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Greifswald
Hölle und Eis im Greifswalder Kernfusions-Experiment

Greifswald. Eine Million Grad heiß war das Plasma, das die Forschungskammer "Wendelstein 7-X" in Greifswald erzeugte. In der Schwebe hielten es durch flüssiges Helium bis auf -270 Grad heruntergekühlte Hochleistungsmagneten. Gesteuert von einem Kontrollzentrum wurden nur etwa zehn Milligramm Helium in das Magnetfeld einer Vakuumkammer der 725 Tonnen schweren Anlage eingeleitet und erhitzt. Das Experiment soll zeigen, wie in Zukunft Reaktoren zur Kernfusion arbeiten können.

"Das ist ein toller Tag", sagte die Wissenschaftliche Direktorin Sibylle Günter nach dem ersten Experiment. In der Anlage des Max-Planck-Instituts für Plasmaphysik (IPP) in Mecklenburg-Vorpommern soll die Verschmelzung von Atomkernen zum Zweck einer kohlenstofffreien Energieerzeugung erforscht werden. Strom kann der Versuchsaufbau allerdings noch nicht erzeugen, denn eine Kernfusion, bei der die aufgewendete Energie die freigesetzte übersteigt, ist bislang noch nicht möglich. In zwei Jahren wollen die Greifswalder Wissenschaftler ähnliche Versuche mit dem radioaktiven Wasserstoff-Isotop Deuterium durchführen.

Nichtsdestotrotz sehen die Greifswalder Wissenschaftler schon den jünsten Versuch als großen Erfolg an. Das Experiment lieferte der Forschung wichtige Daten darüber, wie das zur Kernfusion nötige, superheiße Plasma durch ein kreisförmiges Magnetfeld in der Schwebe gehalten werden kann. Denn hätte die heiße Wolke aus Heliumplasma die Keramikwand der Kammer berührt, wäre sie abgekühlt und zusammengebrochen.

Die Grundlagen für das Experiment stammen noch aus den 1950er Jahren, als Wissenschaftler nach Wegen suchten, die theoretischen Erkenntnisse über die Kernfusion zu zivil nutzbarer Energie zu machen. Beim Militär hat sie indes seit Mitte der 50er eine Verwendung: Wasserstoffbomben funktionieren auch nach dem Prinzip der Kernfusion. Außerhalb der Erde ist das Phänomen von der Sonne bekannt, deren "Motor" die Kernfusion ist.

Anders als bei der Kernspaltung in konventionellen Atomkraftwerken werden bei der Fusion nur minimale Mengen Radioaktivität freigesetzt. Zudem kann die Fusion im Gegensatz zur Kernspaltung nicht zu einer Kettenreaktion führen. Sie gilt somit als Anwärter für eine alternative oder die Wind-, Gas- und Wasserkraft ergänzende Energiequelle. "Wendelstein 7-X" ist neben einer Anlage in Japan das weltweit größte Fusionsexperiment vom Typ "Stellarator". Im Gegensatz zum "Tokamak"-Reaktor, wie er zum Beispiel in Frankreich in der Forschung eingesetzt wird, kann ein "Stellarator" theoretisch unbegrenzte Zeit arbeiten und muss sich zum Aufbau des Magnetfeldes nicht abschalten.

(dpa/bur)
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