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Heizen nachts um halb vier

Kolumne Total Digital: Heizen nachts um halb vier
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Düsseldorf. Eigentlich ist der Thermostat "Nest" eine tolle Erfindung: Er soll selbst lernen, wann die Bewohner eine warme Wohnung wünschen. Das ist nur eine Komponente im System des "Intelligenten Hauses". Es mag zwar klug sein, muss aber noch viel lernen. Von Ulrike Langer

Mein neuer Heizungsthermostat spinnt. Mehrmals am Tag stehe ich vor ihm und wedele mit den Armen, um ihm zu signalisieren, dass ich zu Hause bin und er gefälligst den Befehl zum Heizen geben soll. Das macht er dann auch – für ein oder zwei Stunden. Dafür denkt er wiederum, dass ich es ab und zu nachts um halb vier gerne mollig hätte und fährt mit viel Lärm in den Lüftungsschlitzen die Heizung hoch.

Mein eigenwilliger Thermostat heißt "Nest" und ist theoretisch eine Super-Erfindung: Ein selbstlernendes Steuerungsgerät, das nach einigen Wochen die Gewohnheiten der Hausbewohner kennt und vorausdenkend heizt oder in den Energiesparmodus schaltet. Da Nest ans Internet angeschlossen ist, lässt es sich per App von überall auf der Welt kontrollieren. Mit meinen Eingriffen aus der deutschen Zeitzone habe ich den Algorithmus meines neuen Geräts im Januar wohl ziemlich durcheinander gebracht. Jetzt muss ich es neu trainieren.

Während mein Problem wohl eher selten auftaucht, fühlen sich viele Amerikaner nicht so richtig wohl mit einem intelligenten Thermostat an der Wand, das regelmäßig ins Internet hinausposaunt, wann man zu Hause ist. Neulich berichtete sogar die "New York Times" von unterkühlten Babyzimmern nach einem Softwarefehler bei Nest. Außerdem halten Datenschutzprobleme und der noch relativ hohe Gerätepreis (rund 250 Dollar) die Verkaufszahlen bisher unter den Erwartungen.

Das hatte sich Google wohl anders vorgestellt, als es vor zwei Jahren Jahren für 3,2 Milliarden Dollar die Firma Nest Labs kaufte, die neben Thermostaten auch Rauch- und Einbruchsmelder sowie 70 weitere Sensoren und Überwachungsanlagen produziert.

Damals sagten mehr als ein Drittel aller Amerikaner in einer Marktumfrage, dass sie gerne ein digitales System hätten, das selbsttätig die Lampen im Haus kontrolliert. Doch nur ein Prozent hatte bereits eine Anlage installiert. Andererseits bekunden jetzt schon zwei Drittel der US-Bürger, dass sie in vier Jahren ein solches System gerne hätten. Und sie glauben, dass die intelligenten Steuerungen in zehn Jahren genauso gebräuchlich seien wie heutzutage Smartphones.

Der sich selbst befüllende Kühlschrank gehört zumindest für Otto Normalverbraucher (amerikanisch: John Doe) ins Reich der Albernheiten und wird dort wohl auch bleiben. Ein Sensor, der schon kleinste Gasaustritte erkennt und die Gasleitung zudreht, bevor es gefährlich wird, leuchtet schon viel eher ein. Das intelligente Haus hat allerdings noch viel zu lernen, bevor es sich durchsetzen wird. Nach meinen Erfahrungen mit Nest denke ich dabei vor allem an Lampen und Rauchmelder, die sich mitten in der Nacht einschalten.

Ulrike Langer ist freie Korrespondentin an der US-Westküste und Digital-Expertin. Ihre Meinung? Schreiben Sie unserer Autorin an kolumne@rheinische-post.de

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