Berlin: Täter ist möglicherweise psychisch krank: Haftbefehl gegen Berliner Bus-Geiselnehmer
zuletzt aktualisiert: 28.04.2003 - 19:50Berlin (rpo). Unblutig ist auch die dritte Busentführung innerhalb von gut zwei Wochen in Deutschland zu Ende gegangen. Das Amtsgericht in Berlin hat am Montag Haftbefehl gegen den festgenommenen 27-jährigen Täter erlassen.
Derzeitig bestehe gegen den Libanesen der dringende Verdacht der Geiselnahme, teilte Justizsprecher Björn Retzlaff am Abend mit. Der Mann habe gestanden, den Busfahrer am Sonntagabend mit einem Messer bedroht und das Fahrzeug in seine Gewalt gebracht zu haben. Es war die dritte Busentführung innerhalb von zwei Wochen in Deutschland. Sie hat eine Diskussion über die Sicherheit im Nahverkehr ausgelöst.
Zuvor waren am 11. April in Berlin und am vergangenen Freitag in Bremen Linienbusse entführt worden. Im Bremer Fall war ein in Libanon geborener 17-Jähriger der Entführer; in den beiden jüngsten Fällen könnten auch politische Hintergründe eine Rolle spielen.
Ob und inwieweit der Beschuldigte im jüngsten Fall psychisch krank ist, müsse in den weiteren Ermittlungen geklärt werden, sagte Retzlaff. Zunächst werde er in die Justizvollzugsanstalt Moabit gebracht. Falls es sich bestätige, dass der Täter krank sei, werde er in einer psychiatrischen Klinik untergebracht.
Über das Motiv der jüngsten Geiselnahme in einem Berliner Bus der Linie X 21 am Sonntagabend gibt es weiterhin keine Klarheit. Laut Retzlaff hoffen die Ermittler durch die Vernehmung des 27-jährigen Libanesen erste Antworten zu finden. Der Tatverdächtige soll nach Angaben von Zeugen "den Rückzug der Israelis aus den besetzten Palästinensergebieten" gefordert haben. Er hatte den Bus am Sonntagabend gegen 20.20 Uhr in seine Gewalt gebracht und bedrohte den Fahrer und zunächst acht Fahrgäste mit einem Messer. Eine Familie mit drei Kindern ließ er jedoch schnell frei. Nach kurzen Verhandlungen stellte er sich ohne weiteren Widerstand der Polizei. Zuvor hatten Spezialeinsatzkräfte den Bus umzingelt. Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmer will die derzeitige Schutz-Ausstattung in Bussen untersuchen und diese - wenn möglich - verbessern, sagte Sprecher Friedhelm Bien. Ein Polizeipsychologe forderte zudem, Busfahrer in Aus- und Fortbildungen auf mögliche Entführungen vorzubereiten. "Wir dürfen Busfahrer mit ihrer Angst vor Entführern nicht allein lassen", sagte Adolf Gallwitz von der Polizei-Hochschule im baden-württembergischen Villingen- Schwenningen.
Erst am vergangenen Freitag hatte in Bremen ein 17-Jähriger einen Bus entführt und 16 Geiseln genommen, bevor er aufgab. Der gebürtige Libanese mit deutscher Staatsangehörigkeit ist geständig. In Briefen hatte er sich zuvor als "Gotteskrieger" im Kampf gegen Israel bezeichnet. Unterdessen hat Bremens Innensenator Kuno Böse (CDU) die gegen ihn erhobene Kritik im Zusammenhang mit der Busentführung vom vergangenen Freitag zurückgewiesen. Böse hatte nach der unblutig beendeten Geiselnahme von einem "eindeutig islamistischen Hintergrund" gesprochen, was als voreilig kritisiert worden war. Er schließe nicht aus, dass der 17 Jahre alte Geiselnehmer "verwirrt ist", sagte Böse am Montag. Nach Angaben des Polizeipsychologen Gallwitz stellen Busentführungen eine zunehmende Bedrohung dar. Der Antrieb zu solchen Taten sei ähnlich wie bei Selbstmordattentaten: "Wut und Hilflosigkeit über außenpolitische Bedrohungen und über Probleme wie Arbeitslosigkeit und Zukunftsängste bilden häufig den Nährboden", sagte der Professor. Laut Bien ist es wichtig, potenzielle Nachahmer abzuschrecken. So genannte Trittbrettfahrer müssten wissen, dass ein Busentführer noch nie sein Ziel erreicht habe.
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