterhoff nicht. "Viele junge Berufstätige stehen heutzutage so unter Druck, dass sie enormen Stress empfinden." Sein Verbesserungsvorschlag: mehr Zeit einplanen. Vor allem bei der Verkehrssituation im Rhein-Ruhr-Gebiet sei das nötig. "Viele bemessen Fahrzeiten zu knapp, geraten dadurch unter Druck. Wenn dann noch persönlicher Stress hinzu kommt, dient der Straßenverkehr als Ventil, das alles herauszulassen."

Neben Angaben zum Fahrverhalten erfragten die Autoren der Studie auch eine Einschätzung zur Akzeptanz von Verkehrssicherheitsmaßnahmen. Hierbei kam heraus, dass der Wunsch nach mehr Tempolimits weniger ausgeprägt ist als noch 2010. So sprechen sich nur noch 47 Prozent etwa für die Einführung von Tempo 130 auf Autobahnen aus. 2010 lag die Zustimmung noch bei 56 Prozent. "Mit dieser Zahl hat die Politik immer gerne argumentiert. Das ist nun nicht mehr möglich", sagte Siegfried Brockmann.

Positiv bewertete er die allgemeine Befürwortung von regelmäßigen Sehtests im Abstand von 15 Jahren (72 Prozent), einer Grenze von 1,1 Promille für Radfahrer (61 Prozent) sowie der Pflicht für Senioren ab einem Alter von 75 Jahren, regelmäßige Tests absolvieren zu müssen, um ihre Fahrerlaubnis zu behalten (68 Prozent). Diese sogenannten Rückmeldefahrten hatten zuletzt die Grünen gefordert, da gerade in jener Altersgruppe die Unfallhäufigkeit signifikant zunehme.

Quelle: RP
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