Berlin sorgt sich um Juhnke: "Harald, bitte melde dich!"
zuletzt aktualisiert: 06.12.2000 - 08:42Berlin (dpa). Harald Juhnkes Zwangspause wird immer länger und die Berliner machen sich langsam Sorgen um einen ihrer Lieblinge. Er ist nun einmal wie die Kollegen Günter Pfitzmann, Manfred Krug, Brigitte Mira oder Hildegard Knef (die Ende Dezember ihren 75. Geburtstag feiert) eine "Berliner Institution" und gehört zu Berlin wie der Funkturm und das Brandenburger Tor. "Wenn ich aus Berlin weggehe, dann ist das so, als würde die Gedächtniskirche umfallen", hat er mal gesagt..
Nun ist der Entertainer schon seit einem halben Jahr nicht mehr in der Berliner Öffentlichkeit in Erscheinung getreten - ein "Markenzeichen" Berlins, wie ihn Manfred Stolpe nannte, verschwindet von der Bildfläche. Nach dem vorletzten Rückfall rief ein Juhnke im Dezember 1997 noch: "Berlin, ick bin wieder voll da!" Jetzt titeln Berliner Zeitungen "Harald, bitte melde dich!" oder "Harald, wir lieben dich - Berliner, macht ihm Mut!"
Da zittert halb Berlin mit, wenn einer seiner prominentesten Bewohner "angeknackst" ist, und bei Juhnke hatten die Berliner schon einige Male kräftig Gelegenheit dazu. Diesmal scheint es wirklich ernster zu sein, jedenfalls deutet allein die Länge der Zwangspause Juhnkes seit dem letzten Alkoholrückfall im vergangen Juli darauf hin - für den 71-Jährigen die bisher längste Pause in seiner 50-jährigen Karriere. Jetzt sagte er alle Termine bis Ende Februar ab.
Juhnke geht nicht ans Telefon
Genauere Auskünfte gibt es nicht. Sein Manager sagte der dpa dieser Tage lediglich, Juhnke habe sich "nach Rücksprache mit seinen Ärzten entschlossen, seine Rekonvaleszenzzeit zu verlängern". Kein Wort mehr. Juhnke selbst geht nicht ans Telefon, auch Freunde haben es da schwer, wie sie den Zeitungen berichten.
Die Berliner sind ja schon einiges gewohnt mit ihrem Harald und er selbst hat sich bisher immer wieder als ein wahres "Stehaufmännchen" erwiesen. Lange Jahre schwang da auch etwas Bewunderung darüber mit, mit solchen Alkoholeskapaden und -rückfällen doch immer wieder eine berufliche Höchstleistung zu bringen, sowohl was die physische Belastung des Berufes als auch die eine oder andere schauspielerische Glanzleistung betrifft. "Egal, ob der trinkt, Hans Albers hat auch getrunken", hieß es da.
Zuletzt aber wurden auch kritischere Stimmen unter seinen Fans unüberhörbar, die seinen ständigen Beteuerungen, diesmal sei es wirklich das letzte Mal gewesen, da er "ein nächstes Mal" nicht überleben werde, nicht mehr so recht glauben wollten. Bis zu seinem letzten Rückfall im Sommer 1999 in Österreich war der Schauspieler drei Jahre "trocken".
Zu den Gründen für seinen exzessiven Alkoholkonsum hat sich Juhnke in der Vergangenheit schon mehrfach freimütig geäußert, zuletzt nach seinem dreimonatigen Aufenthalt in der Baseler Klinik im vergangen Oktober. Damals sprach er von der Angst zu versagen. In seinen 1998 erschienenen Memoiren ("Meine sieben Leben") gestand er, dass er sich manchmal als einen "müden Mann" sehe, "der mit sich privat wenig anzufangen weiß - auf deprimierende Weise wenig anzufangen weiß".
"Was hast du aus deinem Leben gemacht?"
Juhnke brillierte zuletzt auf der Bühne in Carl Zuckmayers wilhelminische Preußen-Satire "Der Hauptmann von Köpenick". Den ergreifenden Monolog aus diesem Stück (wenn Gott den Schuster und falschen Hauptmann fragt: "Was hast du aus deinem Leben gemacht, Wilhelm Voigt?") trug er seinem behandelnden Arzt in Basel vor, den er damit zu Tränen rührte. "Sie sind ein Genie, Herr Juhnke", meinte der darauf hin, wie sich Juhnke an seinem 70. Geburtstag erinnerte. "Und mit einem Genie geht man nicht so um, wie Sie es bisher getan haben!"
Im Fernsehen war er in Hans Falladas Verfallstudie "Der Trinker" zu erleben, der Rolle seines Lebens, wie viele Kritiker schrieben. Seine Kollegin Marianne Hoppe weinte, als sie Juhnke in dieser Rolle sah und rief ihn spontan an. "Wenn das Gustaf noch erlebt hätte", sagte die Ex-Frau von Gustaf Gründgens zu dem großen Jungen und "blauen Bengel" aus dem Berliner Wedding anerkennend. Zuletzt sah man Juhnke in Gerhart Hauptmanns Altersstück "Vor Sonnenuntergang" auf dem Bildschirm.
Kurz vor seinem 70. Geburtstag im Juni vergangenen Jahres meinte Juhnke in einem dpa-Gespräch, das Alkoholproblem endlich im Griff zu haben. "Ich habe ja jetzt keine andere Chance mehr. Ich kann es mir einfach nicht mehr leisten." Und dann kam der Abend des 10. Juli 1999 im österreichischen Baden bei Wien nach einem anstrengenden Drehtag - in einer Bar floss wieder reichlich der Wodka.
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