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Zehn Fragen zur Hadsch
„Ich fühlte mich wie neugeboren“

Hadsch in Mekka: Zehn Fragen an einen Moslem
Muslime versammeln sich zum Gebet um die Kaaba. FOTO: dpa
Düsseldorf. Ab Mittwoch pilgern wieder hunderttausende Muslime nach Mekka. Was passiert da eigentlich? Wir haben einen Moslem aus NRW gefragt, der schon da war. Von Sebastian Dalkowski

Was hat es überhaupt mit diesem… dieser Hadsch auf sich?

Eren Güvercin Die Hadsch ist die Pilgerfahrt nach Mekka in Saudi-Arabien und gehört zu den fünf Säulen des Islam. Ein Muslim muss einmal in seinem Leben, sofern er körperlich und finanziell in der Lage ist, nach Mekka pilgern und das Haus Allahs besuchen. Die Hadsch findet an bestimmten Tagen des Monats Dhu'l Hiddscha statt.

Das ganze dauert mehrere Tage. Was macht Ihr denn da so lange?

Güvercin Die eigentliche Hadsch und die dafür notwendigen Riten dauern lediglich einige Tage. Jedoch reisen Muslime in der Regel für mindestens zwei, viele sogar für vier Wochen zur Hadsch, um sowohl in Mekka länger Zeit zu verbringen, als auch Medina zu besuchen, die Stadt, in der der Prophet Muhammed begraben liegt. Für die Hadsch sind die männlichen Pilger lediglich in zwei Tücher verhüllt. Sonst tragen sie nichts. Die Frauen haben es da einfacher. Sie können sich normal kleiden. Dieser Weihezustand nennt sich Ihram. In diesem Zustand vollzieht man die Riten. Das zentrale Ereignis der Hadsch ist das Stehen auf der Ebene Arafat. Millionen Menschen versammeln sich auf dieser Ebene und beten zu Gott. Weitere Teile der Hadsch sind die Übernachtung in Mudalifa und die anschließende symbolische Steinigung des Teufels. Am Ende rasieren sich die Männer die Haare ab oder schneiden sie zumindest, während die Frauen lediglich eine Haarsträhne abschneiden. Zur Hadsch gehört auch die Tawaf, also die Umrundung der Kaaba, und die Sa'i, das ist das Laufen zwischen den Hügeln Safa und Marwa unweit der Kaaba. All diese Riten basieren auf Ereignissen aus den islamischen Überlieferungen.

Dürfen Frauen zur selben Zeit dort sein wie die Männer?

Güvercin Ja natürlich. Frauen und Männer verrichten die Hadsch gemeinsam.

Was ist das überhaupt für ein schwarzer Klotz, um den alle laufen?

Güvercin Die Kaaba ist das Haus Allahs und geht zurück auf Adam und Abraham. Es hat also weit vor dem Propheten Muhammed eine spirituelle Bedeutung gehabt. Im Umfeld der Kaaba haben nach islamischer Überlieferung verschiedene bedeutende Ereignisse stattgefunden, an die die Riten der Hadsch anknüpfen. Die Pilger umrunden die Kaaba und preisen Allah, den Schöpfer aller Dinge. Muslime in der ganzen Welt richten sich zur Kaaba, wenn sie fünfmal am Tag beten.

Sie waren 2001 da. Was ist Ihnen am besten in Erinnerung geblieben?

Güvercin Das Faszinierende an der Hadsch ist, zu erkennen, dass im Islam alle Wege zum Hause Allahs führen. Nationalität und andere Dinge werden sofort hinweg gefegt. Egal, von wo die Pilger herkommen, und egal, was ihr sozialer Status sein mag, sie werden von einer einzigen Sache an einen einzigen Punkt gezogen – vom Verlangen, Allah an seinem Haus anzubeten und die Riten der Hadsch zu vollziehen. Und selbstverständlich macht die Hadsch auch etwas mit einem selbst. Es ist ja nicht nur eine äußerliche, sondern auch eine innerliche Reise.

Mit welchem Gefühl sind Sie zurückgekehrt?

Güvercin Man sagt ja oft im Alltag, man fühle sich wie neugeboren. Nach der Hadsch war es nicht nur eine Floskel, sondern ich fühlte mich in der Tat wie neugeboren.

Mal ehrlich – tut man da auch irgendwelche Dinge, die nicht so ganz im Sinne Allahs sind?

Güvercin Überall wo Menschen zusammenkommen, gibt es einige, die wegen etwas anderem dort sind. Natürlich gibt es auch während der Pilgerfahrt Leute, die zum Beispiel Bettler organisieren und dafür missbrauchen, um Geld zu machen. Und darüber hinaus bringt die Hadsch für den Einzelnen Strapazen mit sich. Es ist heiß, Millionen von Menschen sind auf einem Fleck. Am liebsten will man jemanden anbrüllen, der dich eben angerempelt hat. Und gerade da gilt es sich zu vergegenwärtigen, warum man auf der Hadsch ist. Die Geduldsproben sind ein Teil dieser Reise, die man meistern muss.

Welcher Teil der Hadsch ist am langweiligsten?

Güvercin Langeweile habe ich dort nicht gespürt. Der Gläubige geht mit einer bestimmten Absicht dort hin, bereitet sich lange auf diese Reise vor, und bucht die Pilgerfahrt nicht Last-Minute. Es ist ja keine touristische Reise, sondern eine spirituelle. Man ist sich der Bedeutung dieser Reise bewusst, und vielleicht wird man in seinem Leben nie mehr die Möglichkeit haben, das Haus Allahs zu besuchen. Man erlebt auch lustige Dinge auf der Hadsch. Ich bin in Medina einem jungen Afghanen begegnet, in meinem Alter etwa, der mit einem Fragezeichen im Gesicht vor einer Rolltreppe stand und nicht weiterging. Erst nach einem Augenblick habe ich bemerkt, dass er noch nie eine Rolltreppe benutzt hatte und verunsichert war. Nachdem ich ihm gezeigt hatte, wie das geht, haben wir gemeinsam darüber gelacht.

Ist die Hadsch nicht ziemlich gefährlich? Vor zwei Jahren starben hunderte Menschen in einer Massenpanik.

Güvercin Immer wenn solche Menschenmassen zusammenkommen, gibt es Unfälle. Kontrollieren kann man das Ganze nie. Die Organisation der Hadsch stellt die saudischen Behörden vor eine große Herausforderung. Ständig werden Routen, die intensiv genutzt werden, erweitert, um die Menschenmassen sicher zum Ziel zu bringen. Aber egal, welche Vorkehrungen man trifft, man kann nie für völlige Sicherheit sorgen. Hinzu kommt das Klima, das die Gesundheit der Pilger in Mitleidenschaft zieht. Es gab einige wenige größere Vorfälle, bei denen Menschen ums Leben kamen. Aber alles in allem ist die Hadsch sehr gut organisiert.

Ihr Tipp für Muslime, die dieses Jahr zum ersten Mal hinfahren?

Güvercin Smartphone im Hotel lassen, auf Selfies verzichten und sich auf das Wesentliche konzentrieren.

Eren Güvercin (Jahrgang 1980) ist Sohn türkischer Einwanderer und wuchs in Leverkusen auf. Nach dem Abitur studierte er Jura in Bonn. Der Moslem arbeitet als freier Journalist und Autor. 2012 veröffentlichte er das Buch "Neo-Moslems: Porträt einer deutschen Generation" (Herder, 201 S., 11,99 Euro; nur noch als eBook erhältlich). FOTO: Güvercin
 
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