| 09.35 Uhr

Stockholm
Fünf Jahre nach Utøya

Stockholm. Jorid Holstad Nordmelan hatte großes Glück. Die junge Frau überlebte das Massaker auf der norwegischen Insel. Inzwischen ist sie Mutter und hat politisch Karriere gemacht. Von André Anwar

Es ist genau fünf Jahre her, dass Jorid Holstad Nordmelan sich wie ein Embryo zusammenkrümmte und Schutz unter einem Bett suchte. Ein Mann versuchte, Tränengas durch die Fenster zu schießen, um die Jugendlichen nach draußen zu treiben. Dort wartete er, um sie zu jagen.

Während die damals 20-Jährige ausharrte, waren viele ihrer Freunde, die in seine Schusslinie geraten waren, schon tot. "Wir hatten die Fenster mit Matratzen verbarrikadiert. Sonst hätte ich nicht überlebt", sagt sie. Eine Stunde später verließ das Mädchen den Schlafsaal, überall lagen Tote und Verletzte. "Da sah ich ihn. Mit zwei Polizisten. Er lächelte, hüpfte, wippte auf den Füßen, als ob er high war. In dem Moment bekamen wir Augenkontakt. Anders Behring Breivik lächelte mich einfach nur an. Ich stand zwischen Leichen, und der Mann wirkte so zufrieden, so glücklich, dass ich dachte, das kann nicht der Killer sein, der ist noch wo anders."

69 von den 500 Besuchern des jährlichen Sommerlagers der Jugendorganisation der Arbeiterpartei (AUF) ermordete der Norweger auf der Fjordinsel Utøya. Zuvor hatte der 32-Jährige mit einer Bombe acht Menschen im Osloer Regierungsviertel getötet. Er wurde 2012 zur Höchststrafe von 21 Jahren Gefängnis verurteilt. Das Massaker jährt sich heute zum fünften Mal.

Nordmelan ist gerade Mutter geworden und hat als stellvertretende Parlamentsabgeordnete eine steile Karriere in ihrer Arbeiterpartei gemacht. Sie hatte Glück. Viele andere Überlebende sind noch immer krankgeschrieben, kommen vom Blick in den Abgrund nicht los. "Ich werde mit meinem Sohn Haagen nach Utøya zurückkehren. Ich denke, dass so viele von uns nie die Chance hatten, Babys zu bekommen. Das ist so unfair", sagt sie. Psychisch gehe es ihr besser. "Aber wenn ich Schüsse aus dem Fernseher höre, verkrampfe ich immer noch", sagt sie. Ob sich das Land verändert habe? "Nein, kaum. Wir sind vielleicht weniger naiv, wissen nun, dass Dinge, die andernorts passieren, auch bei uns passieren können", sagt sie.

Damals war Norwegen überfordert. Es gab keine Hubschrauber. Schwer bewaffnete Polizisten trauten sich erst viel zu spät, vom Festland auf die nahe der Hauptstadt liegende Insel überzusetzen. Breivik hatte 90 Minuten Zeit zum Morden. Er rief schließlich selbst bei der Polizei an, um seine Festnahme zu erbitten. Inzwischen ist die Polizei nach eigener Aussage besser auf Terrorakte vorbereitet. "Bei einem solchen Angriff heute gebe es nicht den gleichen Ausfall", versicherte Polizeidirektor Odd Humlegård kürzlich. 1049 zusätzliche Bereitschaftsmaßnahmen seien seit dem 22. Juli 2011 eingeführt wurden.

Aber auch politisch war das Land der Situation nicht gewachsen. Ausgerechnet in Norwegen, wo solche Übergriffe unvorstellbar erschienen, griff Breivik, ein frustrierter Einzeltäter, an. Es gab mehr Todesopfer als bei den Anschlägen von London 2005. Breivik ist kein klassischer Rechtsextremer, sondern eher ein Moslemhasser, der in Schwulenbars gesehen worden sein soll. "Unsere Antwort wird mehr Demokratie sein, mehr Offenheit und mehr Menschlichkeit. Aber nie Naivität", sagte Ministerpräsident Jens Stoltenberg damals. Doch trotz starker Worte hat sich politisch und gesellschaftlich kaum etwas im Land verändert, meinen Kritiker.

Die rechtspopulistische Fortschrittspartei (FRP), deren Politiker genau wie Breivik die Einwanderung von Menschen aus muslimischen Ländern als "Dolch in den Rücken der norwegischen Kultur" beschrieben hatten, ist seit 2013 erstmals in der Regierung vertreten. Auch der Umstand, dass Breivik vor den Anschlägen aktives FRP-Parteimitglied war, wird nicht diskutiert.

"Selbst für Sozialdemokraten war und ist es ein Tabu zu kritisieren, dass Breivik die FRP offenbar als Gesinnungsgenossen empfunden hatte und dass deren Brandreden Fremdenfeindlichkeit schüren", sagt Shoaib Sultan vom Antirassistischen Zentrum in Oslo.

Kritisiert wird auch, dass zu sehr auf Breivik als Person geblickt wurde. "Man suchte nach psychologischen Gründen. Breivik wird zum Phänomen, seine Hassideologie wird kaum thematisiert und damit kaum entschärft", sagt Sultan. Zudem gerät das Massaker angesichts der radikalislamistischen Attentate in anderen Ländern zunehmend in Vergessenheit. Hernik Syse vom norwegischen Friedensforschungsinstitut PRIO sagt: "In Norwegen reden wir nur noch vom islamistischen Terror. Es heißt, der Terror kommt immer näher zu uns. Diese Vorstellung ist sonderlich, wenn man bedenkt, dass man in Norwegen bereits einen dramatischen Terrorangriff von innen heraus hatte."

Quelle: RP
Diskussion
Ihre Meinung zum Thema ist gefragt

Schreiben Sie jetzt Ihre Meinung zu:

Stockholm: Fünf Jahre nach Utøya


Beachten Sie dabei bitte unsere Regeln für Leserkommentare.