16-Jähriger in Jugendgefängnis eingeliefert: Haftbefehl gegen Geiselnehmer
zuletzt aktualisiert: 19.10.2002 - 19:38Waiblingen (rpo). Gegen den Geiselnehmer von Waiblingen ist Haftbefehl erlassen worden. Eine Richterin des örtlichen Amtsgerichts habe dem Antrag der Staatsanwaltschaft Stuttgart stattgegeben, teilten die Ermittler mit.
Der 16-Jährige wird in ein nicht genanntes Jugendgefängnis eingeliefert. In seiner ersten Vernehmung durch die Polizei hatte der Jugendliche ein umfassendes Geständnis abgelegt. Er hatte am Freitag über Stunden in der Friedensschule mehrere Sechstklässler in seiner Gewalt gehalten, bevor er am Abend seine beiden letzten Geiseln unversehrt frei ließ.
Nach Angaben eines Polizeisprechers vom Samstag sagte der 16- Jährige, er habe sich erst während der Tat überlegt, ein Lösegeld zu fordern. Die Kinder habe er sich gezielt aus der Gruppe von zehn Schülern und einer Lehrerin ausgesucht. Nach eigenen Aussagen habe der Jugendliche sich bemüht, die Atmosphäre in dem Computerraum der Friedensschule so angenehm wie möglich zu gestalten. Obwohl der Jugendliche schon seit Monaten nicht mehr an der Schule im Waiblinger Ortsteil Neustadt unterrichtet wurde, soll er nach Angaben des Polizeisprechers "berechtigter Weise" in dem Computerraum gewesen sein. "Er nahm an der Computer AG nicht beständig teil, aber hin und wieder." Während des Unterrichts zog der 16-Jährige dann eine Waffe.
Nach eigenem Bekunden habe er vier Jungen bestimmt, die mit ihm in der Klasse bleiben mussten. "Er will sich diejenigen herausgesucht haben, die ihm auf Grund ihrer persönlichen Verfassung in der Lage schienen, die Situation zu bewältigen", sagte der Polizeisprecher. Der Geiselnehmer nahm per Handy selbst Kontakt zur Polizei auf, die zuvor von freigelassenen Schülern alarmiert worden war. "Der Täter selbst hatte sich nach eigenen Angaben auf eine längere Geiselnahme eingerichtet", sagte der Polizeisprecher. Er habe vorsorglich Wasser und ein Sanitätspäckchen dabei gehabt.
Bereits am Vormittag die Schule aufgesucht
Nach Angaben des Rektors der Friedensschule hatte sich der 16- Jährige schon vormittags in der Schule aufgehalten und sich bei Lehrern und dem Hausmeister nach der für den Computerunterricht zuständigen Lehrerin erkundigt. Dies sei aber nicht weiter aufgefallen, da er öfters in seine ehemalige Schule gekommen sei und auch deren Homepage im Internet mitgestaltete.
Der Schulleiter sieht als Motiv für die Tat den "Wunsch nach Anerkennung". Der Täter, der als kleines Kind von einer Waiblinger Familie adoptiert wurde, habe in zwei Welten gelebt: "In der Realität und in seiner Traumwelt." Nach Angaben der Schule war der Junge nicht von der Schule geflogen. Er habe vielmehr auf Grund eines Wohnsitzwechsels die Schule in Neustadt freiwillig verlassen und sei zuletzt auf eine andere Waiblinger Schule gegangen.
Erneut bestätigte die Polizei, dass der Jugendliche in den Gesprächen mit den Beamten einen ruhigen und gefassten Eindruck gemacht habe. Auch habe er die mit ihm eingeschlossenen Kinder gut behandelt. "Er gab ihnen zu trinken, als sie Durst hatten und bestellte Pizza, als sie hungrig wurden", sagte der Sprecher. Die Geiselnahme in Waiblingen hatte auch die Schreckensbilder aus Erfurt im April dieses Jahres wachgerufen. Ein 19-jähriger Ex-Schüler hatte am Gutenberg-Gymnasium 16 Menschen erschossen. Unter den Toten waren 12 Lehrer, zwei Schüler, eine Sekretärin und ein Polizist. Der Täter hatte sich nach dem Massaker selbst getötet.
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